Willkommen in Deutschland
Sehen Sie, so sieht Deutschland aus,
wenn Sie es mit einem einzigen Blick erfassen könnten: ein Land mit hundert verschiedenen Landschaften, ein Land, das immer von neuem mit Überraschungen erfreut . . . Oben im Norden bespülen zwei Meere die deutschen Küsten, denen grüen Inseln vorgelagert sind; dort im Norden liegen Hamburg, Bremen und Lübeck, die vielen Jahrhundete alten Hansestädte. Dann folgen die mächtig-unabsehbare norddeutsche Tiefebene mit ihren weiten Wäldern, ihren lieblichen Seenplatten und der reizvollen Einsamkeit der Lüneburger Heide . . . Aber da stoßen von Süden herauf schon Hügel und Berge vor, die lange Reihe der deutsche Mittelgebirge mit ihren duftenden Tannenwäldern und bächedurchrauschenden Engtälern, mit ihren wundersamen, alten Städten und gemütlichen Dörfern, mit ihren grünen Wiesenhängen und schroffen Felsgebilden. . .
Und dann der Rhein, der Welt berühmtester und meist besungener Strom mit seinen Burgen und Weinbergen, seinen uralten Domen und Klosterbauten, mit seiner blühenden Gartenlandschaft und seinen fröhlichen Menschen. . . Ganz im Süden des Reiches wachsen die Berge zu schneebedeckten Gipfeln auf, schaut die Kette der Alpen hoch und steil über eine anmutige Voralpen-Landschaft, über der die Zwiebeltürme zierlicher Rokoko-Kirchen glänzen und die Glocken weidender Rinderherden klingen, in der mächtige Seen aus saftigen Wiesen schauen. Das ist das Land der tausend Reise- und Erholungs-Möglichkeiten: Deutschland!
Klima nach Wunsch . . .
"Das Land ohne Jahreszeiten" könnte man Deutschland nennen! Mitten im Winter ist es möglich, din strahlender Sonne den Nachmittagskaffee zu schlürfen, auf blankem Eis zu tanzen und dabei Skispringer zu bewundern und hoch in den Bergen eine Lawine donnern zu hören. . . Um Weihnachten herum können Sie auf den ostfriesischen Inseln Rosen pflücken und beim Konzert der tobenden Brandung sich vom milden Seewind die Wangen streicheln lassen oder im - geheizten - Meerwellenbad vom Hochsommer träumen. Und es ist auch möglich, im Juli oder August auf glatten Skibrettern in fast 3000 m Höhe über schimmernden Schnee zu sausen, im Harz oder in Thüringen, im Riesengebirge oder im Schwarzwald das kühle Dunkel duftender Tannenwälder zu atmen; Sie können gegen den Sturm am weißen Sandstrand anrennen, mit lustiger Musik durch die Wattenmeere waten oder in der erfrischenden Höhenluft der Rhön den Wunderkunststücken der Segelflieger zuschauen. . . Sie können sich zu jeder Jahreszeit frisch und behaglich fühlen in Deutschland.
Aber das ist vielleicht das Schönste: dem deutschen Frühling entgegenzufahren und ihn dann auf einer Reise zu begleiten durch Deutschland. Im Südwesten ist er zuerst, meistens schon im März unten an der Bergstraße, in der Pfalz und dann im Taunus; Wenn oben im Schwarzwald auf dem Feldberg, noch Skiläufer beseligt ihre Spuren ziehen, breitet sich unten am Neckar, Rhein und Main ein Meer zartfarbener Blüten: Pfirsiche, Kirschen, Äpfel und Birnen verwandeln die Gärten in bunte Paradiese, und die Luft ist erfüllt von Düften. . . Es ist verlockend, gemächlich den Rhein hinabzuziehen, immer im Gefolge des Frühlings, der Stück für Stück des deutschen Landes erobert, die Wiesen und Matten mit tausendfarbigen Mustern bestickt und an die dunklen Tannen hellgrüne Lichterchen steckt. Wenn dann über den Dächermeeren der Großstädte schon die Abendsonne brennt, dann schenken uns die Hochtäler der Alpen noch einmal den Frühling! . . . Höchsten Genuß bereitet vielleicht dieser Gegensatz: wenn man aus den Regionen ewigen Eises und glitzernder Schneegebirge beglückten Auges hinabsteigt in die Blütenpracht eines späten Alpenfrühlings . . .
