Reichsbahn-Kalender
1929-1943

Vorwort
zum Deutschen Reichsbahn-Kalender 1927
"Diesen Karren, der durch die Welt rollt,
hält kein menschlicher Arm mehr auf."


Wer hat nicht als kleines Kind mit staunendem Auge den dahinsausenden Eisenbahnzug betrachtet, wer hat nicht als Junge den sehnlichen Wunsch gehabt, eine Eisenbahn sein eigen zu nennen? Die stets lebendige Wandersucht des Deutschen zieht mit jedem Eisenbahnzug ins Weite, der den Bahnhof unserer Heimatstadt durchfährt. Wir winken unsere Reiselust dem vorübereilenden glücklichen Reisenden zu und wünschen uns an seine Stelle. Land und Leute zu sehen und den Gesichtskreis zu erweitern, bildet das Streben so Vieler.
Deutschland hat in der Durchbildung seiner Verkehrsmittel Vorbildliches geleistet. Im Herzen Europas liegend, hat es die Aufgabe Verkehrsträger von Ost nach West, von Nord nach Süd zu sein. Früh ging deshalb deutscher Unternehmungsgeist an den Ausbau der Eisenbahnen in deutschen Landen heran.
Die geschichtliche Entwicklung hat mit der Hauptstadt fast jeden deutschen Staates ein besonderes Verkehrszentrum geschaffen, das den Landeseisenbahnverkehr zentral beherrscht. Der grundlegende Charakter dieses Verkehrssystems ist auch in der allmählich aus den Privateisenbahenen und den Eisenbahnen der Einzelstaaten entstandenen Deutschen Reichsbahn erhalten geblieben. Dieses große Gebilde ist das größte Betriebsunternehmen der ganzen Welt. Wir wollen sie hegen und pflegen als deutschen Besitz, gerade weil heute das Ausland auf einen Teil ihres Ertrages die Hand gelegt hat. Die Reichsbahn macht Deutschland frei zum wirtschaftlichen Handeln.
Laßt uns Einblick tun in die Reichsbahn. Welch herrliche Landschaftsbilder entrollen sich uns auf der Fahrt mit ihr, welche Wunderwerke der Technik ermöglichen dem Zuge sein Fortkommen. Wir staunen über die Organisation dieses Unternehmens, das 2,9 Millionen Deutschen Arbeit gibt. Die Lokomotiven in ihrer Wunderkraft ziehen durchs Land, durcheilen mit schweren Lasten die Strecken und lassen deutsche Erzeugnisse in der Welt Absatz finden.
Tag für Tag wollen wir uns durch die Bilder des Abreißkalenders das Wirken unserer Reichsbahn vor Augen führen. Die schönen Darstellungen von Künstlerhand geben ein Gesamtbild des größten Verkehrsgebildes der Welt.
Wer die einzelnen Blätter aufheben will, wird sie in Mappen alllmählich zu einem Bilderatlas der Deutschen Reichsbahn vereinigen und dem Kalender über seinen Tageswert hinaus die Bedeutung eine kulturhistorischen Sammelwerkes geben können.

Dr.-Ing. Dr. Hans Baumann
Reichsbahn-Kalender 1927 Das erste Blatt des ersten Reichsbahn-Kalenders von 1927 ist zeigt eine freundliche Farbgrafik und verbreitet damit großen Optimismus, obwohl die wirtschaftliche Situation und politische Stimmung in Deutschland in dieser Zeit nicht sehr rosig war.

Diese positive Stimmung vermag der Reichsbahn-Kalender viele Jahre hinweg aufrecht zu erhalten Er begeisterte den Betrachter immer wieder aufs Neue für die Eisenbahn und ihre Technik, die Eisenbahner und ihre Leistungen sowie die vielfältigen Landschaften Deutschlands, die sich ohne die Eisenbahn nicht so hätten entwickeln können.

