Wirtschaftsgebiet
Mitteldeutschland
Mitte der 1930er Jahre

Grundlagen der Wirtschaft
Mitteldeutschland verfügt über einen Teil der Norddeutschen Tiefebene, und zwar in der Hauptsache über die sehr fruchtbare sächsische Tieflandsbucht, außerdem über ein unregelmäßig geformtes, von Flußläufen tief zerfurchtes Berg- und Hügelland, das die Vorstufe zum Mittelgebirge im Süden bildet. Auch dieser Teil des Landes ist noch fruchtbar, hat aber im Eichsfeld und in der Dresdener Heide recht dürftige Strecken. Das trocken-warme Klima des Tieflandes wird auf der Vorstufe schon unfreundlicher. Im Vogtland engen bereits Weiden die Felder ein. Rauh und niederschlagsreich ist das Klima im Gebirge. Mehr als die Hälfte des Bodens ist mit Wald, meist Fichtenbeständen bedeckt.
Vielerlei Bodenschätze sind vorhanden. Das Mittelgebirge hat Eisen, Kupfer, Silber und Zinn, allerdings nur in geringen Mengen. Groß ist der Reichtum an brauchbaren Steinen und Erden, wie Granit, Schiefer, Glassand und Prozellanerde. Sehr wertvoll sind auch die Steinkohlenlager um Zwickau und im Becken von Freital bei Dresden. Die stärkste Stütze findet jedoch die Wirtschaft in den Braunkohlenvorkommen um Leipzig - Halle. Von ganz unschätzbarem Wert sind auch Kalilager südlich des Harzes, die von der Elbe bei Magdeburg bis zur Werra reichen.
Wirtschaftskarte Mitteldeutschland
Wirtschaft
Landwirtschaft.Der fruchtbare Boden im Flachland bringt infolge fleißiger Arbeit und vielseitiger Verwendung von Maschinen sehr hohe Erträge hervor. Weizen, Zuckerrüben und Futterpflanzen werden hauptsächlich angebaut. Die reichsten Gebiete sind die Magdeburger Börde und die Goldene Aue. In den geschützten Tallandschaften ist der Gemüse- und Obstbau entwickelt, an der Elbe wird sogar Weinbau getrieben. Blumen- und Samenzucht spielen um Erfurt eine bedeutende Rolle. Im  bergigen Vorland trifft der Ackerbau nicht mehr so günstige Bedingungen an. Dort beherrschen Roggen und Kartoffeln die Felder. Im grünen Vogtland nimmt schon die Viehzucht mehr Raum ein. Obgleich der Ackerbau sich noch in Lagen bis zu 800 m Höhe zu halten versucht, tritt im Mittelgebirge doch bald die Waldwirtschaft an die erste Stelle. Da in vielen Teilen Mitteldeutschlands über 400 Menschen auf 1 qkm wohnen, ist die Versorgung der Bevölkerung trotz planvoll betriebener Landwirtschaft eine Unmöglichkeit.
Bergbau. Der Bergbau, der schon im Mittelalter im Thüringer Wald und im Erzgebirge viele Menschen ernährte, hat seinen Schwerpunkt nach Norden verlegt, und zwar im vorigen Jahrhundert zunächst in die Steinkohlengebiete des Vogtlandes, in unserer Zeit in die Tiefebene zu den reichen Braunkohlen- und Kalifeldern. Im Mittelgebirge blieb nur noch etwas Eisenerzabbau bei Schmalkalden und Zinnabbau bei Altenberg.
Industrie. Den gleichen Weg nahm die Entwicklung der Industrie. Im Gebirge wandte sich die Bevölkerung zuerst der gewerblichen Betätigung zu. Schmelzöfen und Hammerwerke entstanden an den Erzfundstätten in den Waldtälern. Holzkohle war die Wärme-, das Bergwasser die Kraftquelle. Eisenkleinwaren-, Metallwaren- und Waffenhandwerk übernahmen die Verarbeitung der Rohmetalle. Nach Einteilung der Bergbau- und Hüttenbetriebe traten andere Gewerbe in den Vordergrund, z.B. die Holzbearbeitung, die Glasherstellung, die Textilindustrie; man machte Puppen, Weihnachtskrippen, Christbaumschmuck, Kunstblumen, Knöpfe, Spitzen u.a. So wurde das Mittelgebirge mit seinen Walddörfern und Kleinstädten Standort vielerlei Industrien, die in unzähligen Kleinbetrieben Fertigwaren jeder Art erzeugen.
Mit der Entwicklung des Steinkohlenbergbaus im Erzgebirgischen Becken entstand ein Industriegebiet, das vor allem die Eisenverarbeitung und das Textilgewerbe anzog und schließlich zum größten deutschen Textilindustriegebiet heranwuchs. Beispiellos ist die Zahl und Größe der Betriebe; fast jede Rohfaser wird hier verarbeitet; kein Verarbeitungsverfahren ist unbekannt; alle Hilfsgewerbe sind vertreten. Garne, Stoffe, Wirkwaren und Teppiche sind die Haupterzeugnisse. Im Tiefland rief die Braunkohlen- und Kaligewinnung an vielen Stellen eine chemische Großindustrie ins Leben, die in riesenhaften Werkanlagen Luftstickstoff, Kunstdünger und Braunkohlenbenzin erzeugt. Berühmt sind die Leipziger Mustermessen, zu denen alljährlich im Frühjahr und Herbst viele Tausende von Kaufleuten aus aller Welt zusammenkommen, um Geschäfte einzuleiten und abzuschließen.
Verkehr
Der Elbstraße verdankt Mitteldeutschland seinen gewaltigen Anteil am Weltmarkt. Allerdings kann der Schiffsverkehrs nur dann den ganzen Sommer hindurch aufrechterhalten werden, wenn bei Pirna und an der Saale ein Stauwasservorrat von einigen Millionen Kubikmeter verfügbar ist. Der EIsenbahnverkehr findet im Mittelgebirge ein starkes Hindernis. Selbst das Vorland erschwert schon die Anlage von Eisenbahnlinien. Die Unregelmäßigkeit des Geländes zwingt zu großen Umwegen oder auch zum Bau von Viadukten für die Überquerung tief eingeschnittener Täler. Dennoch ist das Bahnnetz sehr dicht; sogar ein paar große europäische Linien schneiden dieses Gebiet. Sie benutzen meist die Senken zwischen den Gebirgen.



Unveränderter Auszug aus dem Buch
Dr. Walter Golze
Deutschlands Wirtschaft und die Welt. Vierte Auflage
Verlag und Druck von Teubner in Leipzig und Berlin 1938

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