Das werden Sie überhaupt nirgends in der Welt so wiedersehen: das Werden und Wachsen der Landschaft . . . Wie aus der Ebene sanfte Hügel ansteigen, wie grüne Matten zu den Bergen hinanklettern, in dunklen Wäldern sich verlieren, deren letzte und höchste Vorposten sturmzerzaust gegen nackte Felswände anrennen; aus den Wäldern wächst das Gestein schroff und steil in den blauen Himmel zu weiß leuchtenden Gipfeln . . . Ein einziger, alles umfassender Blick läßt erkennen, wie der Schöpfer seine Weltz gestaltet.
Ein einziges Sport-Paradies
Wer sich mit dem Schauen und Genießen allein nicht begnügen möchte: ein Paradies für jegliche sportliche Betätigung öffnet gastferundlich seine Pforten! . . . Waghalsige Felsklettereien und schwierige Erstbesteigungen reizen den Wagemutigen; Sie können über das wildbewegte Meer segeln und auf Robben Jagd machen oder an unsern Flüssen und Seen angeln; Sie finden überall in Deutschland gepfelgte Tennisplätze, und über fünfzig herrlich gelegene moderne Golfplätze sind über das ganze Reich verteilt, von den Seebädern bis in die Höhenluftkurorte. Bis in den Sommer hinein ist es möglich, Ski zu laufen; Sie können rodeln und bobfahren oder von den Bauden des Riesengebirges im Hörnerschlitten ins Tal brausen. Zum Bade locken die kühlen Bergseen, die zahllosen Freibäder der Binnenseen oder die Brandungswogen der Nord- und Ostsee. Es gibt in Deutschland keine Stadt, keinen Kurort, keine Sommerfrische und kaum ein Dorf, das nicht über ein Schwimmbecken verfügte und seine Sportstätten pflegte.
Von den Reichsautobahnen, die breit und ohne Hindernis auf weite Strecken das Land durchziehen, haben Sie sicherlich schon gehört oder gelesen . . ? Und von den interessanten, Aussichtsreichen Bergbahnen im Schwarzwald und in den Alpen? Oder von den herrlichen Uferstraßen am Rhein und anderswo, von den abwechslungsreichen Gebirgsstraßen oder gar vom Nürburgring, der einzigartigen Autorennstrecke rings um die alte Nürburg in der Eifel am Rhein . . ? !
Aber wenn Sie Deutschland, seine Menschen, seine Eigenarten und Schönheiten aus nächster Nähe und ganz ungezwungen kennenlernen wollen, dann vertrauen Sie sich einem Faltboot an, dann wandern Sei paddelnd die Flußtäler entlang, den Neckar oder die Tauber, die Werra und die Weser, den Main oder die Donau, die Saale oder die Havel, oder durch die mecklenburgische Seenplatte . . . Man braucht nur einmal von der große Straße abzubiegen und einen Blick in eins der anmutigen, schroffen oder wildromantischen Seitentäler zu tun, da folgt eine Überraschung der andern : ragende Burgen, ein fröhliches, sangfreudiges Zeltlager, ein behäbiges Dorf, von bunten Trachten bevölkert, und dann wieder ein Einsamkeit einer fast unberührten Landschaft. . .
Es ist wirklich ein Paradies, diese wechselvolle Fülle der Landschaften, die dem Sport einen neuen, beglückenden Sinn gibt, ihn beseelt mit den Wundern einer reichen Natur.

Das heilende Land

Und vielen Hunderttausenden seiner Gäste schenkte Deutschland wieder Freude am Leben und neue Kraft für die Zukunft . . . Es besitzt eine Werkstatt, in der seti Jahrmillionen unsichtbare Riesenkräfte walten, leidende Menschen mit ihren Heilwässern zu beglücken; dort, wo die gebirge die schönsten und erholsamsten Landschaften schufen, da mischen die guten Geister der Unterwelt ihre Zaubertränke, ließen sie brodelnd und sprudelnd aus der Erde fahren, mit Mineralien gesättigt und Gasen, die wie tausend flinke Ärzte alles Krankhafte und Schwache aus Blut und Körper jagen . . .