Schnell fand der Reichsbahn-Kalender einen großen und treuen Freundeskreis und im Laufe der Jahre wurde er zu einer festen Institution im Leben der Eisenbahner Deutschlands. Sein geradezu legendärer Ruf hat sich bis in die heutige Zeit erhalten. Auf anfänglich rund 125 und dann 160 Seiten pro Jahr bot er dem Betrachter auf  hervorragenden Aufnahmen namhafter Fotografen oder mitunter auch auf Zeichnungen einen breiten und interessanten Einblick in die ganze Vielfalt der Welt der Eisenbahn. Auch die farbig gezeichneten Titelbilder lassen diese Vielfalt erkennen.
Reichsbahn-Kalender 1928 Reichsbahn-Kalender 1929 Reichsbahn-Kalender 1930
Im ersten Jahr war das Kalendarium auf konstant drei Tage pro Kalenderblatt angelegt. Ab 1928 wurde bis zum Jahr 1939 eine Einteilung von drei Seiten pro Kalenderwoche gewählt, wobei jeweils eine Seite für Montag bis Mittwoch, eine Seite für Donnerstag bis Sonnabend und die dritte Seite für den Sonntag reserviert waren.
Ab dem Jahr 1928 durchzog jeden Kalender ein Schwerpunktthema, welches sich durchschnittlich auf wenigstens einer Seite pro Woche wiederfand:
Jahr  Schwerpunktthema
1928 Reichsbahn und Wirtschaft
1929 Reichsbahn und Volk
1930 Mit der Reichsbahn durch deutsche Lande
1931 Die Reichsbahn als Brücke zum Ausland
1932 Die Reichsbahn in der Zusammenarbeit der Verkehrsmittel
1933 Kundendienst der Reichsbahn
1934 Die Eisenbahner und ihre Reichsbahn
1935 100 Jahre deutsche Eisenbahnen
1936 Was Dir die Reichsbahn sein will
1937 Die Reichsbahn im Jahreslauf
1938 Reichsbahn und Handwerk
1939 Reichsbahn und Landschaft
1940 Auslandsverkehr trotz Krieg
1941 Die großdeutsche Aufgabe der Reichsbahn
1942 Deutsche Eisenbahner, Helfer der Heimat, Helfer der Front!
1943 Räder müssen rollen für den Sieg!
Reichsbahn-Kalender 1931 Reichsbahn-Kalender 1932 Reichsbahn-Kalender 1933
Die Schwerpunktthemen vorangegangener Jahre tauchten auch in den Folgejahren immer wieder in einzelnen Darstellungen auf. Aber auch Themen, für die es kein Schwerpunktjahr gab, sind in allen Kalendern regelmäßig anzutreffen, wie zum Beispiel:
  • Reichsbahn und Technik
  • Aus dem Betrieb der Reichsbahn
  • Reichsbahn und Jugend
  • Brücken der Reichsbahn
  • Reichsbahn und Privatbahnen
  • Der Eisenbahner als Kleinlandwirt
  • Reichsbahn und Reichsautobahnen
  • Aus der Geschichte der Deutschen Eisenbahn
  • Reichsbahn und Kunst
  • Reisedienst der Reichsbahn
  • Reichsbahn und Schiffahrt
  • Vom Personal der Reichsbahn
  • Reichsbahn und Architektur
  • Elektrisierung der Reichsbahn
  • Reichsbahn und das Deutsche Rote Kreuz
  • Reichsbahndirektionen
Reichsbahn-Kalender 1934 Reichsbahn-Kalender 1935 Reichsbahn-Kalender 1936
Der Reichsbahn-Kalender erfreute sich nicht nur bei den Eisenbahnern höchster Beliebtheit, allerdings sind keine Angaben zu den Auflagenhöhen bekannt. Jeder Kalender enthielt im Sommer ein Blatt mit dem Bestellschein für den Kalender des folgenden Jahres. Der Preis lag anfänglich bei 4,- RM und wurde in den 1930er Jahren auf 3,60 RM reduziert, was eine deutlich erhöhte Auflage vermuten läßt. Im Krieg wurde der Stückpreis auf  3,20 RM festgelegt. Regelmäßig wurde der Preisangabe hinzugefügt, daß bei Sammelbestellungen Preisnachlaß gewährt wird.
Gedruckt wurde der Reichsbahn-Kalender in Leipzig bei F.A. Brockhaus und verlegt wurde es ebenfalls in Leipzig beim Konkordia-Verlag unter Reinhold Rudolph, der auch Chef der Verkehrswissenschaftlichen Lehrmittelanstalt war, welche durch ungezählte hochwertige Druckschriften zur Aus- und Weiterbildung der Eisenbahner bekannt war.
Reichsbahn-Kalender 1937 Reichsbahn-Kalender 1938 Reichsbahn-Kalender 1939
