Die Eisenbahntechnischen
Ausstellungen
1924
in Seddin und in der Technischen Hochschule Charlottenburg

Die soeben gegründete Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft  und der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) veranstalteten vom 21.09. bis 05.10.1924 im Verschiebebahnhof Seddin und in der Technischen Hochschule Charlottenburg eine sowohl in Deutschland als auch international stark beachtete Ausstellung zum Stand der Eisenbahntechnik. Parallel dazu fand vom 21.09. bis 27.09. in der Technischen Hochschule Charlottenburg die Eisenbahntechnische Tagung mit 48 Fachvorträgen namhafter deutscher und internationaler Eisenbahningenieure statt, an der rund 5000 Experten aus nahezu allen europäischen Ländern, den USA, China, Japan und der Türkei teilnahmen. Diese bildete die konsequente Fortsetzung und den vorläufigen wissenschaftlichen Höhepunkt nach zwei vorangegangenen stark beachteten eisenbahntechnischen VDI-Tagungen, der Dieselmaschinen-Tagung 1923 und der Hochdruckdampf-Tagung 1924. Sämtliche Vorträge dieser Tagung hat der VDI in einem Tagungsband zum Preis von 25 Goldmark herausgegeben, der neben den Vortragstexten auch noch 224 Seiten Reklame der deutschen Schienenfahrzeug- und Zulieferer-Industrie enthält und schon allein deswegen aus heutiger Sicht immer noch höchst interessant anzusehen ist.
Die Ausstellung in Seddin war täglich von 9.00 Uhr bis 18.30 Uhr geöffnet und kostete 1,00 RM Eintritt (Kinder bis 15 Jahren 0,50 RM). Dem interessierten Besucher wurden dort in einer Halle und vor allem im Freigelände weit mehr als 400 Ausstellungsstücke präsentiert, von denen sicher vor allem die modernsten Eisenbahnfahrzeuge aus deutscher Produktion Publikumsmagneten gewesen sein dürften; darunter auch viele für den Export bestimmte Fahrzeuge.
Im offiziellen Ausstellungsführer wird bei einer flüchtigen Besichtigung ein Zeitbedarf von 2 Stunden genannt. Die Länge des kompletten Besichtigungsweges durch die Ausstellungshalle und den sieben Ausstellungsgleisen wird darin mit neun Kilometern angegeben. Auf einem weiteren Gleis fanden Probefahrten statt. Auf einem der Ausstellungsgleise hat die AEG auf einer Länge von 200 m eine elektrische Oberleitung installiert, um auch mit den gezeigten elektrischen Triebfahrzeugen Probefahrten vornehmen zu können.
Die Ausstellungshalle in der Technischen Hochschule Charlottenburg war täglich von 9.00 Uhr bis 19.00 Uhr zum einem Eintrittspreis von 0,50 RM geöffnet. Dort wurden vor allem Pläne und Modelle ausgestellt, die vielfach zu den gehaltenen Fachvorträgen in Verbindung standen.
Neben den etwa 12 fahrplanmäßigen Zugpaaren des Nahverkehrs wurden täglich auch zwei Sonderzugpaare zwischen Berlin-Friedrichstraße und Seddin eingesetzt, um die zahlreichen Besucher nach Seddin und zurück nach Berlin zu befördern. Außerdem hielten während der Zeit der Ausstellung täglich zwei Züge des Fernverkehrs aus Berlin und fünf Züge nach Berlin außerplanmäßig in Seddin.
Die deutsche Wirtschaft, insbesondere die Schienenfahrzeughersteller und ihre Zulieferer präsentierten sich ein knappes Jahr nach überstandener Inflation mit großem Selbstbewußtsein auf dieser Ausstellung, die sowohl den potenziellen Exportkunden als auch dem deutschen Publikum viel Sehenswertes bot. Die zur Schau gestellten Exponate waren die damals modernsten Entwicklungen der deutschen Schienenfahrzeug- und Zulieferindustrie. Sie repräsentierten in vielen Fällen weltweites Spitzenniveau und markierten nicht selten die Entwicklungtendenzen für die nächsten Jahre. Für einige Neuheiten wie beispielsweise die Großraumgüterwagen begann in Seddin ein nicht nur auf Deutschland begrenzter Siegeszug. Weitere innovative Höhepunkte waren die ersten Diesellokomotiven, verschiedene Triebwagen, Turbinenloks und Elektro-Lokomotiven. Sie markierten auch die auf der Eisenbahntechnischen Tagung vorherrschende Frage nach der zukünftig sich durchsetzenden  Eisenbahn-Antriebsstrategie: Hochdruckdampf, Verbrennungskraftmaschinen oder Elektroenergie.
Nach zeitgenössischen Publikationen dürften aber die beiden von  Maffei München ausgestellten eleganten Vierzylinder-Schnellzugloks der späteren Baureihen 185 und 183 die Publikumslieblinge gewesen sein.

