Reichsbahn-
Kraftomnibus-
Verkehr

auf den
Autobahnen

Auf den unter Ihrer massgeblichen Mitwirkung gebauten Reichsautobahnen sah sich die Deutsche Reichsbahn offenbar aus propagandistischen Gründen genötigt, eigene regelmässige Kraftomnibusverkehre aufzunehmen. Verkehrstechnisch gab es für derartige Fahrten auf den fertiggestellten Autobahnabschnitten kaum Notwendigkeiten, zumal parallel zu den meisten Relationen schnelle, bequeme und mehrmals täglich verkehrende Schnellzugverbindungen existierten. Dennoch sollen im Jahr 1937 von der Reichsbahn schon 484 000 Fahrgäste mit Autobahnbussen befördert worden sein; im Folgejahr 1938 sollen es bereits über 700 000 Personen gewesen sein. Eine sicher nicht unerhebliche Zahl von Nutzern wollten möglicherweise selbst einmal eine Fahrt auf einer Autobahn erleben. Durch die extreme propagandistische Überzeichnung der Bedeutung der Autobahnen wurde bei vielen Deutschen der Wunsch nach einem solchen Erlebnis geweckt. Hinzu kam für viele Volkswagen-Kleinsparer der Erwartungswunsch auf ihr eigenes kleines Auto, mit dem man dann die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten der näheren und weiteren Umgebung selbst entdecken wollte. Im Vorgriff darauf wurden besonders an Feiertagen und Wochenenden von vielen Familien Fahrten mit dem Reichsbahn-Autobahnbus unternommen. Die mit ihrer Stromlinienform dem damaligen Zeitgeschmack angepassten Busse versprachen durch ihr äusseres Erscheinungsbild hohen Komfort, schöne Aussicht auf die durchfahrene Landschaft und schnelles Reisen, obwohl die Schnellzüge der Reichsbahn planmässig deutlich schneller fuhren und den Fahrgästen mehr Bewegungsfreiheit während der Fahrt boten. Die Attraktivität der in sehr kleinen Serien von verschiedenen Herstellern gebauten Reichsbahn-Busse ist aber auch heute noch unbestritten.


In den offiziellen Kursbüchern der Reichsbahn sind mindestens folgende Kraftomnibuslininen nachweisbar, die grösstenteils Autobahnstrecken nutzten. Die angegeben Fahrzeiten sind Orientierungswerte, da einzelne Kurse mitunter etwas abweichende Fahrzeiten benötigten.
 
