Wirtschaftsgebiet
Rhein-Ruhr
Mitte der 1930er Jahre

Grundlagen der Wirtschaft
Das Rhein-Ruhr-Gebiet besteht hauptsächlich aus den fruchtbaren Tieflandsbuchten von Köln und Münster. Die Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges machen hier nur noch einen kleinen Teil des Landes aus. Im Klima des Tieflandes, besonders am Rhein, kündigt sich schon der Einfluß des Meeres an. Wärme und Luftfeuchtigkeit steigern die Ertragfähigkeit des Bodens und fördern die Entstehung fast holländisch anmutender Weidelandschaften am Niederrhein. Auf den Hochflächen, die 200-600 m über dem Meeresspiegel liegen, drückt der Regenreichtum die Temperatur herab. Fröste im Frühjahr und Herbst machen den Ertrag des Bodens unsicher. Wald und Moor bedecken daher hier weite Strecken. Während der gebirgige Süden über alte Fundstätten von Eisen, Blei und Zink verfügt, birgt das Vorland Deutschlands größten und wertvollsten Kohlenbesitz.
Wirtschaftskarte Rhein-Ruhr-Gebiet
Wirtschaft
Landwirtschaft. Das Land um Rhein und Ruhr gehört zu den besten deutschen Ackerbaugebieten. Während in der Soester Börde der Weizenanbau überwiegt, treten am Niederrhein Zuckerrüben- und Tabakfelder hervor. Dem Gemüseanbau ist vor allem das linke Rheinufer zwischen Bonn und Köln vorbehalten. Die Hochflächen liefern geringe Erträge an Roggen, Kartoffeln, Hafer und Buchweizen. Die Viehzucht ist sehr leistungsfähig, besonders als Rindviehzucht am Niederrhein und als Pferde- und Schweinezucht in Westfalen. Auf den Hochflächen ist nur noch Schafzucht möglich.
Bergbau. Trotz ihres Umfangs und ihrer Leistungsfähigkeit wird die Landwirtschaft durch Bergbau und Industrie völlig in den Schatten gestellt. Schon vor einem halben Jahrtausend wurde der Steinkohlenbergbau an der Ruhr aufgenommen, weil dort die Kohle zutage lag. In der Neuzeit hat er sich über die Emscher bis an die Lippe ausgedehnt. Hunderte von Schächten stehen heute im Raum Lippe - Ruhr. Alt ist auch der Steinkohlenbergbau bei Aachen. Der Abbau von Braunkohlenlager am Vorgebirge hat erst in den letzten Jahrzehnten begonnen, aber sehr schnell große Ausdehnung erlangt. Der Kraftvorrat, den die Kohlenlager darstellen, kommt in Gestalt von Kohle, Ferngas oder Fernstrom auch anderen deutschen Wirtschaftsgebieten zugute. Der Erzbergbau hat nur bescheidenen Umfang.
Industrie. Vom Erzbergbau ging die Entwicklung der Industrie aus. Die verarbeitung der Erze zu fertigen Eisen- und anderen Metallwaren hatte sich schon im Mittelalter aus der Eifel in die Gegend Aachen - Stollberg - Eschweiler und aus dem Sauerland ins Bergische Land gezogen. Der Reichtum an Wasserkräften war der Hauptgrund dafür. An Wurm und Inde, Wupper und Lenne folgten sich mit geringem Abstand voneinander die "Kotten" der Schmiede, Schleifer und Zöger. Ihre einfachen Arbeitsmaschinen erhielten den Antrieb durch Wasserräder. Die Verhüttung der Erze an Ort und Stelle im Gebirge aber gab man erst auf, als im Koks ein weit besserer Wärmeerzeuger als als Holzkohle gefunden wurde.
Nun erst, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde das eisenarme Ruhrgebiet Siedlungsraum für die eisenschaffende Industrie. Steinkohlenbergbau und eisenschaffende Industrie begannen mit einander den rasenden Wettlauf, der zur Entwicklung des Ruhrgebietes zu dem einzigartigen Industriegebiet führte, wo auf einem Quadratkilometer über tausend Menschen werken. Alle Sorten von Eisen und Stahl werden hier gewonnen und aus dem Werkstoff anschließend jede Art von Eisenerzeugnissen, von der Schiffsturbine bis zum nahtlosen Rohr und zur Stahlfeder hergestellt, darüber hinaus Schleusen-, Verlade- und Brückenkonstruktionen geliefert. Der Wagemut der Industrieführer, in deren Unternehmungen Hunderte von Riesenbetrieben wie Kohlenzechen, Erzgruben, Hochöfen, Stahl- und Walzwerke, Gießereien, Preß- und hammerwerke zu einer wirtschaftlichen Einheit zusammengefaßt sind, und die Leistung und Zuverlässigkeit von Millionen von Arbeitsmenschen, die als Hauer, Schmelzer, Former oder Schleifer ihr Tagewerk vollbringen, haben dieses größte deutsche wirtschaftliche Kraftfeld geschaffen, dem sich in der Welt nur wenige an die Seite stellen können.
Auch von der landwirtschaftlichen Erzeugung her erhielt die Industrie einen kräftigen Anstoß, nämlich durch die Woll- und Flachgewinnung. Wiederum zogen die Wasserkräfte am Ausgang der Gebirge die Handwerklichen Betriebe an die Flußläufe, besonders an die schnellfließende Wupper. Auch lockten geeignetes Wasser und gute Bleichwiesen die Spinner, Weber und Färber. Neben der Textilindustrie, der zweiten großen Industriegruppe des Landes, fanden aber auch alle anderen Industrien Platz, z.B. die chemische, die Glas-, Papier-, Zement- und Elektroindustrie.
Verkehr
Die gewaltige Gütererzeugung dieses Gebietes. die weit über den Bedarf Deutschlands hinausgeht, konnte sich nur deshalb in einem solchen Ausmaß entwickeln, weil der Rhein imstande ist, den zu- und abströmenden Verkehr zu bewältigen. Der Rhein ist die Schlagader nicht bloß dieses Wirtschaftsgebietes sondern aller westlichen Reichsteile. Allerdings verbindet er mehr mit dem Weltmeer als mit dem übrigen Deutschland. Der Seeschiffsverkehr beginnt für kleinere Dampfer schon in Köln, in der Hauptsache aber erst in Rotterdam und Emden. Die Verbindung zum deutschen Norden und Osten mußte erst durch Kanäle und Eisenbahnen hergestellt werden. Der größte Umschlaghafen ist Duisburg-Ruhrort; auch Essen ist bedeutend.



Unveränderter Auszug aus dem Buch
Dr. Walter Golze
Deutschlands Wirtschaft und die Welt. Vierte Auflage
Verlag und Druck von Teubner in Leipzig und Berlin 1938

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