Der Verkehr und die Wirtschaftsgebiete
des Deutschen Reichs

Unveränderte Auszüge aus dem Buch
 
Dr. Walter Golze
Deutschlands Wirtschaft und die Welt. Vierte Auflage
Verlag und Druck von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1938
Obwohl es sich bei diesem Werk um ein reines Sachbuch handelt, ist es an einigen Stellen nicht völlig frei von durch den damaligen Zeitgeist geprägten Formulierungen. Das zeigt sich insbesondere im Zusammenhang mit den Ergebnissen des I. Weltkriegs. Dem Betrachter wird hiermit die Verantwortung auferlegt, entsprechende Darstellungen aus heutiger Sicht vernünftig zu bewerten! 

Zwei Kapitel des Teiles "Die deutsche Wirtschaft" (das Buch besitzt weiterhin einen Teil "Die Wirtschaft der außerdeutschen Länder") werden nachfolgend unverändert und ungekürzt wiedergegeben. Dabei wurden die Karten für die Darstellung im Web optisch angepaßt, aber inhaltlich nicht verändert.



Kapitel B: Verkehr
Bedeutung.
Eine hochentwickelte Wirtschaft kann auf eine gute Verbindung der Wirtschaftsräume nicht verzichten. Der ungeheure Aufschwung der europäischen Länder im 19. Jahrhundert ist in der Hauptsache auf die Erfindung schneller Verkehrsmittel und den Ausbau der Verkehrslinien zurückzuführen. Auch in unseren Tagen erleben wir eine weitere Vermehrung und Beschleunigung der Verbindungen und damit gewissermaßen eine Verkürzung der Entfernungen zwischen den einzelnen Wirtschaftsgebieten.

Verkehrswege und Verkehrsmittel.
Die natürlichen Wasserstraßen sind die billigsten Verkehrswege, allerdings ist die Beförderung auf ihnen zeitraubend. Landwege haben den Vorzug, daß sie überall angelegt werden können; sie führen sogar zu den entlegensten Gebirgsorten. Im Kraftwagen haben sie ein sehr schnelles Verkehrsmittel, das nicht an Fahrpläne gebunden ist. Die Eisenbahnlinien sind stärker von der Bodengestalt abhängig. Ihre Leistung aber übertrifft die der Landstraßen. Größte Schnelligkeit läßt sich auf den Luftlinien erreichen. Einstweilen kommen sie jedoch nur für den Personenverkehr und die Beförderung hochwertiger Güter in Betracht.
Deutschland besitzt in seinem Flachland genügend Raum für die Entwicklung ruhiger Flußläufe und den Ausbau durchgehender Landwege. Auch die Mittelgebirge setzen dem Verkehr keine unüberwindlichen Schwierigkeiten entgegen. Senken und Täler ermöglichen die Verbindung der einzelnen Landschaften. Die Lage im mitteleuropäischen Raum macht Deutschland zu einem wichtigen Durchgangsland. Mit der Strecke Aachen - Neu-Bentschen z.B. hat es Anteil am längsten Schienenstrang der Erde, dem von Lissabon nach Wladiwostock.

Wasserstraßen
Kein deutsches Wirtschaftsgebiet genießt die Vorteile einer ganzjährig befahrbaren Wasserstraße. Im Sommer hindert Niedrigwasser, im Winter Vereisung für Wochen und Monate den Schiffsverkehr. Außerdem werden durch die Richtung der Flußläufe die einzelnen Teile Deutschlands drei verschiedenen Verkehrslandschaften zugewiesen. Der Süden hat Anschluß an den südosteuropäischen Wirtschaftsraum, der Osten an das nordeuropäische Binnenmeer, der Westen an das Weltmeer. Eine natürliche Verbindung dieser drei Verkehrsgebiete fehlt. Die heutige Technik aber ist imstande, solche Unvollkommenheiten auszugleichen. Kanäle überwinden mit Hilfe von Schleusen und Schiffshebewerken die Wasserscheiden und schaffen ein einheitliches Wasserstraßennetz. Stauwerke sorgen für Zuschußwasser in den trockenen Monaten. Der Ausbau unbedeutender Nebenflüsse zu Schiffahrtswegen erweitert das Hinterland der Fluß- und Seehäfen. Deutschland besitzt 9000 km schiffbare Wasserstraßen, 17% davon sind Kanäle.