Ob Sie chronisch an einer Krankheit leiden oder schon auf dme Wege der Genesung nach einem akuten Anfall sich befinden, oder ob Sie klug vorbeugen und Ihren Körper gegen Angriffe kräftigen wollen: Deutschlands tausend Quellen erwarten Sie . . . !
Deutschland besitzt Heilbäder, die bei Magen-, Darm- und Gallenleiden, bei Verfettung und Stoffwechsel-Krankheiten erfolgreich sind, wie ausgesprochene Herz-Heilbäder oder Mineralquellen, die Nierenleiden und bronchitische Beschwerden, Blutarmut und Frauenkrankheiten beheben, abgesehen von den glücklichen Wandlungen, die alle Arten von Moor- und Schlammbädern infolge ihrer Reize auf rheumatische und gichtische Erkrankungen bewirken.
Wenn jemand ernstlich krank ist, dann wird auch seine Seele zaghaft und schwach; er scheut sich, ein Bad aufzusuchen, weil er fürchtet, dann täglich und stündlich an sein Leiden erinnert zu werden wie in einem Krankenhaus . . . Diese Besorgnis ist ganz unbegründet . . . ! Die deutschen Heilbäder sind keine "Kranken-Kolonien"; das läßt schon die leibliche Landschaft nicht zu, der fröhlichen Wechsel von Berg und Tal, von Wiese und Wald, der die Seele von ihren Sorgen befreit und den Glauben an die natürlichen Kräfte von neuem weckt; das lassen auch die Kurverwaltungen nicht zu, die überall für Anregung und Vergnügen sorgen, für Musik und Tanz, für Spiel und Sport und fröhliche Geselligkeit; und das lassen am wenigsten die deutschen Ärzte zu, die wohl wissen, daß ein frohes Herz - der beste Arzt im kranken Körper ist !
Sie haben tausendfache Auswahl: Sie können in einem Weltbad zu Gast sein, wo Sie wie in einer ideal-vornehmen Stadt leben, oder Sie können eine malerische Kleinstadt bevorzugen, die sich mit ihrer mittelalterlichen Romantik und - modernen Kureinrichtungen in ein Waldtal schmiegt; Sie können auch wie in einem gemütlichen Dorf sich fühlen, wenn Sie einen der vielen kleinen, behaglichen Kurorte wählen. Sie brauchen nicht einmal besorgt sein, daß Ihre Familie oder Ihre Begleitung sich etwa langweilt oder Ihren Kuraufenthalt als "lästiges Reiseziel" empfinden könnte; denn die deutschen heilbäder sind alle zugleich - herrliche Erholungsorte.
Überall aber werden Sie freudig - und heilsam! - erleben, wie die ärztliche Wissenschaft sich die Natur zum Verbündeten gewann, wie herzliche Gastfreundschaft und hilfsbereite Fürsorge Ihrer Genesung die Wege ebnen, und nirgends werden Sie scheiden, ohne - schweren Herzen und doch hoffnungsfroh - ehrlich zu beteuern: "Auf Wiedersehen!".

Land der Überraschungen . . .
Man tritt aus dem Weltstädtischen Grand-Hotel, hat fast vergessen, auf der Reise zu sein, sprch eben noch in seiner Muttersprache mit einem Hotelbeamten, schlendert um die Ecke und steht plötzlich - mitten im Mittelalter. Unmittelbar neben dem modernen und eleganten Hotelbau erheben sich altersgraue Mauern, öffnen sich mächtige Tore, ziehen malerische Gassen winklig ihren Weg . . . Straßenbahnen klingeln, Autos lärmen, und eilige Menschen hasten mitten durch romantische Vergangenheit . . .
Oder die Reise geht durch die größte Werkstatt Europas, die Wanderung zwischen den stählernen Wänden von Hütten und Hochöfen hin, an ganzen Wäldern von Grubentürmen vorbei, durch die riesige Arbeitsstadt des Ruhrgebiets, und plötzlich führt der Weg hinaus aus engen Häuserschluchten, aus Gebirgen von Schutthalden, aus weiträumigen Siedlungen, und da liegt - ein liebliches, grünes Tal, grüßen freundliche Dächer, schauen von steilen Felskanten trotzige Burgen und leuchtende Schlösser, und zwischen waldigen Hügeln breitet sich weit ein See, über den die Fröhlichkeit der Badenden klingt.
