Wirtschaftsgebiet
Bayern
Mitte der 1930er Jahre

Grundlagen der Wirtschaft
Obgleich Bayern als einziges deutsches Wirtschaftsgebiet Hochgebirgslandschaften umfaßt, ist doch der Anteil der Gebirge an der Gesamtfläche geringer als in Südwestdeutschland. In der Hauptsache besteht es aus Hochflächen, die stark zum Donau- oder zum Maintal anfallen. Während die Hochflächen meist sandig, zwischen Alpen und Donau sogar moorig sind, findet sich längs des Mains und der Donau Lehm- und Lösboden. Abgesehen von den Hauptflußtälern, die im Regenschatten liegen, sind die Niederschläge ziemlich reichlich. Über die Hälfte ist daher Gras- und Waldland. Gute Almen haben die Allgäuer Alpen, brauchbares Weideland die Hochflächen zwischen Iller und Salzach. Ausgesprochene Waldgebiete sind die Bayerischen Alpen und der Böhmer Wald. Die durchschnittliche Höhenlage des Landes zwischen 300 und 700 m hat lange und kalte Winter zur Folge. Am meisten macht sich das in den Alpen bemerkbar. Die Hochalmen z.B. können nur wenige Monate ausgenutzt werden. Nur das Maintal liegt tiefer, genießt zudem noch den Schutz der Mittelgebirge und hat daher ein wärmeres Klima.
Bayern ist arm an Bodenschätzen. Unbedeutend sind sowohl die Eisenerzlager bei Amberg als auch die Braunkohlenfundstätten in Oberbayern. Wertvoller ist das Vorkommen von Quarzsand im Fichtelgebirge und im Bayerischen Wald, von Steindruckschiefer bei Solnhofen und von Salz im Berchtesgadener Land. Das Fehlen der Steinkohle wird zum Teil durch den Reichtum an "weißer Kohle" aufgewogen. Das Gefälle der Alpenflüsse und der Staustufen in Main und Donau wird schon jetzt als elektrische Kraft für Eisenbahnen und chemische Werke ausgenutzt.
Wirtschaftskarte Bayern
Wirtschaft
Landwirtschaft. Fast die Hälfte der Bewohner erwirbt den Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Ein großer Teil des Landes läßt nur dürftigen Ackerbau zu. Roggen, Kartoffeln und Gerste sind die Hauptfrüchte. Das Maintal dagegen gestattet den Anbau von Gemüse, Obst und Wein, das Donaugebiet den Anbau von Weizen und Hopfen. Auch die Gegend um Nürnberg erzeugt Hopfen. Einen breiten Raum nimmt die Viehzucht ein, auf der Schwäbisch-Bayerischen Hochfläche besonders die Pferde- und Rindviehzucht. Durch Aufzucht von Rassevieh zeichnet sich das Allgäu aus. Auch Forstwirtschaft und Holzgewinnung gewähren Arbeitsgelegenheit. Da das Land trotz seiner Größe nicht allen seinen Bewohnern genügend Erwerbsmöglichkeiten bot, suchte der Menschenüberschuß Siedlungsland in Tirol und Steiermark oder versuchte, auf Grund der vorhandenen Rohstoffe Industrien ins Leben zu rufen.
Industrie. Der Anbau von Gerste und Hopfen führte schon früh zur Entwicklung des Braugewerbes, das heute in vielen Städten zu einer leistungsfähigen Ausfuhrindustrie geworden ist. Der Waldreichtum förderte die Entstehung der verschiedensten Holzverarbeitungsgewerbe in den Alpen und im Böhmer Wald. Weltruf erlangt der Geigenbau in Mittenwald und die Holzschnitzerei in Oberammergau. Als im Mittelalter der Erzreichtum des Fichtelgebirges sich mehr und mehr erschöpfte, wandten sich die einstigen Bergarbeiter der Glasbläserei zu. Sie ist noch heute dort und im nachbarlichen Böhmer Wald überall verbreitet. Auch die Porzellanindustrie konnte sich gut entwickeln. Die Textilindustrie ist als Hausfleiß oder Hausindustrie noch jetzt in der Bayerischen Ostmark vertreten. Sie erzeugt handgewebte Leinenwaren und Decken. In den Städten findet sie sich als Großindustrie. Mittelpunkt ist Augsburg. Seine Bewohner nahmen die Woll- und Baumwollverarbeitung auf, nachdem der im Mittelalter blühende Durchgangshandel mit Venedig aufhörte. Die gleiche Industrie findet sich auch in der Nähe der sächsischen Grenze und im Allgäu. Die Hanfindustrie hat bedeutende Betriebe in Füssen. In den Großstädten hat die Eisenindustrie festen Fuß gefaßt. Ihre Leistung liegt  im Bau von Maschinen, Lokomotiven und Elektroerzeugnissen. In der Herstellung von Bleistiften und Spielwaren ist Nürnberg die führende Stadt Deutschlands.
Verkehr
Der Zugang zum nahen Mittelmeer wird Bayern und damit dem Deutschen Reich durch die Alpen verstellt. Die natürlichen Verkehrswege richten Bayern in der Hauptsache nach Südosten aus. Da das Maingebiet Anschluß nach Nordwesten hat, kann die Fertigstellung des Großschifffahrtsweges Main-Donau eine Durchgangsstraße von der Nordsee zum Schwarzen Meer schaffen. Der Ludwigskanal mit etwa hundert Schleusen kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Heute fällt der Hauptverkehr den Eisenbahnen zu, von denen einige wichtige europäische Linien sind. München ist der Mittelpunkt des Personenverkehrs; Nürnberg hat den größten Umladebahnhof Deutschlands. Für die Erschließung der Bayerischen Ostmark ist eine wichtige Verbesserung der Verkehrsverhältnisse durch die Anlage einer Grenzlandstrecke von Marktredwitz nach Passau unerläßlich. Der Ausbau der deutschen Alpenstraße von Lindau über Garmisch-Partenkirchen nach Berchtesgaden wird den gutbesuchten oberbayerischen Fremdenverkehrsgebieten weiteren Zustrom bringen.



Unveränderter Auszug aus dem Buch
Dr. Walter Golze
Deutschlands Wirtschaft und die Welt. Vierte Auflage
Verlag und Druck von Teubner in Leipzig und Berlin 1938

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