Wirtschaftsgebiet
Niedersachsen
Mitte der 1930er Jahre

Grundlagen der Wirtschaft
Niedersachsen steht schon in hohem Maße unter dem Einfluß des Meeres. Die Nordsee hat die fruchtbaren Marschen geschaffen. Die Flut, die täglich zweimal 50-150 km weit in die Flußmündungen eindringt, hat in ihnen breite und tiefe Fahrrinnen ausgewaschen und damit an drei Stellen den Seeweg um eine bedeutende Strecke ins Land hinein verlängert. Das Meer bringt reichliche Niederschläge, läßt saftige Weiden, an der Ems aber auch wertlose Moore entstehen und spendet sogar noch den Buchen- und Fichtenwäldern im Wesergebirge und Harz Feuchtigkeit. Es mildert auch das Klima, so daß die Marschweiden bis in den Dezember hinein ausgenutzt werden können. Die häufigen Nordweststürme verhindern allerdings das Aufkommen des Waldes in der Nähe der Küste. Am wenigsten merkt man den Einfluß des Meeres in den Landschaften zwischen dem Küstenstreifen und dem Mittelgebirge. Die sandigen Flächen des Südlichen Landrückens erhalten nicht mehr genug Regen. Sie tragen daher Heide und Kiefernwälder. Die Flußniederungen dagegen kommen mit den geringen Regenmengen aus. Der Anteil an Ödland ist nirgends in Deutschland so groß wie in diesem Wirtschaftsgebiet; er beträgt in manchen Gegenden 15-20 %. Im Emsland und in der Lüneburger Heide hat der Kampf gegen das Unland am stärksten eingesetzt. Hier wird Neuland für ein paar tausend Bauernhöfe gewonnen.
An Bodenschätzen verfügt Niedersachsen über Eisenlager bei Peine und Osnabrück. Die Kohlevorkommen am Deister sind nicht umfangreich, auch nicht sehr wertvoll; sie förderten aber die Entwicklung zahlreicher Industrien in und um Hannover. Auch die Blei-, Zink-, Silber- und Kupferstätten bei Goslar und Klausthal-Zellerfeld sind wenig ergiebig. Größeren Umfang besitzen schon die Kalilager an der Aller und Leine und die Erdölfelder bei Celle.
Wirtschaftskarte Niedersachsen
Wirtschaft
Landwirtschaft und Fischerei. Im Hinterland steht die Landwirtschaft an erster Stelle. Roggen, Hafer und Kartoffeln sind die Hauptfrüchte. Um Hildesheim und Braunschweig wiegt Gemüsebau vor. In Quedlinburg und Umgebung befinden sich berühmte Blumenzüchtereien.
Die Pferdezucht ist sehr leistungsfähig in Oldenburg und Hannover. Am stärksten ist die Landwirtschaft in den Marschen entwickelt. Viehzucht, Weizen-, Hafer- und Rapsanbau liefern hohe Erträge. Die räumliche Ausdehnung der Marschen ist jedoch nicht groß. Für die Bevölkerung an der Küste ist der Fischfang ein wichtiger Erwerbszweig. Wesermünde hat den stärksten Anteil an der Hochseefischerei, Emden im besonderen an der Heringsfischerei Deutschlands.
Industrie. Geschlossene Industriegebiete gibt es in Niedersachsen nicht. Das Vorkommen mancherlei Bodenschätze hat an vielen Orten zur Entfaltung einzelner Industrien geführt. Der Flachsanbau im Ravensberger Land rief die Bielefelder Leinenindustrie ins Leben. Die Industrien der Seestädte stehen im engsten Zusammenhang mit dem Seeverkehr.
Verkehr
Die Wasserstraßen Niedersachsens sind Zugänge zum Weltmeer. Allerdings ist schon die Weser nicht tief genug, um bei Ebbe ein Absinken der Wasserspiegels von 2 - 3 m zu vertragen. Durch Seeschleusen muß das Abfließen des Wassers verhindert werden, damit der Wasserstand dem Tiefgang der großen Überseedampfer genügt. Der Dortmund-Ems-Kanal ist nicht imstande, mit dem Rhein im Wettbewerb zu treten und den Güterverkehr des Ruhrgebiets zum Weltmarkt an sich zu ziehen; dagegen würde durch den Ausbau des Hansakanals ein Teil dieses Güterverkehrs den leistungsfähigen deutschen Weser- und Elbhäfen zugeführt werden können. Bremen ist der deutsche Woll- und Baumwollmarkt. Es steht an zweiter Stelle im seewärtigen Personen- und Güterverkehr. Harburg beherrscht die Kaliausfuhr.



Unveränderter Auszug aus dem Buch
Dr. Walter Golze
Deutschlands Wirtschaft und die Welt. Vierte Auflage
Verlag und Druck von Teubner in Leipzig und Berlin 1938

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