Oder man schlendert durch die Reichshauptstadt, sinnt noch darüber, wie groß Berlin sein mag mit seinen vier Millionen Menschen, da ist man plötzlich in einem gepflegten Wald, der Lärm des Weltstadtverkehrs verrauscht, Vögel zwitschern und Eichhörnchen huschen, auf einem Wasserlauf gleiten Gondeln, ein sommerliches Blockhaus taucht auf aus dichtem Grün, und man kann sich verirren in diesem Park, im Tiergarten . . . mitten in Berlin.

Oder die Fahrt geht aufs Meer hinaus, von Hamburg oder von Bremen, hiaus in die unabsehbare Weite, von kreischenden Möwen begleitet, und plötzlich wächst aus der stahlblauen Kimmung steil und unerwartet ein Fels, steigt höher ins Blickfeld, zeigt seine Farben weiß, grün und rot: das ist die herrlich-einsame Insel Helgoland, mit der weißen Düne, grünem Unterland und rotem Kalksandstein . . .
Oder man fährt durch einen langen Tunnel, wenn man den Zug verläßt, blendet das schimmernde weiß eines Gletschers, grüßt ein komfortables Hotel in 2600 m Höhe, schaut der höchste Gipfel Deutschlands, die Zugspitze, herab . . . Oder im D-Zug: Plötzlich rauscht das Meer vor den Fenstern, die Fahrt geht mitten durch die Nordsee . . . ! Und wenn man dem Zug entseigt, steht man auf einer Insel; in die Melodie der brausenden Brandung mischen sich die Klänge eines Kurorchseters, und vor einer langen Reihe prächtiger Hotels breitet sich unabsehbar lang ein flaggen-bunter Badestrand . . . Und Sie sind mitten durchs Meer, auf dem Hindenburgdamm, auf die Insel Sylt gefahren . . .
Oder der Weg führt von Berlin nordwärts in ein breites, behagliches Tal, von laubgrünen Hügeln gesäumt, und da unten irgendwo glitzert ein Wasserlauf, und plötzlich steigt ein Schiff aus dem Wasser herauf, drei, vier Stockwerke hoch, und dann schwimmt es weiter . . . Das ist das Schiffshebewerk Niederfinow, das statt einer Reihe zeitraubender Schleusen - einen Schiffs-Fahrstuhl in Betrieb setzte!
Auf der Kurpromenade von Baden-Baden, in dieser "Hauptstadt Europas", begegnen sich die Großen und Mächtigen aus allen Ländern und Erdteilen. Da sprudelt ein Brunnen, und Wolken weißen Dampfes steigen von ihm auf: siedend heiß schießt die Quelle aus der Erde . . . ! Und ein paar Stufen führen hinab in verwittertes Mauerwerk, und Sie vernehmen überrascht: daß hier schon die alten Römern Heilung suchten von ihrer Gicht, vor zwei Jahrtausenden . . . Und an den Straßen stehen noch ihre Meilensteine.
Jahrtausende schauen sie an . . .
Vor zweitausend Jahren standen römische Legionen am Rhein und an der Donau, aber bevor sie über die Alpen vorgedrungen waren, gehörte das Land den Stämmen der Germanen.
Im Teutoburger Wald, bei den Externsteinen, kann man die Reste eines alten germanischen Heiligtums studieren, und überall in Deutschland trifft man auf die Spuren germanischer Kultur, auf Hünengräber und Urnenfelder, auf vorgeschichtliche Burgen und Weihestätten.
