Eisenbahn und Fremdenverkehr
Eisenbahnreisen ins europäische Ausland
Deutschland als bevölkerungsreichstes Land Europas mit vergleichsweise großer Wirtschaftskraft und zentraler geografischer Lage war für viele andere europäische Eisenbahngesellschaften ein bevorzugter Platz in ihrem Bestreben, zusätzliche Kunden zu gewinnen. Obwohl sich auch in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung noch keine Auslandsreisen leisten konnte, gab es nach den Ersten Weltkrieg nicht wenige, für die dieser Luxus in den Bereich der finanziellen Möglichkeiten gelangte. Der Wunsch nach Reisen in die Schweiz sowie nach Italien und Norwegen erwuchs aber bereits in breiten Bevölkerungskreisen. Mit einer unübersehbaren Zahl von deutschsprachigen Werbebroschüren schilderten folglich ausländische Eisenbahn-Gesellschaften die Vorzüge und Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatländer.
Neben Besichtigungsreisen hatten Erholungsfahrten und Kuren einen bedeutenden Anteil an den Eisenbahnreisen Deutscher ins Ausland. Eine Reihe namhafter Kurorte in Böhmen, der Schweiz und Ungarn waren besonders auf deutsche Besucher ausgerichtet.

Auch viele berühmte Pilgerstätten und Wallfahrtsorte in Frankreich, Italien und Spanien lockten zahlreiche Katholiken aus Deutschland an. Nach solch bekannten Orten wie dem französischen Lourdes sowie zu großen Messen im Vatikan wurden mitunter sogar Pilgersonderzüge oder zumindest besondere Kurswagen eingesetzt.

Fremdenverkehrswerbung war in vielen Fällen auch Eisenbahnwerbung, da für Auslandsfahrten außer der Eisenbahn und in einigen Fällen dem Schiff keine anderen Verkehrsmittel in Betracht kamen.
Wer bereits einen eigenen PKW besaß, mutete sich selber und seinem Gefährt meist noch keine solch weite Fahrten zu. Der geringe Fahrkomfort und der hohe Kraftstoffverbrauch der damaligen Autos sowie die mit heutigen Verhältnissen vergleichsweise schlechte Ausbausituation der Fernstraßen machten längere Autofahrten zu wirklichen Strapazen. 
Jedoch boten die Deutsche Reichsbahn und natürlich auch andere Bahngesellschaften schon damals ihren Kunden die Möglichkeit, deren eigene vier Räder mit der Eisenbahn vom Wohnortes an den Urlaubsort und wieder zurück transportieren zu lassen. Zwar gab es noch keine speziellen Autotransportwagen oder Autoreisezüge, aber herkömmliche Rungenwagen erfüllten diesen Zweck ebenso gut und jeder mittelgroße Bahnhof besaß eine Güterladerampe, die zur Verladung geeignet war. Wer sich nicht zutraute, sein Automobil selbst auf einen Güterwagen zu fahren, konnte das gegen Gebühr auch von der Reichsbahn erledigen lassen.

Beliebtestes Auslands-Reiseziel der Deutschen war vor dem Zweiten Weltkrieg die Schweiz. Auch Italien und Norwegen standen in den Wünschen und Sehnsüchten vieler Deutscher ganz oben. Der große Nachbar Frankreich lockt nicht erst heute mit einer unübersehbaren Vielfalt kultureller Sehenswürdigkeiten und landschaftlicher Schönheiten. Für die bereits damals recht zahlreichen Wintersportfreunde waren neben den Alpenländern auch die Nachbarländer Tschechoslowakei und Polen beliebte Ziele. Der Mittelmeerraum mit seinem angenehmen Klima wurde nicht nur mit der Eisenbahn sondern ebenso durch die großen Schiffsreedereien touristisch erschlossen, wenn auch die Besucherzahlen keinesfalls mit dem heutigen Massentourismus vergleichbar waren.

Nachfolgend werden Informationen zu Eisenbahnreisen ins europäische Ausland gegeben. Sie sollen wichtige Eindrücke vermitteln, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Soweit Daten zu den Bahngesellschaften und ihren Tarifen angegeben werden, beziehen diese sich auf den Sommer 1939.
Die eingefügten Abbildungen zeigen Titelblättern zeitgenössischer Reiseprospekte und Werbebroschüren, welche mehrheitlich von Eisenbahngesellschaften herausgegeben wurden.
Schweiz
Italien
Skandinavien
Frankreich und Großbritannien
Niederlande Belgien Luxemburg

Natürlich boten auch deutsche Reisebüros Urlaubs- und Besichtigungsfahrten ins Ausland an.

Aufwändige Paßformalitäten und oftmals recht komplizierte und strenge Zoll- und Devisenbestimmungen ließen die Grenzübertritte damals zu langwierigen, komplizierten und oft auch teuren Unternehmungen werden. Von der heute selbstverständlichen Freizügigkeit an Europas Grenzen wagte damals niemand zu träumen. 
Darüber hinaus waren die Möglichkeiten, die eigene Währung in Devisen umzutauschen, stark eingeschränkt und wurden insbesondere in der Nazizeit systematisch weiter reduziert. Damit wurden individuelle Auslandsreisen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten naturgemäß begrenzt. Für die folglich vorherrschenden Gruppenreisen war die Eisenbahn in den 20er und 30er Jahren vor dem Schiff das wichtigste Transportmittel. Omnibusfahrten blieben aus den selben Gründen wie die individuellen PKW-Fahrten vorrangig auf weniger weite Ausflüge und somit auf Inlandsreisen beschränkt.

Neben den Reisebüros traten besonders in den Jahren der Weimarer Republik auch die Gewerkschaften sowie Arbeiter-Bildungsvereine als Veranstalter von Gruppenreisen für Ihre Mitglieder in Erscheinung. In der NS-Zeit wurden Auslandsreisen von der Nazi-Organisation "Kraft durch Freude" angeboten.

Auslandsreisen in andere Kontinente waren für noch weniger Reiselustige erschwinglich, dennoch wurden auch schon Reisen nach Asien, Afrika und Amerika von den Reisebüros angeboten. Um die Kosten dafür aufbringen zu können, gab es mitunter Ratensparpläne mit monatlichen Zahlungen über längere Zeiträume, mitunter bis zu 5 Jahren.

Beliebte außereuropäische Reiseziele im Mittelmeerraum waren der Libanon mit seiner quirligen Metropole Beirut und seinen interessanten Ausgrabungsorten sowie Ägypten mit den antiken Stätten am Nil und seiner Hauptstadt Kairo. Diese Reiseziele wurden sowohl von Italien als auch von Rumänien und Bulgarien aus per Schiff erreicht.

Aber auch Kanada und die USA sowie Südamerika zogen nicht nur Auswanderer sondern auch schon erste Touristen aus Europa an.

Mit der europäischen Eisenbahn konnte in die Türkei gereist werden sowie mit der transsibirischen Eisenbahn nach Ostasien.


Beispiele zeitgenössischer Werbeprospekte für Auslandsreisen
Schweiz See- und Alpensonderfahrten 1935
Norwegen Fjordfahrt 1938
Schweden Verbilligte Ausflugsfahrten mit Eisenbahn-Fährschiffen 1934
Frankreich Sonderfahrt zur Weltausstellung 1937

Nicht nur ausländische Bahngesellschaften versuchten, in Deutschland Kunden zu gewinnen. Auch die Deutsche Reichsbahn warb um ausländische Fahrgäste. Mehr darüber ist in einem weiteren Dokument zu finden.

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