RBD Verbindung Entfernung
in km
Zwischenhalte Buspaare
täglich
Fahrzeit
Berlin Berlin - Stettin 151 9 3 2 h 50 min
Berlin Berlin Eberswalde - Schiffshebewerk - Niederfinow 76 5 1 1 h 45 min
Berlin Berlin - Werbellinsee - Joachimsthal 70 8 5 1 h 42 min
Berlin Berlin - München 602 2 1x pro Woche 11 h
Breslau Breslau - Liegnitz 82 9 2 1 h 31 min
Dresden Dresden - Zwickau - Plauen ~ 180 7 2 3 h 30 min
Dresden Dresden - Chemnitz ~ 95 5 1 1 h 36 min
Dresden Dresden - Gera - Jena - Weimar ~ 235 8 1 4 h 16 min
Dresden Chemnitz - Weimar ~ 155 1 1 3 h
Erfurt Gera - Eisenberg - Weißenfels 66 18 1 1 h 54 min
Frankfurt Frankfurt (Main) - Darmstadt 39 1 26 38 min
Frankfurt Frankfurt (Main) - Mannheim - Saarbrücken 218 9 2 3 h 53 min
Frankfurt Frankfurt (Main) - Karlsruhe 158 5 12 1 h 58 min
Frankfurt Frankfurt (Main) - Stuttgart 216 5 4 3 h 25 min
Frankfurt Frankfurt (Main) - Bad Nauheim 53 4 7 1 h
Frankfurt Frankfurt (Main) - Gießen 59 3 3 ?
Frankfurt Frankfurt (Main) - Alsfeld - Kassel 260 3 3 2 h 57 min
Halle Halle - Leipzig 41 1 5 50 min
Hannover Braunschweig - Hannover 65 5 4 1 h 10 min
Hannover Bielefeld - Gütersloh 22 15 14 50 min
Köln Köln - Düsseldorf 53 10 17 1 h 13 min
Köln Köln - Essen 78 10 4 1 h 36 min
Köln Recklinghausen - Dortmund 33 5 5 1 h
Königsberg Königsberg - Elbing 105 1 3 1 h 50 min
München München - Ingolstadt 84 4 3 1 h 35 min
München München - Bad Reichenhall - Salzburg 154 5 1 3 h 15 min
München München - Tegernsee 54 9 3 1 h 26 min
München München - Schliersee - Neuhaus 60 9 4 1 h 28 min
München München - Bad Aibling - Reit im Winkl 123 15 2 2 h 25 min
München München - Salzburg 142 8 2 2 h 32 min
München München - Berchtesgaden 154 10 1 2 h 55 min
Nürnberg Nürnberg - Bayreuth - Hof - Eisenberg - Leipzig 313 13 2 5 h 40 min
Nürnberg Nürnberg - Ingolstadt 91 3 2 1 h 30 min
Osten Frankfurt (Oder) - Bad Saarow 43 3 2 55 min
Stuttgart Stuttgart - Bad Überkingen - Ulm ~ 95 9 7 1 h 58 min
Die nachfolgenden Verkehre waren geplant und sind höchstwahrscheinlich nicht mehr in Betrieb gegangen:
Berlin Berlin - Magdeburg 161 12 2 3 h 8 min
Breslau Breslau - Sagan - Sorau - Cottbus 252 10 1 3 h 51 min
Frankfurt Bad Nauheim - Wiesbaden 85 17 4  2 h 25 min
Halle Halle - Dessau - Berlin 189 8 ? ?
Halle Leipzig - Dessau 68 1 ? ?
Hamburg Hamburg - Lübeck ~ 65 ? ? ?
Hamburg Hamburg - Bremen ~ 125 ? ? ?
Hannover Magdeburg - Braunschweig ~ 87 ? ? ?
Kassel Kassel - Göttingen 49 ? ? ?
München München - Augsburg - Ulm ~ 150 ? ? ?
München Berchtesgaden - Salzburg 26 3 12 1 h
Werbefaltblatt für die von Dresden ausgehenden 
Reichsbahn-Kraftomnibuslinien (siehe auch oben)
Reichsbahn-Stromlininenbus am Nürnberger Hbf
vor der Abfahrt nach Leipzig


Unmittelbar nach der Fertigstellung neuer Autobahnabschnitte wurden vielfach auch neue Omnibusverkehre eingerichtet. Nachdem die Gesamtstrecke der Reichsautobahn Berlin - München durchgängig befahrbar war, wurde Ende Mai 1939 eine Kraftomnibus-Verbindung auf dieser Relation in Betrieb genommen, deren geringe verkehrstechnische Bedeutung am ehesten aus dem direkten Vergleich zu den bestehenden Schnellzugverbindungen zwischen diesen beiden deutschen Großstädten erkennbar wird. Es wurde ein Buspaar pro Woche gefahren, während es bei der Eisenbahn täglich mindestens sechs durchgehende Schnellzugpaare auf dieser Strecke gab. Die insgesamt elfstündige Fahrt wurde zur Erholung von Fahrer und Fahrgästen in etwa gleichen Abständen zweimal für eine längere Pause unterbrochen; an der landschaftlich reizvoll gelegenen Autobahn-Raststätte Rodaborn in Thüringen, wo die Fahrgäste auch Mittagessen einnehmen konnten, sowie am Nürnberger Hauptbahnhof, wo sich auch die einzige Möglichkeit zum Zu- oder Aussteigen befand.
Um überhaupt Fahrgäste für die Busfahrten zu gewinnen, wurden die Busfahrpreise deutlich unter die der vergleichbaren Bahnfahrt gesenkt.

