Der Bau der Autobahnen

Tankstellen

Die erste deutsche Autobahn-Tankstelle bei Darmstadt. Sie wurde im Mai 1936 eröffnet und war nur einseitig ausgeführt. An der Gegenfahrbahn befand sich eine Omnibus-Haltestelle für die Reichsbahn- Kraftomnibuslinie Frankfurt(M) - Karlsruhe.

Ein hochinteressanter Aspekt der ersten Autobahnen, von dem heute kaum noch Spuren existieren, sind die Tankstellen, die sogar in kürzeren Abständen anzutreffen waren, als heute. Sie fielen oft durch ihre damals hochmoderne Architekur auf. Im Gegensatz zu den heutigen riesigen Tankanlagen, die fast immer mit Raststätten kombiniert sind, wurden viele der ersten Autobahn-Tankstellen unmittelbar an den Abfahrten errichtet. Zwischen den wesentlich näher als heute zusammenliegenden abführenden und zuführenden Fahrbahnen der Autobahnanschlüsse lag ursprünglich meist noch ein Standstreifen, der als kleiner Parkplatz nutzbar war. In diesem Dreieck lagen die relativ kleinen Tankstellen, die nicht selten auch in ihrer Architektur diesem Dreieck angepaßt waren. 
In den 1960er Jahren wurden diese ursprünglichen Tankstellen fast überall entfernt, da sie dem bis dahin enorm angewachsenen Verkehr nicht mehr stand hielten. Bei dieser räumlichen Konstellation war für Warteschlangen an den relativ wenigen Zapfsäulen nicht ausreichend Platz vorhanden, so dass es zu Rückstaus bis auf die Autobahnfahrbahn kommen konnte. Neuere Tankstellen erhielten mehr Zapfsäulen sowie großzügige Einfahrten und umfangreiche Parkmöglichkeiten, so dass ein Einfluß auf den fließenden Verkehr ausgeschlossen werden kann.

Eine Verpachtung oder Verkauf der Tankstellen an die Mineralöl-Vertriebsgesellschaften oder einzelne private Pächter fand nicht statt. Der Betrieb der Autobahn-Tankstellen wurde durch eine staatliche Reichsautobahn-Kraftstoff-GmbH (RAK) wahrgenommen. Diese verkaufte die Treibstoffe unter ihrem eigenen Namen und nicht unter dem der produzierenden Mineralöl-Gesellschaften, da bereits damals die Qualitätsunterschiede der Treibstoffe von den unterschiedlichen Herstellern vernachlässigbar waren. Bei den Schmierstoffen wurde jedoch die originalen Produkte der verschiedenen Produzenten unter deren Markennamen angeboten, da die Kunden oftmals bestimmte Produkte bzw. Hersteller favorisierten. An den Tankstellen wie überhaupt an allen Einrichtungen der Reichsautobahnen war jegliche Werbung untersagt. Anstelle des Logos einer Mineralölgesellschaft kennzeichneten die Autobahn-Tankstellen lediglich eine Neon-Leuchtreklame mit einem großen T in einem Kreis. 
Die Reichsautobahn-Kraftstoff-GmbH errichtete zur Schulung ihres Personals, das übrigens an allen Tankstellen in einheitlichen Uniformen auftrat, eine eigene Tankwart-Schule in Michendorf südlich von Berlin an der heutigen A 10 (siehe obiges Bild, auf dem auch die Tankstellen-Leuchtreklame auf dem Vordach erkennbar ist). An dieser Stelle befindet sich noch heute eine große Tank- und Rastanlage. Der Entwurf der Anlage stammt von Prof. Fritz Tamms aus Berlin.
Die Tankwarte wurden auch ausgebildet, um kleinere Reparaturen an Fahrzeugen vornehmen zu können. Die Mehrzahl der Autobahn-Tankstellen wurden anfänglich dafür sogar mit einer KFZ-Hebebühne ausgestattet. Daneben besaßen die Tankstellen für den Publikumsverkehr meist einen Aufenthaltsraum mit einigen Sitzplätzen für eine kurze Rast, eine Telefonzelle und eine kleinen Verkaufsraum für Erfrischungen. Die meisten Autobahn-Tankstellen waren jedoch nicht, wie heute allgemein üblich, mit größeren Rastanlagen kombiniert.
Die ersten ab 1936 an Autobahn-Anschlußstellen errichteten Tankstellen sollten vorrangig dem Personenkraftverkehr dienen, weshalb sie auch nur Vergaser-Kraftstoffe in den Varianten Benzin und Gemisch anboten. Tankstellen an der freien Strecke waren anfänglich noch die Ausnahme. Angedacht waren sie in erster Linie in Kombination mit Rasthöfen für den Güterfernverkehr. Dort wurde dann natürlich auch Dieselkraftstoff angeboten.
In einem Musterentwurf für eine größere Tankanlage an freier Strecke in Seitenlage zur Autobahn waren in jeder Fahrtrichtung vorgesehen:
  • ein Gebäude (Tankhaus) mit folgenden Räumlichkeiten:
    • Aufenthaltsraum für den Tankwart
    • Gästeraum
    • Toilette und Waschraum
    • Fernsprechzelle
    • Lagerraum für Schmierstoffe
  • drei Zapfzäulen für Vergaser-Kraftsstoff auf einer überdachten Tankinseln nahe dem Tankhaus
  • eine weitere davon örtlich abgesetzte Tankinsel mit einer Zapfsäule für Dieselkraftstoff
  • Parkflächen für 10 PKW und 3 LKW
  • ein Einstempel-Wagenheber
Bei Anlagen in größerer Entfernung zur nächsten Ortschaft sollte zudem ein Tankwart-Wohnhaus errichtet werden.

