Wirtschaftsgebiet
Ostpreußen
Mitte der 1930er Jahre

Grundlagen der Wirtschaft
Ostpreußen umfaßt außer den fruchtbaren Niederungsgebieten zwischen der Nogat und der Memel einen Teil des Baltischen Landrückens, der hier wie in Mecklenburg-Pommern auf der nördlichen Seite an manchen Stellen guten Lehmboden, auf seiner südlichen Abdachung zur Reichsgrenze hin aber nur dürftigen Sandboden trägt. Trotz verhältnismäßig geringer Niederschläge ist die Bewässerung dank dem Reichtum an Seen und Flüssen ausreichend. Unangenehmer wirkt schon das Nachlassen der Temperatur. Im Südosten liegt die mittlere Januartemperatur 5° unter Null. Ende Mai beginnt erst die Obstblüte, und nach Abernten des Getreides lohnt es nicht mehr, eine Zwischenfrucht zu pflanzen.
Ostpreußen besitzt keinen nennenswerten Bodenschätze. Der Bernstein vermag im Tagebau bei Palmnicken und in der Manufaktur in Königsberg nur ein paar tausend Menschen zu beschäftigen. Das Fehlen der Steinkohle macht sich um so mehr bemerkbar, als das geringe Gefälle der Tieflandflüsse als Kraftquelle für den Antrieb von Arbeitsmaschinen nicht ausreichend ist. Damit entfallen die Voraussetzungen für die Entwicklung eines leistungsfähigen Gewerbes. So kommt es, daß nur ein kleiner Bruchteil der ostpreußischen Bevölkerung seinen Erwerb nicht in der Landwirtschaft sucht.
Wirtschaftsgebiet Ostpreußen
Wirtschaft
Landwirtschaft. Ostpreußen ist in erster Linie ein Roggen- und Kartoffelland. Flachs- und Tabakanbau nehmen nur wenig Raum ein. Die Viehwirtschaft ist hervorragend. Rindviehzucht begünstigte die Herstellung von Molkereierzeugnissen in der Gegend von Tilsit. Pferdezucht hat Trakehnen berühmt gemacht. In den südlichen Landesteilen begnügt man sich mit der Aufzucht von Magervieh, Schafen und Gänsen. Die Forstwirtschaft verfügt über ausgedehnte Laubholzbestände im Gebiet der Seenplatte und über Kiefernwälder im Grenzbogen Rominten - Johannisburg. Bei einer Bevölkerungsdichte von nicht einmal 50 Menschen je qkm in manchen Gegenden ist die Land- und Forstwirtschaft Ostpreußens Überschußwirtschaft und auf den Absatz im Reich angewiesen.
Industrie. Das Gewerbe begnügt sich fast ausschließlich mit der Verarbeitung der Landeserzeugnisse in Mühlen, Brennereien, Stärkefabriken und Sägewerken. Nur Elbing und Königsberg machen davon eine Ausnahme. Eine stärkere Entwicklung der Gewerbe, besonders derjenigen, die für die einheimische Landwirtschaft arbeiten, würde der Gesamtwirtschaft sehr von Nutzen sein. Daher ist in Ostpreußen neben der landwirtschaftlichen auch die gewerbliche Siedlung eingeleitet worden.
Verkehr
Am meisten wird Ostpreußens Wirtschaft durch die Verkehrsverhältnisse eingeengt. Seine Flüsse sind fast vier Monate vereist und tragen nur Kähne unter 400 t, der Oberländische Kanal nur unter 100 t. Die Dünenbildung an der Küste erschwert den Zugang zum Meer. Außerdem ist Ostpreußen durch das Friedensdiktat von der Weichsel und vom Memeler Tief abgeschnürt worden und hat die Landverbindung zum Reich verloren. Königsberg wird seine Aufgabe, die jahrhundertealten Handelsbeziehungen zu den osteuropäischen Staaten zu pflegen, nur dann erfüllen können, wenn die Verbindungen zum Reich noch erheblich verbessert werden. In steigendem Maße ist die Reichsinsel Ostpreußen in den letzten Jahren Reiseziel vieler Deutscher geworden. Vor allem werden die Ostseebäder und die Wald- und Seengebiete Masurens aufgesucht.



Unveränderter Auszug aus dem Buch
Dr. Walter Golze
Deutschlands Wirtschaft und die Welt. Vierte Auflage
Verlag und Druck von Teubner in Leipzig und Berlin 1938

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