Dienstvorschriften
der Deutschen Reichsbahn
Übersicht

In einem solch technisch und organisatorisch hochkomplexen System wie der Eisenbahn ist es für den reibungslosen Betrieb und im Interesse der Sicherheit von Fahrgästen, Gütern, Bediensteten, Fahrzeugen und Anlagen absolut unerläßlich, bestimmte feststehende Regeln zu vereinbaren und ihre Einhaltung ständig zu überwachen. Darum haben die Eisenbahngesellschaften schon sehr früh begonnen, Normen, Richtlinien und Vorschriften zu erarbeiten und zu dokumentieren. Gleichzeitig wurde die Kenntnis der betreffenden Vorschriften den Bediensteten zur Pflicht gemacht, welche durch einmalige und in besonders wichtigen Fällen auch durch regelmäßige Prüfungen kontrolliert wurde. Je nach Wichtigkeit der Dienstvorschriften für die einzelnen Bediensteten kann die Verteilung der Reichsbahn-Drucksachen eingeteilt werden in Die Deutsche Reichsbahn stand bei Ihrer Gründung vor der Situation der Existenz einer Vielzahl unterschiedlicher Dienstvorschriften von ihren Vorgänger-Gesellschaften. Diese galt es zu aktualisieren und für den Gesamtbereich der Reichsbahn zu vereinheitlichen. Eine solch gewaltige und komplizierte Aufgabe konnte natürlich nicht in einem Schritt und auch nicht in kurzer Zeit vorgenommen werden. Demzufolge galten in den Bereichen der ehemaligen Länderbahnen dort zunächst noch solange deren alte Dienstvorschriften weiter, bis entsprechende neue Vorschriften erlassen wurden. Das war in vielen Fällen auch vom Stand der vorhandenen Bahntechnik abhängig und dauert folglich bis zu einer Angleichung dieser technischen Gegebenheiten. Mitunter wurden darum auch erst einmal vorläufige Vorschriften erlassen, um wenigstens die organisatorischen Regelungen anzugleichen, falls die technische Angleichung noch nicht möglich war.

Vor der Notwendigkeit der Angleichung von Vorschriften stand die Reichsbahn zu späteren Zeitpunkten noch mehrfach, als zunächst Privatbahnen übernommen wurden und dann 1938 die Bundesbahnen Österreichs integriert werden mußten. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dehnte sich der Wirkungsbereich der Reichsbahn immer stärker aus und es mußten derartige Integrationsaufgaben noch mehrfach bewältigt werden. Allerdings wurde dann oft weitaus rücksichtsloser vorgegangen und die Geltungsbereiche der vorhanden Reichsbahn-Dienstvorschriften ohne Anpassung einfach ausgedehnt. Nur wo es aus technischen Gründen nicht möglich war, die bestehenden Reichsbahnvorschriften auf vormals fremden Gebiet ungeändert zu übernehmen (beispielsweise bei der vorgefundenen Signal- und Sicherungstechnik), wurden auch die damit verbundenen vorhandenen Vorschriften ins deutsche übersetzt und vorübergehend weiter angewandt.

Die Dienstvorschriften der Reichsbahn wurden nach Fachbereichen in 10 Gruppen gegliedert und trugen dreistellige Nummern, wobei die erste Stelle die Gruppe repräsentierte; es trugen also auch die Vorschriften der Fachgruppe 0 dreistellige Nummern mit vorangestellter "0" . Die Mehrzahl der Vorschriften wurde in Broschürenform im Format A5 gedruckt, die Einbände waren nach einem Farbschema den Fachgruppen zugeordnet. Wenige Vorschriften wurden im A4-Format ausgefertigt. Das betraf vor allem solche DVen, die besonders große grafische Darstellungen enthielten oder die im Anhang Muster-Formblätter in Originalgröße enthielten, wie beispielsweise die "Aushangmustersammlung" DV 629. Einige wenige Vorschriften, die das betreffende Personal ständig bei sich zu führen hatte, oder Vorschriften mit sehr geringem Umfang wurden auch im A6-Format gedruckt, so z.B. die "Dienstanweisung für den Gepäckträgerdienst" DA 018.

