Fremdenverkehrsförderung der Deutschen Reichsbahn

Die Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr 
Berlin W 35 
Potsdamer Privatstraße 121 B

Der sich stetig entwickelnde Ausflugs- und Urlaubsverkehr bot der Deutschen Reichsbahn als dem größten Verkehrsunternehmen Europas nicht nur erstklassige Geschäfte sondern versprach auch noch gute Zuwachsraten. Folgerichtig widmete die Reichsbahn dem Fremdenverkehrsgedanken sehr große Aufmerksamkeit.
Die am 20. Februar 1920 in Berlin gegründete Reichszentrale für Deutsche Verkehrswerbung e. V. wurde mit dem alleinigen Zweck ins Leben gerufen, den deutschen Reiseverkehr zu fördern. Dabei lag anfangs der Schwerpunkt auf dem Verkehr vom Ausland nach Deutschland. Spätestens ab 1925 wurde aber auch der innerdeutsche Reiseverkehr planmäßig durch seine Werbetätigkeit gefördert, ohne daß dabei eine einseitige Orientierung auf Fernreisen festzustellen ist. Dem Nahverkehr wurde ebensolche Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Fernverkehr.
Die ursprünglich als gemeinnütziger Verein gegründete Einrichtung wurde am 30. April 1928 unter Beibehaltung ihres Signets in eine GmbH mit dem Namen Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr umgewandelt. Die Geschäftsanteile dieser GmbH lagen vollständig in der Hand der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft.
Dieser Reichsbahnzentrale oblag "die praktische Werbetätigkeit durch Schaffung von Auskunftsstellen im In- und Ausland, Herstellung und Verbreitung von Werbeschriften, Werbung durch Plakat, Bild, Schaufenster, Film und Presse, Unterstützung von verkehrsfördernden Ausstellungen, Festspielen, sportlichen und ähnlichen Veranstaltungen."
In diesem Rahmen gab sie eine Vielzahl von Informationsschriften über Sehenswürdigkeiten und Reiseziele in Deutschland heraus, welche wohl in der Mehrzahl kostenlos gewesen sein dürften.
In der ersten Hälfte der 1920er Jahre wurden unter dem Titel Deutsche Bilder besonders für ausländische Reisende eine Vielzahl von Schriften herausgegeben, die über den Buchhandel vertrieben wurden. Diese Publikationen zeigen "das Schönste, was Natur und Kunst in Deutschland bieten". Folgende Reihentitel sind bekannt:
  • Deutsche Kultur
  • Deutsche Landschaft
  • Deutsche Galerien
  • Der Deutsche Rhein
  • München und Bayer. Hochland
  • Nordbayern
  • Deutsche Bildermappe I
  • Deutsche Bildermappe II
    Nebenstehendes Bild zeigt den Einband eines dieser Titel aus der Reihe Deutsche Bildermappe I. Zwei gesonderte Dokumente zeigen einige inhaltliche Beispiele daraus.
Deutsche Bilder - Deutsche Technik
Zu ihren verbreitetsten Veröffentlichungen gehören jedoch sicher die handlichen Deutschen Verkehrsbücher, welche ab 1925 in einer großen Zahl von Auflagen erschienen sind.
Zunächst gab es in dieser Reihe sowohl regional bezogene Broschüren als auch themenbezogene Ausgaben. Die Summe der regionalen Ausgaben deckte ab 1929 das gesamte damalige Reichsgebiet ab. Während der Inhalt der Broschüren im Zuge der vielen Auflagen nur in Details verändert und aktualisiert wurde, ist das äußere Erscheinungsbild ständig verändert und dabei attraktiver gestaltet worden. Mit der Gestaltung der durchweg sehenswerten Titelbilder wurden auch namhafte Künstler wie der international bekannte Münchener Plakatmaler Ludwig Hohlwein beauftragt.
Diese Hefte wurden zunächst neben deutsch auch in englisch und spanisch und später "in allen wichtigen Hauptsprachen" verlegt. In den regionalen Ausgaben wurden alle wichtigen Sehenswürdigkeiten genannt sowie zu den größeren Orten nähere Daten aufgeführt. In einem gesonderten Dokument werden einige Inhaltsbeispiele wiedergegeben.
Anschriften von Verkehrsvereinen und Auskunftsstellen sowie ab 1929 eine ausfaltbare Karte des beschriebenen Gebietes vervollständigen diese 40 bis 72 Seiten starken Hefte im Taschenbuchformat, die sich sowohl an deutsche wie auch gleichsam an ausländische Reisende richten.
Die themenbezogenen Hefte wurden ab 1929 aus der Reihe der regionalen Verkehrsbücher herausgegliedert und bildeten fortan eine eigene Reihe der sogenannten Sonderbroschüren. Da diese sich vorrangig an ausländische Besucher wandten, erschienen mehrere davon nur in fremdsprachigen Ausgaben, einige nur in englisch. Die Themenschwerpunkte lagen neben den Kurorten vor allem bei Bildung, Kunst und Kultur (Universitäten, Museen, Architektur, Kunstschätze, Veranstaltungen) und beim Sport (Wintersport, Tennis, Golf, Kanu, Angeln).
Im Frühjahr 1936, dem Jahr der XI. Olympischen Spiele, wurde besonders für ausländische Besucher im Rahmen der Sonderbroschüren ein reichlich  illustriertes Faltblatt mit dem Titel "Willkommen in Deutschland" in mehreren Sprachen herausgegeben. Darin wurden bei einer sehr großen Auflage die Vorzüge Deutschlands in den buntesten Farben geschildert. Die deutschsprachige Version wird im Volltext mit allen Grafiken in einem gesonderten Dokument wiedergegeben.
Willkommen in Deutschland