Fahrtroute innerhalb Berlins:

Anhalter Bf - Möckernstraße - Kreuzbergstr. - Katzbachstr. - Boelckestr. - Manteufelstr. -
Marienfelde - Großbeeren - Anschlußstelle der RAB Berlin-Marienfelde-Trebbin
Fahrzeiten im Vergleich zwischen Autobus und Schnellzug
Hinfahrt
Samstag
Autobus Rückfahrt
Sonntag
K 300 Fahrplan K 301
7.30 ab Berlin Anhalter Bf an 18.30
11.40 an Raststätte Rodaborn ab 14.20
12.25 ab Raststätte Rodaborn an 13.35
15.25 an Nürnberg Hbf ab 10.30
15.50 ab Nürnberg Hbf an 10.08
18.30 an München Hbf
(Starnberger Bf)
ab 7.30
D140 FD80 Eisenbahn
Sommerfahrplan 1939
gültig ab 15.05.1939
D139 FD79
8.24 10.13 ab Berlin Anh Bf an 17.34 20.02
15.01 16.10 an Nürnberg ab 11.12 14.13
17.57 18.28 an München Hbf ab 8.35 12.05
Die angegebenen Zeiten stammen aus einem Werbeprospekt zur Inbetriebnahme dieser Kraftomnibuslinie. Sie weichen von denen im Reichsbahn-Kursbuch erheblich ab.
Am 03.05.1939 wurden die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten im Deutschen Reich herabgesetzt. Danach durften LKW und Busse innerhalb von Ortschaften nur noch 40 km/h und ausserhalb sowie auch auf Autobahnen nur noch 70 km/h schnell fahren, wodurch sich die Gesamtfahrzeit von Berlin nach München um eine Stunde verlängerte. Das Reichsbahn-Kursbuch zum Sommerfahrplan ab 15.05.1939 hatte aber früher Redaktionsschluß und nennt somit nicht die tatsächlich gefahrenen Zeiten. Die Vermutung liegt nahe, dass dadurch auch die anderen Kraftomnibus-Verbindungen mehr oder weniger umfangreiche Fahrzeitverlängerungen in Kauf nehmen mussten.
Fahrpreise im Vergleich zwischen Autobus und Eisenbahn 3. Klasse
Autobus einfache Fahrt Hin- und Rückfahrt
Berlin - Nürnberg 16,00 RM 25,00 RM
Nürnberg - München 8,30 RM -
Berlin - München 18,70 RM 30,00 RM
Fahrkarten für die Hinfahrt sind nur am Lösungstage gültig, 
die Rückfahrt musste binnen zwei Monaten angetreten werden.
Reichsbahn 3.Klasse
Berlin-München
Personenzug Schnellzug
Normalpreis einfache Fahrt 26,20 RM 28,70 RM
Festtagsrückfahrkarte 35,00 RM 40,00 RM
Urlaubskarte 39,40 RM 44,40 RM

Auszug aus den Beförderungsbedingungen

1. Anspruch auf Mitfahrt besteht nur, soweit in den planmäßig verkehrenden Kraftomnibussen Plätze vorhanden sind.

2. Ortsverkehr innerhalb einer Stadt, in der mehrere Haltestellen vorgesehen sind, ist ausgeschlossen.

3. Verspätete Ankunft oder Abfahrt oder das Ausfallen einer Kraftomnibusfahrt begründen keinen Anspruch aus Entschädigung.

4. Kinder vom vollendeten 4. bis zum vollendeten 10. Lebensjahr sowie jüngere Kinder, für die ein besonderer Platz beansprucht wird, werden zur Hälfte dieser Fahrpreise oder Zuschläge befördert. Außer der Fahrpreisermäßigung für Kinder werden nur die in Ziffer 5 genannten Fahrpreisermäßigungen gewährt.
Folgende Eisenbahnfahrausweise (als solche gelten auch die MER-Fahrscheine) können für die gleiche oder gelichwertige Strecke im Reichsbahn-Kraftomnibus benutzt werden:

A. gegen Zahlung der Zuschläge nach Tarif:
a) Eisenbahnfahrausweise 3. Kl. Personenzug zum normalen Fahrpreis.
b) Urlaubskarten und Ostpreußen-Rückfahrkarten 3. Kl. Personenzug.
c) Eisenbahnfahrausweise 3. Kl. mit der Ermäßigung für Ausländer;
B. ohne weiteres und ohne Zahlung eines Zuschlages
a) Eisenbahnfahrausweise 1. und 2. Kl. zum normalen Fahrpreis,
b) Eisenbahnfahrausweise 3. Kl. Eil- und Schnellzug zum normalen Fahrpreis,
c) Urlaubskarten und Ostpreußen-Rückfahrkarten 2.Kl,
d) Urlaubskarten und Ostpreußen-Rückfahrkarten 3.Kl. Eil- und Schnellzug,
e) Eisenbahnfahrausweise 1. und 2. Kl. mit der Ermäßigung für Ausländer,
f) Netz-, Anschlußnetz-, Bezirkskarten, Anschlußbezirkskarten und Bezirksteilmonatskarten, soweit sie besonders zugelassen sind.
Im Falle zu B gilt der Eisenbahnfahrausweis als Fahrschein für die Befölrderung im Reichsbahn-Kraftomnibus.