Besonders umfangreiche Vorschriften, welche aber für bestimmte Beschäftigtengruppen jeweils nur in Teilen von Bedeutung waren, wie beispielsweise die "Eisenbahn- Bau- und Betriebsordnung" DV 300, wurden auch in Auszügen für diese Beschäftigtengruppen gedruckt, dabei gab es mitunter mehrere verschiedenartige Auszüge. Solche Auszüge erhielten keine neue Nummern, mitunter wurde jedoch ein Kleinbuchstabe an die DV-Nummer angehangen, z.B. beim "Auszug aus den Personenwagenvorschriften für Zugführer" DV 409a. Diese Praxis wurde aber auch angewandt, wenn die Vorschrift aufgrund ihres Umfanges auf mehrere Druckschriften aufgeteilt wurde. Allerdings gab es in solchen Fällen auch vielfach die Variante, daß eine hochgestellte römische Ziffer angehangen wurde. Bei sehr umfangreichen Vorschriften wurden auch bestimmte Kapitel oder alle bzw. einzelne Anhänge in separaten Druckschriften veröffentlicht, z.B. bei den "Vorschriften für den Bremsdienst" DV464. Solche einzelnen Teile einer DV müssen nicht unbedingt zum gleichen Zeitpunkt ausgegeben worden sein.
Es gab auch viele Vorschriften, insbesondere die Dienstanweisungen aus der Fachgruppe 0, die in ihrem Anhang Auszüge aus anderen Vorschriften enthielten. Damit wurde erreicht, daß bei persönlich mitzuführenden Vorschriften nicht auch noch diejenigen Vorschriften mitzuführen waren, auf die im Inhalt Bezug genommen wurde. In den ganz frühen Vorschriften der Reichsbahn wurde die dreistellige Nummer nicht oder nur klein auf dem inneren Titelblatt gedruckt wurde. Etwa ab der zweiten Hälfte der 20er Jahre wurde die DV-Nummer gut sichtbar links unten oder links oben und unten auf dem Einband aufgedruckt. Der Einband und das Titelblatt enthielten bei vielen Vorschriften, insbesondere aus den Fachgruppen 0 bis 4, auch ein Signet der Reichsbahn.

Anfangs wurde dafür das gleiche Reichsbahn-Wappen mit umlaufendem Schriftzug wie an den Personenwagen verwendet. Ab 1933 wurde ein stilisierter Reichsadler ohne Umschrift verwendet (siehe obige Abbildung) und spätestens ab 1938 wurde der Reichsadler mit ausgebreiteten Flügeln und Hakenkreuz aufgedruckt.

Dem inhaltlichen Teil jeder Vorschrift vorangestellt ist ein Verteilerschlüssel und eine Tabelle für den Berichtigungsdienst. Für jedes Einzelexemplar war ein Reichsbahnangehöriger persönlich verantwortlich, der insbesondere sicherstellen mußte, daß Änderungen und Ergänzungen nach ihrer Veröffentlichung ohne Zeitverzug eingearbeitet wurden. Vorgenommene Änderungen mußten in dieser Tabelle für den Änderungsdienst mit Datum dokumentiert werden. Praktisch wurde der Berichtigungsdienst häufig dadurch unterstützt, daß die Änderungsmitteilungen ungebunden ausgeliefert wurden und von den verantwortlichen Beschäftigten auszuschneiden und in die vorhandenen Druckschriften an bezeichneter Stelle einzukleben waren.
Eine große Zahl besonders verbreiteter Vorschriften erhielt neben dem Titel und der dreistelligen Nummer auch eine offizielle Abkürzung, die sowohl umgangssprachlich als auch als Verweis aus anderen Vorschriften und sonstigen Quellen benutzt wurde. Wurden Vorschriften grundlegend erneuert, so wurde nicht nur der Gültigkeitsbeginn angegeben sondern auch welche Vorläufer-Druckschriften dadurch abgelöst wurden. Haben Vorschriften mehrere Änderungen in relativ kurzen Zeiträumen erfahren, so wurden solche Drucksachen mitunter auch neu aufgelegt und dabei alle bis dahin aufgetretenen Änderungen eingearbeitet. Solche Ausgaben daran sind erkennbar, daß neben dem (ursprünglichen) Gültigkeitsbeginn zusätzlich noch ein Hinweis "Ausgabe vom ..." angegeben ist.
Einzelne Vorschriften, insbesondere solche mit statistischem Zahlenmaterial oder technischen Vergleichs- oder Detaildaten, unterlagen Einschränkungen in der Art ihrer Veröffentlichung, z.B. "Nur für den Dienstgebrauch", oder wurden sogar unter Verschluß gehalten und als geheim eingestuft.

Wie bereits erwähnt, kam es bei der Übernahme fremder Bahngesellschaften zu technisch bedingten Übergangsfristen bis zur Einführung der Reichsbahn-Vorschriften. Um die dort gültigen DVen auch dem zugehörigen Ziffernbereich zuordnen zu können und dennoch ihre regionale Sonderstellung sofort erkennbar zu machen, wurde der sonst üblichen dreistelligen DV-Nummer eine vierte Stelle voran gestellt. Für die Vorschriften der ehemaligen Bundesbahnen Österreichs war das eine "1" und für die Vorschriften der ehemaligen Polnischen Staatsbahnen eine "2". So besaß der "Anhang zur Signalordnung für die Strecken der Ostmark" die Nummer 1301 und verwies somit leicht erkennbar auf das Signalbuch DV 301.
Die "Fahrdienstvorschriften für die Ostbahn (besetztes Polen)" trugen die Nummer 2408.