Ein interessantes technisches Charakteristikum der Autobahn-Tankstellen waren ihre für damalige Verhältnisse hochmodernen Zapfsäulen mit elektrischen Benzinpumpen, die ein blasenfreies Zapfen von bis zu 60 l/min garantierten.
Die von Siemens & Halske entwickelten Zapfsäulen hatten quadratischen Querschnitt und waren 2 m hoch; sie wurden aber auch in fast gleicher Form von anderen Herstellern produziert. Erstmalig wurde eine derartige Säule auf der Automobil- und Motorrad-Ausstellung 1936 vorgestellt. Sie besaßen eine Einrichtung zur Vorwahl einer bestimmten Abgabemenge und wurden in zwei Versionen produziert, für reines Benzin bzw. Diesel und für Zweitaktgemisch mit variablem Mischungsverhältnis.

Wie bereits oben erwähnt, wurden die ersten Tankstellen unmittelbar an den Autobahn-Auffahrten errichtet, so daß auch die auf die Autobahn fahrenden bzw. die von ihr abfahrenden Fahrzeuge dort tanken konnten. Die meisten frühen Tankstellen besaßen nur zwei bis vier Zapfsäulen. 
Die überaus leichte Architektur dieser an die Geometrie der Autobahn-Auffahrten gebundenen Tankstellen war selbst aus heutiger Sicht hochmodern und paßte teilweise nicht so recht ins Bild der bodenständigen und monumentalen Nazi-Architektur, das betraf besonders die futuristischen Flachdächer. Bemerkenswert bei den meisten dieser Tankstellen an Auffahrten ist, dass sie nur einseitig ausgeführt wurden. Wer von der anderen Richtungsfahrbahn aus die Tankstelle anfahren wollte, mußte die Autobahn zunächst regulär verlassen und über die Überführung der Anschlußstelle auf die andere Seite fahren, sowie nach dem Tanken wieder zurück. Nicht selten fanden sich aber bereits einige Kilometer weiter an der anderen Richtungsfahrbahn Tankanlagen. 
In den Jahren 1937-38 durchgeführte Verkehrszählungen ergaben zweifelsfrei, dass die Tankstellen fast ausschließlich von solchen Fahrzeugen angefahren wurden, die auf der Autobahn fuhren und nach dem Tanken auf der Autobahn ihre Reise fortsetzten. Der zu- und abgehende Verkehr war für die Tankanlagen nur von marginaler Bedeutung. Es zeigte sich auch, dass die Verkehrsführung in den Dreieck-Tankstellen keineswegs optimal war. Deshalb wurden die ab 1938 projektierten Tankstellen ausschließlich an der freien Stecke erbaut und nicht mehr in den Zufahrten. Damit boten sich den Architekten andere Gestaltungsmöglichkeiten, die dem typischen Baustil der Nazizeit deutlich näher kamen, das zeigte sich vor allem an den Dächern. Nachfolgen fünf Beispiele für einseitig ausgeführte Tankstellen in Zufahrten.