6. Lebende Tiere dürfen nicht mitgeführt werden. Kleine Hunde, die auf dem Schoß getragen werden können, sind zugelassen, wenn Polizeivorschriften nicht entgegenstehen und die Mitreisenden nicht widersprechen. Als Beförderungsgebühr für den Hund wird der halbe Fahrpreis oder der halbe Zuschlag erhoben.

7. Reisegepäck wird nicht befördert.

8. Handgepäck darf unentgeltlich mitgenommen werden, soweit im Wagen Platz vorhanden ist und sofern keine Zoll-, Steuer-, Polizei- oder sonstigen gesetzlichen oder Verwaltungsvorschriften entgegenstehen.

9. Näheres enthalten die veröffentlichten Beförderungsbedingungen, die bei allen Fahrkartenausgaben eingesehen werden können.

Die Fahrscheine gibt der Wagenschaffner aus.

Ein interessanter technischer Aspekt im Zusammenhang mit den Autobahn-Fernbuslinien ist die Entwicklung und der Bau von speziellen stromlinienförmigen Bussen für die Reichsbahn. Die Stromlinienform erfeute sich grosser Popularität und galt in dieser Zeit generell als Sinnbild für Schnelligkeit und Fortschritt. Dabei ist ihr Energiespareffekt bei der maximal zulässigen Fahrgeschwindigkeit von 70 km/h sehr gering.

Verschiedene Hersteller von Kraftomnibussen sowie spezielle Karosseriebaufirmen als wichtige Zulieferer nahmen sich dieser technischen Herausforderung an und bauten für die Deutsche Reichsbahn in geringen Stückzahlen stromlinienförmige Kraftomnibusse nach modernster Technologie. Besonders bekannt wurden in diesem Zusammenhang die Gaubschat-Fahrzeugwerke GmbH in Berlin-Neukölln. Im Frühjahr 1939 entstanden bei Gaubschat auf der Basis von zweiachsigen VOMAG-Fahrgestellen mit 150 PS-Dieselmotor mindestens zwei Fahrzeuge speziell für Fahrten auf der 602 km langen Autobahnstrecke zwischen Berlin und München. Mit diesen Gelenkbussen wurden sowohl in bezug auf die Formgebung und als auch bei der technischen Realisierung neue Maßstäbe gesetzt. Die starrgekuppelten selbstspurenden Anhänger mit Allradlenkung waren über Faltenbalgübergänge mit dem Triebwagen verbunden, wie sie von den Schnellzugwagen schon länger bekannt waren. Der Kupplungsmechanismus und die gelenkten Achsen des dadurch spurgleich fahrenden Anhängers erlaubten die Befahrung enger Radien, wie sie jedoch nur im innerstädtischen Verkehr und nicht auf den Autobahnen zu bewältigen sind. Die Fahrzeuge boten bei einer Gesamtlänge von 21 m insgesamt 78 Sitzplätze und bei Bedarf bis zu 17 Notsitze. Sowohl Triebfahrzeug als auch Anhänger besaßen Oberlichtfenster und ein Schiebedach, so dass der Zug auch als Aussichtswagen verwendet werden konnte.
Abfahrt am Anhalter Bf in Berlin Innenausstattung des Gaubschat-Zuges mit Durchblick zum Anhänger

Auch das Reichsbahn-Werbeamt für den Personen- und Güterverkehr (WER) widmete sich dem Thema des Reichsbahn-Kraftomnibusverkehrs auf den Autobahnen.
Auf mehreren seiner Werbepostkarten sind farbige Zeichnungen mit Motiven von stromlinienförmigen Reichsbahnbussen auf den Autobahnen zu finden.

Homepage Thomas Noßke 2007 www.epoche2.de Epoche II Verkehrswesen Ende