Gruppe Nummernbereich Fachbereich Einbandfarbe
0 001 - 099 Personal grau
1 100 - 199 Allgemeine Verwaltung grün
2 200 - 299 Finanzen braun
3 300 - 399 Betrieb
(Gesetze, Vorschriften des Vereins Mitteleuropäischer Eisenbahnverwaltungen)
rot
4 400 - 499 Betrieb (andere Vorschriften) rot
5 500 - 599 Verkehr und Tarif 
(Gesetze, Vorschriften des Vereins Mitteleuropäischer Eisenbahnverwaltungen)
blau
6 600 - 699 Verkehr und Tarif 
(Kundmachungen des Deutschen Eisenbahn-Verkehrsverbandes)
blau
7 700 - 799 Verkehr und Tarif (andere Vorschriften) blau
8 800 - 899 Bau violett
9 900 - 999 Maschinentechnik und Werkstätten gelb
Nachfolgend werden für jede Gruppe in einem gesonderten Dokument tabellarisch die bekannten Dienstvorschriften aufgelistet. Soweit davon Kenntnis besteht, werden auch Ausgabedaten und eventuelle Einschränkungen der Veröffentlichung genannt. Die Ziffernfolge der Dienstvorschriften ist nicht lückenlos. Eine in der Auflistung nicht aufgeführte Nummer bedeutet jedoch nicht, daß eine derartige DV nicht existiert hat, sondern nur daß bisher lediglich kein Beleg für die Existenz einer solchen DV gefunden wurde. Lücken in der Numerierung können auch darauf zurück zu führen sein, daß Vorschriften aufgehoben wurden, sobald die Grundlage für ihre Existenz nicht mehr gegeben war. So ist beispielsweise das Ostpreußenmerkblatt DV 741 im Herbst 1939 aufgehoben worden, als der privilegierte Korridorverkehr nicht mehr existierte. Einige Vorschriften galten nicht im gesamten Bereich der Reichsbahn sondern nur in einzelnen Reichsbahndirektionen. Ein Gesamtverzeichnis aller Dienstvorschriften der Reichsbahn mit ihren Titeln ist nicht bekannt. Es existierte jedoch eine Kartei der Reichsdrucksachen der Deutschen Reichsbahn, welche zu jeder Karteikartennummer (Nummer der Dienstvorschrift) das jeweils aktuelle Ausgabedatum und einen Verteilerschlüssel enthielt. Aus einzelnen Vorschriften oder anderen Quellen gibt es sichere Hinweise auf andere Vorschriften, für deren Existenz aber bisher kein weiterer Beleg gefunden werden konnte. In den nachfolgenden Tabellen werden derartige Vorschriften oder auch nur einzelne ungesicherte Angaben mit Fragezeichen gekennzeichnet.
Die angegeben Ausgabedaten stammen aus unterschiedlichen Quellen und können sowohl das Ausgabedatum als auch das Datum des Inkrafttretens der Vorschrift bezeichnen. Dabei sind Differenzen von einem und in Einzelfällen von bis zu vier Monaten zwischen diesen beiden Daten bekannt. Wenn zu einer Vorschrift mehrere Daten angegeben werden, kann das jüngste Datum möglicherweise auch nur die Herausgabe einer aktualisierten Neuauflage bezeichnen.
Ergänzende Hinweise werden jederzeit gern entgegengenommen!
Gruppe 0 Personal
Gruppe 1 Allgemeine Verwaltung
Gruppe 2 Finanzen
Gruppe 3 Betrieb
Gruppe 4 Betrieb
Gruppe 5 Verkehr und Tarif
Gruppe 6 Verkehr und Tarif
Gruppe 7 Verkehr und Tarif
Gruppe 8 Bau
Gruppe 9 Maschinentechnik und Werkstätten

Da die Dienstvorschriften für die Arbeit der Eisenbahner unverzichtbar waren, wurden sie natürlich auch bei deren Aus- und Weiterbildung genutzt. Speziell für diese Zwecke existierten aber bei der Deutschen Reichsbahn noch zwei weitere Reihen von Druckschriften. In vielen Fällen umfassen diese Hefte die maßgeblichen Inhalte mehrerer Dienstvorschriften samt nützlicher Erläuterungen, Illustrationen und Beispiele und sind somit für den heutigen Eisenbahnfreund oftmals interessanter als die Dienstvorschriften selber.
Herausgegeben wurden diese A5-Broschüren ab 1928 von Reinhold Rudolph von der Verkehrswissenschaftlichen Lehrmittelanstalt m.b.H. in Leipzig.
Vollständige Übersichten über die existierenden Ausgaben sind bisher nicht bekannt.

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