In der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurden in vergleichbarem Stil die deutlich umfangreicheren Deutschlandhefte herausgegeben, von denen es sechs verschiedene gab, die sich auf größere Regionen konzentrierten als die Verkehrsbücher.
Deutschlandheft Süddeutschland Deutschlandheft Mitteldeutschland

Die Aktivitäten der Reichsbahnzentrale waren sehr vielschichtig. Sie organisierte beispielsweise Ausstellungen und in ihrem Auftrag entstanden zahlreiche Postkarten, Plakate und Werbefilme. Mit ihrer maßgeblichen Beteiligung entstand auch der umfangreiche Deutsche Hotelführer, der sowohl dem ausländischen als auch dem deutschen Reisenden nützliche Informationen zur Planung seiner Reise bot. Ebenfalls unter Mitwirkung der Reichsbahnzentrale, der Reichsbahn-Werbeamtes und der Reichspostverwaltung wurde im Auftrag des Reichsfremdenverkehrsverbandes wahrscheinlich seit 1929 jährlich das schwergewichtige (die zweibändige Ausgabe vom 1939 umfaßt 2358 Seiten) "Reichshandbuch der deutschen Fremdenverkehrs-Orte, Wegweiser durch Deutschland für Kur, Reise und Erholung" herausgegeben.

Während bei allen oben genannten Publikationen zweifelsfrei die sachliche Information der Reisenden im Vordergrund stand, konnte sich auch die Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr in der zweiten Hälfte der 30er Jahre der aktuellen politischen Situation nicht mehr verschließen. Die von ihr neu herausgegebenen Broschüren verraten nun nicht nur im Inhalt sondern auch schon im Titel den Einfluß der zeitgenössischen Propaganda. Nachfolgendes Heft wurde zwar von der Reichsbahnzenrtale vertrieben, sein Entwurf entstammt aber dem "Deutschen Propaganda-Atelier Berlin". Dennoch kann auch dieser etwa 1937 erschienenen 136seitigen Broschüre eine qualitativ hochwertige und ausgewogene Mischung aus umfangreicher Information und vielen hervorragenden Schwarz-Weiß-Fotos ganz in der Tradition der vorangegangenen Publikationen nicht abgesprochen werden.


Die Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr errichtete Vertretungen bzw. Büros in den folgenden Orten außerhalb Deutschlands:

Die Titelbilder der englischsprachigen Hefte wurden dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von David Levine aus Kalifornien.
                      Interessierten Betrachtern empfiehlt sich ein Besuch seiner großartigen internationalen Sammlung von Reisebroschüren:
www.travelbrochuregraphics.com.

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