In Trier erzählen uralte Bauwerke, Tore, Bäder, Theater und Wasserleitungen, wie es in einer römischen Kolonial-Großstadt vor 2000 Jahren zuging; in Aachen mag man die Zeugen fränkischer Kaiserpracht bewundern. In tausend Domen, Kirchen und Klöstern spiegelt sich das Werk frommer Baukunst, wetteifern Maler und Bildhauer, ihre Zeit und ihren Glauben zu gestalten. Und weiter schufen die Jahrhunderte die prächtigen Pfalzen und Residenzen der deutschen Kaiser und Fürsten, die wehrhaften Burgen der Ritter und die Stadtpaläste höfischen Adels. Dann, im fortschreitenden Mittelalter, bedrängten die mächtiger werdenden Bürger ihre Bischöfe und Fürsten, der Städtebund der Hanse trug seine Macht über die Meere; die Städte gürteten sich mit trotzigen Mauern, bauten prächtige Rathäuser, prunkvolle Zunfthäuser und setzten als Zeichen ihrer Macht den Roland mit dem Richtschwert auf ihre Marktplätze. Sei es nun Rothenburg, Dinkelsbühl und Nördlingen oder Goslar und Hildesheim, sei es eins der rheinischen Städtchen oder eine der alten Innstädte wie Passau, sei es an der Donau oder am Main, an der Lahn oder - an der Weser: immer wird man mit Bewunderung und Andacht durch die verschwundenen, alten Gassen schreiten; wird auf der Wartburg versonnen an die "Heilige Elisabeth" denken, an die Sängerkriege, an Martin Luther und wird dann, befreit von dem Zauber mittelalterlicher Romantik, den Blick über das blühende Thüringer Land ringsum schweifen lassen. Da ist Nürnberg, die Stadt Hans Sachsens und der Meistersänger, Albrecht Dürers und Peter Vischers, das reiche Frankfurt mit seinen Goethe-Erinnerungen, München mit seinen Galerien und phantastischen Königsschlössern, die Schmuckstadt Dresden mit ihren Kunstschätzen und architektonischen Reichtümern; und wieder eine neue Epoche: als Berlin allmählich begann, Großstadt zu werden, seine Prachtstraße "Unter den Linden" sich schuf, Schlüter, Schinkel und Rauch seinen Ruf als Kunststadt begründeten, als Potsdam die Residenz der preußischen Könige wurde, als das köstliche Sanssouci erstand. ...
Und edle Künste erfreuen Sie!
Vielleicht sind die Deutschen das theaterfreudigste Volk der Welt; vielleicht hätte es einen Goethe und Schiller, einen Lessing oder Gerhart Hauptmann in keinem anderne Lande geben können. Allein in Berlin spielen mehr als dreißig verschiedene Theater, die über fast 40000 Plätze verfügen, so daß auf je 100 Einwohner ein Theaterplatz entfällt . . .! Und es gibt nicht eine einzige größere deutsche Stadt, die nicht ihre Ehre darein setzt, eine städtische Bühne zu unterhalten. Es ist klar, was diese Vielheit und Verschiedenartigkeit für Deutschlands Theater-Kultur bedeuten: immer ist reichlich Nachwuchs da, der sich langsam zu den großen Bühnen durcharbeitet, und so mancher Künstler, der heute Weltruf genießt, begann seine Laufbahn in Deutschland.
Aber der Gast aus der Fremde mag mit Recht einwenden, daß er der deutschen Sprache nicht genügend mächtig sei, um diese Kunst zu würdigen. Es gibt jedoch eine Sprache, die wir alle verstehen: die Musik. Und wenn Sie sich darauf besionnen, daß Deutschland die Heimat Händels, Bachs und Beethovens ist, Mozart und Lortzings, Schumanns und Schuberts, die Heimat Richard Wagners, Hans Pfitzners und Richard Strauß', dann werden Sie nicht mehr zweifeln, daß sich auch nur eine musikalische Reise durch Deutschland reichlich lohnen würde . . .! Die Philharmoniker in Berlin, das Gewandhausorchster in Leipzig, die Gürzenich-Konzerte in Köln, die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth, Festspielwochen in München, die Berliner und die Dresdner Staatsoper: das wären die hervorragendsten Stationen auf dieser Reise, die Ihnen auch noch die Bekanntschaft des berühmten Thomaner-Chors in Leipzig, der Regensburger "Domspatzen", der herrlichen Orgel der Marienkirche zu Lübeck oder der Orgel im Dom zu Passau mit ihren 17000 Pfeifen und über 200 Registern vermitteln mag . . . Aber man will vielleicht nicht "Musik studieren", wenn man zum Vergnügen reist; man will sich erholen und genießerisch erleben: Sie werden trotzdem überall Musik hören . . .! Den Klang der Zither oben in Bayern, die Ziehharmonika am Meer, Lautenklang und Volksliedsang überall, wo Sie der Jugend begegnen; am Rhein klingt die ganze Landschaft wie ein einziges, jubelndes Lied . . .