Tankstelle an der Anschlußstelle Frankfurt/Main-Nord mit sechs Zapfsäulen, Architekt: Dipl.-Ing. Bembé, München
links Lageplan, rechts Ansicht von der Zufahrt, unten Ansicht von der Autobahn

Autobahn-Tankstelle an der Anschlußstelle Hannover Ost mit vier Zapfsäulen, Architekt: Prof. March, Berlin

Tankanlage an der Anschlußstelle Fürstenwalde mit vier Zapfsäulen, Architekt: Prof. Friedrich Tamms, Berlin
Im linken Bildhintergrund ist die Autobahnmeisterei Fürstenwalde mit der großen Fahrzeughalle, dem Siloturm und dem Dienstgebäude zu erkennen. Das Tankstellen-Gebäude mit dem weit ausladenden Flachdach steht heute unter Denkmalschutz, wird aber nicht mehr als Tankstelle genutzt.

Tankstelle an der Anschlußstelle Augsburg Ost mit nur zwei Zapfsäulen, Architekt: Dipl.-Ing. Bembé, München
Dieses Gebäude symbolisiert die eindeutige Abkehr vom lichtdurchströmten Flachbau und die Rückkehr zum konventionellen bodenständigen Baustil.

Autobahn-Tankstelle an der Anschlußstelle Finowfurt mit drei Zapfsäulen, Architekt: Prof. Tamms, Berlin
Dieser Bau hat sehr starke Ähnlichkeit mit einem später entstandenen Musterentwurf der Professoren Bonatz und Dübbers aus Stuttgart. In vergleichbarem Baustil wurden auch mehrere Tankstellen an der freien Strecke errichtet.

Am 01.03.1939 waren 88 Tankstellen in Betrieb und 10 befanden sich im Bau und 38 weitere wurden bis zum Kriegsausbruch noch begonnen. Bei diesen offiziellen Zahlenangaben wurden aber diejenigen Tankstellen doppelt berücksichtigt, die an beiden Richtungsfahrbahnen Zapfsäulen besaßen, das waren insgesamt 24. 
Bezogen auf die zu diesem Zeitpunkt fertiggestellten Autobahnabschnitte, betrug der durchschnittliche Abstand zweier Tankstellen 36 km. Rund ein Viertel dieser Tankstellen waren jedoch nur sogenannte Tankhilfen, an denen Kraftstoff lediglich in geringen Mengen abgegeben wurde und sonst kein Service angeboten wurde. Eine Auflistung der Tankanlagen ist in der offiziellen Liste der fertiggestellten Autobahnabschnitte enthalten.

Vorgeschichte zum Autobahnbau
Autobahnbau
zeitgenössische bildliche Darstellungen der Reichsautobahnen
Autobahnbrücken
Autobahn-Rastanlagen
Autobahn-Meistereien
Reichsbahn-Kraftomnibuslinien auf den Reichsautobahnen
Liste der zum 01.09.1939 fertiggestellten Autobahnen

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