Landstraßen
Wo es sich um schnelle Beförderung handelt, oder wo brauchbare Wasserstraßen fehlten, da wurden schon in ältesten Zeiten Landwege angelegt. Als "Bernsteinstraßen" oder "Salzstraßen" lassen sie sich noch heute feststellen. Sie folgen meist den Talbildungen, übersteigen aber auch schon die Pässe der Gebirge und durchqueren breite Flußläufe. An Flußübergängen, an Talausgängen und an den Kreuzungspunkten der Straßen entwickelten sich bedeutende Handelsplätze. Im Mittelalter gab es gute Fernstraßen in allen Richtungen im deutschen Raum zwischen Ostsee und Mittelmeer. Mit dem Niedergang der Wirtschaft seit dem Dreißigjährigen Krieg verfielen auch die Straßen. Erst im 19. Jahrhundert begann wieder der Straßenbau; es wurden Zubringelinien für die Eisenbahnen angelegt. Der Bau von Fernstraßen beginnt erst wieder in unserer Zeit mit dem Bau der Reichsautobahnen. Nach Fertigstellung derselben wird Deutschland über ein Landstraßennetz von etwa 300 000 km verfügen.

Eisenbahnen
Die Eisenbahn ist das einzige Verkehrsmittel, das in Deutschland nicht unter jahreszeitlichen Störungen leidet. Sie ist das Rückgrat des Verkehrs. Da zur Zeit des Ausbaus der Eisenbahnen Deutschland noch nicht geeint war, so wurde um jeden der alten kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkte ein eigenes Verkehrsnetz entwickelt. Erst nach der Reichsgründung wurden die Vorschläge eines Friedrich List über ein einheitliches Eisenbahnnetz für ganz Deutschland einigermaßen verwirklicht. Heute haben wir 50 000 km Eisenbahnlinien. Durch Brücken und Dämme sind die größeren deutschen Inseln einbezogen. Mit Hilfe von Fährschiffen ist auch zu Ländern, die durch Meeresteile von uns getrennt sind, Verbindung aufgenommen worden.
Die Beschleunigung des Eisenbahnverkehrs macht es möglich, daß im Güterverkehr beispielsweise Fischsendungen von Altona bis Basel nur 30 Stunden brauchen, und daß im Personenverkehr die Bewohner aller deutschen Großstädte Geschäftsbesuche in der Reichshauptstadt an einem Tag durchführen können. Die Vorzüge des elektrischen Bahnbetriebs genießen einstweilen einige Strecken in Süd- und Mitteldeutschland.

Seewege
Die Seewege bilden in Deutschland immer die Fortsetzung der Binnenwasserstraßen. Da unsere flachen und versandeten Küsten den Schiffen fast nirgends brauchbare Anlegestellen bieten, können die Seewege nur dort ihren Ausgang nehmen, wo Flußmündungen natürliche Häfen bilden. Dort vollzieht sich daher der Umschlag zwischen Kahn und Schiff. Auch die Anschlußgleise der Eisenbahnlinien werden dort unmittelbar an die Liegeplätze der Schiffe herangeführt.
Die Ostsee, das alte Handelsmeer germanischer Völker, vermittelt den Verkehr nach nord- und osteuropäischen Ländern. Hauptsächlich werden Holz, Getreide und Erze verfrachtet. Die deutschen Häfen sind zwar nicht eisfrei, die Fahrrinne kann aber durch Eisbrecher offen gehalten werden.
Die Nordsee übernimmt die Verbindung nach Übersee. Obgleich sie nur ein Randmeer ist und die deutschen Häfen den englischen gegenüber um mehr als 1000 km im Hintertreffen sind, hat sich doch Deutschland einen erstaunlich großen Anteil am Weltmarkt zu erobern gewußt. Etwa die Hälfte des gesamten Außenhandels (einschließlich der in Rotterdam und Antwerpen umgeladenen deutschen Güter!) geht über die Nordsee. Auf diese entfallen daher auch neun Zehntel der deutschen Handelsflotte, die mit 4 Mill. t in der Welt an vierter Stelle steht.

Luftverkehr
Die einengenden Bestimmungen des Friedensdiktates haben lange die Entwicklung des deutschen Luftverkehrs gehindert. Trotzdem steht heute Deutschland kaum irgendeinem Lande der Erde im Flugverkehr nach, übertrifft aber alle im Luftschiffverkehr. Auf dem Luftwege sind von Berlin aus in drei Stunden alle deutschen Großstädte, in drei Tagen alle großen Erdteile zu erreichen.



Kapitel C: Die Wirtschaftsgebiete
Zeichenerklärung für die Karten

Homepage Thomas Noßke 2002 www.epoche2.de Epoche II historische Stichpunkte Wirtschaftsgeschichte Ende