Ein altes deutsches Sprichwort sagt: "Wo man singt, da laß Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder . . .!" Wenn es nach diesem Sprichwort geht, dann können Sie sich getrost und überall in Deutschland niederlassen!
Dann gibt es da noch eine besondere Art von "Musik", eine tönereiche Melodie für die Augen: die Trachten-Festspiele in den malerischen Alpenstädtchen, in Rothenburg, Dinkelsbühl und Nördlingen, das Hochzeitsspiel in Landshut, den eigenartig prächtigen Brautzug in der Schwalm, die Schützenfeste in den Kleinstädten und die "Bauern-Theater" im Hochgebirge: man braucht kein Wort von der Mundart zu verstehen, die Gesten und die Gestalten dieser "Theater" sprechen in einer eindringlicheren Sprache, in der Sprache natürlichen Frohsinns!
Wenn Sie eine ganze Sinfonie von Tönen und Trachten, von Farben und Sitten erleben möchten: dann auf zum Karneval an den Rhein oder zum Fasching nach München; dann einmal das pfälzische Weinlese-Fest, den "Dürkheimer Wurstmarkt" miterleben, den Cannstatter Wasen in Stuttgart oder das Münchener Oktoberfest! Und fürchten Sie nicht, daß Sie auf diesen echten Volksfesten als Gast etwa nicht willkommen wären; im Gegenteil: die fröhlich Feiernden sind stolz, andere an ihrer Freude teilnehmen zu lassen . . .! Man entdeckt rasch das innerste Wesen deutscher Kunst: diese innige Freude an allem Schönenn und Heiteren . . .
Und nun mögen Sie offenen Auges und Sinnes durch Deutschlands Museen und Galerien wandern, von denen es eine unaufzählbare Reihe gibt. Weltberühmte Sammlungen sind darunter: wie die Dresdner Galerie mit Raffaels Sixtinischer Madonna, wie die Münchner Pinakothek oder die Berliner National-Galerie, das einzigartige Deutsche Museum in Nürnberg und tausend andere kunstgeschichtliche, historische, zoologische und botanische Gärten. Es gibt kein Städtchen, das auf sich hält und nicht mindestens sein Heimat-Museum besäße, wie es seinen Sportplatz und seine Badeanstalt, seinen Musik- und - seinen Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein hat!

Die Kunst- und Kulturschätze Deutschlands, alle wohlgeordnet und übersichtlich gesammelt, das ist ein besonderes und so großes Kapitel, daß es auch mit einem Dutzend Reisen nicht zu bewältigen ist! . . . Vom unendlich vielen Schauen und Erleben mögen Sie müde, hungrig und durstig geworden sein . . .

Aber Ihr Leibgericht? . . .
Sie können unbesorgt sein: die Deutschen essen durchaus nicht nur Eisbein und Sauerkohl! . . . Das ist eines der vielen Märchen, die man von Deutschland erzählt. Überall in Deutschland findet man eine reichhaltige Speisekarte; Sie werden in allen größeren Hotels, großstädtischen Gaststätten und in allen Heilbädern und Kurorten Meisterwerke der Kochkunst erwarten dürfen. Sie können ruhig Ihr gewohntes Leibgericht bestellen: die deutschen Küchenchefs sind allen Anforderungen gewachsen, es macht ihnen Freude, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihre Kunst beweisen zu können.
Aber vielleicht gehört zu einer erlebnisreichen Reise auch das Erlebnis ungekannter Appetilichkeiten und Delikatessen? Wenn der Gaumen ein bißchen Unterhaltungslust hat, dann wird man freudig überrascht sein von der Vielgestaltigkeit und - Schmackhaftigkeit deutscher Volksgerichte!

So verschieden wie die Landschaften, wie die Mundarten und wie die Menschen sind auch die "Leibgerichte" in den einzelnen Gauen. Vom "Schlesischen Himmelreich" bis zur "Hamburger Aalsuppe", vom "Königsberger Klops" bis zu den "Münchner Weißwürstln", vom "Leipziger Allerlei" bis zum "Rheinischen Kraut", von den Nürnberger Bratwürstln" bus zur Braunschweiger Mettwurst", von der "Dresdner Stolle" bis zu den "Freiburger Brezeln" gibt es eine unendliche Reihe von Suppen, Speisen, Würsten und Kuchen, die den Gaumen alle auf ihre besondere Art reizen.