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 bekam der Reichsbahn-Kalender zunehmend auch eine propagandistische Funktion. Der bisherige Herausgeber und Pressechef der Reichsbahn Dr.-Ing. Dr. Hans Baumann wurde 1933 von den Nazis aus seinem Amt verdrängt und hatte keinen Einfluß mehr auf die Gestaltung des Kalenders. Bereits 1934 begann das Kalendarium mit dem Hakenkreuz-Symbol der neuen Machthaber und dem vielsagenden Motto "Mit Volldampf in die neue Zeit". Neben den typischen kitschigen Führerbildern enthielt der Reichsbahn-Kalender zunehmend auch Blätter zu solchen Themen wie "Reichsbahn und Hitlerjugend" oder "Reichsbahn und Wehrmacht", was sich natürlich ab 1940 noch verstärkte. Auch wurden Leistungen der Reichsbahn nicht selten als Ergebnis der Politik der braunen Machthaber verklärt. Das tat aber der sonst weiterhin hervorragenden Bildauswahl und -qualität und der informativen Textgestaltung der übrigen Kalenderblätter keinen wirklichen Abbruch. Im Laufe der Jahre veränderte sich der Quarakter des Kalenders von einem Reklameinstrument für die Reichsbahn zu einem solchen für den Staat, dem die Reichsbahn ebenso zu dienen hatte, wie alle anderen Wirtschaftszweige.
Reichsbahn-Kalender 1940 Reichsbahn-Kalender 1941 Reichsbahn-Kalender 1942
Im Jahr 1940 wurde das Kalendarium auf eine Seite pro Kalenderwoche von Sonntag bis Sonnabend geändert, offenbar um Papier zu sparen. Es bleibt zwar reine Spekulation, daß diese Einsparung den vielen Freunden des Reichsbahn-Kalenders wenig gefallen hat und es darum Widerspruch gegeben haben mag. Es ist jedoch zu festzustellen, daß in den beiden kommenden Kriegsjahren 1941 und 1942 wieder die alt bewährte Kalendariumsform mit drei Seiten pro Woche und damit dreifachem Papierbedarf verwendet wurde. Erst im Jahr 1943, als die allgemeine kriegsbedingte Materialknappheit im gesamten gesellschaftlichen Leben unübersehbar wurde, mußten sich die Reichsbahner bei ihrem Kalender wieder mit einem Blatt pro Woche begnügen.
Reichsbahn-Kalender 1943 Bereits das Titelblatt 1943 läßt keinen Zweifel mehr an der bestehenden Situation, aber das letzte Blatt des letzten Kalender ist in seiner verkrampften Darstellung kaum noch zu überbieten, zumal heute bekannt ist, wohin die Entwicklung geführt hat. Trotzdem versuchte die damalige Propaganda mit allen Mitteln, eine positive Stimmungslage zu konstruieren, welche auch bei den Eisenbahnern zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorgeherrscht haben dürfte. 
Als die Redaktion für den Kalender des Jahres 1943 abgeschlossen wurde, ahnten sicher nur Wenige, daß es der letzte Kalender dieser Art sein würde. Es war nicht vorhersehbar, was das kommende Jahr für Deutschland, die Reichsbahn und jeden einzelnen Betrachter des Kalenders bringen würde. Dennoch enthielt auch dieser Kalender, wie alle seine Vorgänger einen Bestellschein für die nächste Ausgabe, die jedoch nicht mehr erschien.
Die Eisenbahner, die dort fern der Familie und der Heimat an spärlich gedeckten Tischen Weihnachten feiern, haben die Härten des Krieges hautnah erfahren müssen und waren für die propagandistischen Reden zum Jahreswechsel sicher wenig empfänglich. In den kommenden Monaten verschärfte sich auch ihre Situation noch unaufhörlich weiter und viele Eisenbahner haben bis zum Kriegende Schaden an Leben und Gesundheit erleiden müssen. Dennoch hat die Mehrheit von ihnen ihren Dienst trotzt aller Härten pflichtbewußt bis zum bitteren Ende ausgeführt. Immerhin erschien sicher nicht wenigen Eisenbahnern ihr gewohnter Dienst unter wesentlich erschwerten Bedingungen immer noch verlockender als die Einberufung zur Wehrmacht.

Nach dem Krieg standen verständlicherweise zunächst wichtigere Dinge im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses als die Herausgabe eines neuen Kalenders  der Reichsbahn. 
Für das Jehr 1949 hat dann aber die Reichsbahn in der Bi-Zone bereits wieder einen Kalender herausgegeben, welcher einerseits in der Tradition der alten Reichsbahn-Kalender stand und andererseits auch als erste Ausgabe der darauf folgenden Bundesbahn-Kalender angesehen werden kann. Seine vergleichsweise einfache Aufmachung, insbesondere die Papierqualität, war den damaligen Verhältnissen geschuldet. Das Kalendarium war wie bei den Kriegsausgaben von 1940 und 1943 auf ein Blatt pro Kalenderwoche reduziert. Auch dieser Kalender stand wieder unter einem Motto, welches bereits durch die Darstellung auf dem Titelbild bekundet wurde:

Die Reichsbahn baut wieder auf

Reichsbahn-Kalender 1949

Homepage Thomas Noßke 2004 www.epoche2.de Epoche II Eisenbahn zeitgenössisch Literaturhinweise Ende