Daß man in München das süffigste Bier braut, ist weltbekannt. Aber versuchen Sie auch einmal das herbe Dortmunder, das Kulmbacher oder Würzburger, eine richtige Berliner "Weiße", die Leipziger Gose oder das Lichtenhainer aus Jena. Kosten Sie einmal einen alten Steinhäger oder ein Scharzwälder Kischwasser, einen westfälischen Korn oder den delikaten Doornkaat, nippen Sie einmal an einem echten Trester oder lassen Sie sich den köstlichen Duft von Himbeergeist in die Nase steigen! . . . Und wer das Süße liebt, lasse sich einen Ettaler kommen, der dem berühmten Benediktiner nicht nachsteht. Der bayerische Gebirgs-Enzian allerdings ist besonderem Geschmack vorbehalten.
Und dann: die Weine! . . . Die vom Rhein und von der Mosel, die kräftigen Pfälzer und die Bocksbeutel aus Franken, die roten von Ingelheim, Dürkheim oder aus dem Tal der Ahr, die Bergsträßler und die aus Baden! . . . Ach, eine ganze lange Reise nur aus Weinproben und Kellerbesuchen kann man bestreiten und würde nicht einmal schlecht dabei fahren: denn Land und Leute würde man kennen und lieben lernen auf dieser Fahrt, schöne, alte Lieder würden fröhlich mitgesungen werden, und die ganze Behaglichkeit würde man spüren, die wie eine liebenswürdige, lebensfreudige Wolke über einer Runde fröhlicher Zecher schwebt . . . Und dann würde der Abschied sehr, sehr schwer fallen!

Der Abschied von Deutschland, das so mancher als Sualus betrat und - schweren Herzens - als Paulus wieder verließ! . . .

Eins wird Ihnen auffallen . . .
Eins wird gleich am Anfang und dann immer wieder, gleichgültig, ob man schon als Freund nach Deutschland kommt oder noch mit allen möglichen Zweifeln beladen: die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, mit der sich alles abspielt, und die Sauberkeit und gepflegte Bequemlichkeit, sei es auf der Eisenbahn, im Hotel, in den Gaststätten oder sonstwo. Die Reise kann auf die Minute genau vorher berechnet und mit der Uhr in der Hand verfolgt werden: Verspätungen deutscher Eisenbahnzüge sind seltene Ausnahmen, und Kellner oder Pagen, Gastwirte oder Hotelportiers, die Ihre Wünsche nicht zuverlässig erfüllen, sind in Deutschland "Sehenswürdigkeiten".
Man schläft im Zug wie in einem internationalen Hotel; man ißt im Speisewagen wie in einer erlesenen Gaststätte, und wenn man sich der vorhandenen Einrichtungen richtig bedient, dann ist der Sitzplatz im D-Zug-Abteil stets vorsorglich reserviert, die FD-Züge oder die Schnelltriebwagen, die mit 130 km Stundengeschwindigkeit durch Deutschland brausen. Und es ist gar nicht schwer, sich zurechtzufinden: überall ist man freudig auskunftsbereit, am freudigsten dem Gast gegenüber, und man wird es bald und sehr häufig beobachten, wie auch ein Sprachunkundiger rührend sich Mühe gibt, zu verstehen und zu antworten, wie sofort allerorten Hilfsbereite zu Ihnen stoßen und froh erregt sind, wenn sie sich in Ihrer Sprache verständigen können! . . . Und Englisch und Französisch spricht fast jeder zweite Deutsche, viele auch Italienisch und Spanisch.
Wenn Sie schon vor Antritt Ihrer Reise Genaueres oder Besonderes wissen möchten, dann lassen Sie sich in Ihrem Reisebüro Schriften und Hefte vorlegen, die alle näheren Angaben enthalten. Wir würden uns freuen, in Ihnen den Wunsch geweckt zu haben, Deutschland zu besuchen, und hoffen, Sie recht bald dort begrüßen zu können.
Auf Wiedersehen in Deutschland!
Die Schrift ist herausgegeben von der
Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr, Berlin. -
Den Text schrieb Ludwig Kapeller, Berlin. -
Bildschmuck nach Entwürfen von Hermann Schneider, Berlin. -
März 1936. - Auflage der deutschsprachigen Ausgabe: 300.000

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