Wenige Tage nach Gründung der Deutschen-Reichsbahn-Gesellschaft am 30. August 1924 erlangte die Ausstellung breiteste Aufmerksamkeit in der deutschen Presse. Die höchst optimistische Grundstimmung "Es geht wieder aufwärts!" färbte auf das gesamte öffentliche Leben in Deutschland ab. Kaum eine Zeitschrift widmete dem Ereignis nicht wenigstens eine Seite, meist sogar die Titelseite. Selbst Künstler nahmen sich dem Thema an, oben ein Gemälde von Felix Schwormstedt mit dem Titel "Zwei Riesen des Verkehrs: Neue vierzylindrige Schnellzuglokomotiven auf der Seddiner Ausstellung". Auch der bekannte Eisenbahn-Ingenieur und frühe deutsche Science-Fiction-Autor Hans Dominik schrieb unter den Eindrücken eines Ausstellungsbesuches eine utopische Kurzgeschichte, die deshalb heute so lesenswert ist, weil sie in unserer Zeit spielt und somit für Jedermann überprüfbar ist, was sie von heutiger Science-Fiction grundlegend unterscheidet.

Eine Übersicht im offiziellen Führer zur Ausstellung nennt alphabetisch geordnet folgende Schwerpunkte der Ausstellung:

Akkumulatoren-Lokomotiven *)AnstrichfarbenAusrüstungen für elektrische BahnenBahnmeisterwagen
BremsenDampflokomotiven *)Diesel- (Oelmotor-) Lokomotiven *)Drehgestelle
Drehscheiben und SchiebebühneDruckluftlokomotiven *)D-ZugwagenElektrische Lokomotiven *)
Elektrische RangierwagenFahrkartendruckerFahrleitungenFeuerlose Lokomotiven *)
GeschwindigkeitsmesserGießereiwesenGleisbremsenGleisverlegemaschinen
GroßkesselwagenGroßraum-Güterwagen *)HebezeugeHochbahnwagen
Kastenselbstkipper *)Kessel- und SiederohrbearbeitungKompressorenKrane
Kupplungen und PufferLagerLastkraftwagen-AnhängerLokomotivarmaturen
LokomotivreinigungLuftfilterMeßgeräteMeßstände
OberbauPersonenwagen *)Post- und GepäckwagenPrellbock
Preßluft-Maschinen- und WerkzeugePumpenRangieranlagenRollböcke
RollwagenSauggas-LokomotivenSignal- und SicherheitsanlagenSchlafwagen
SchleppzeugSchmiervorrichtungenSchnellentladewagen *)Schotterwagen *)
Sonderwagen der Deutschen ReichsbahnSpezialwagenSchweißung, elektrische SchweißungStraßenbahnwagen *)
Tieflade- und SchwerlastwagenTransportmittelTriebwagen *)Turbinenlokomotiven
VerbrennungsmotorenWaagenbauWaggon-EinzelteileWalz-, Schmiede-, Preß- und Stanzteile
WärmewirtschaftWerkzeugmaschinenZahnradlokomotiven
*) Bei diesen Kategorien wurde im Katalog nochmals zwischen Schmalspur- und Breitspur-Fahrzeugen unterschieden, wobei unter "Breitspur" heute "Normalspur" zu verstehen ist.
Die Kategorie "Triebwagen"  wurde nochmals unterteilt in Akkumulator-Triebwagen, Benzol- und Benzin-Triebwagen, Dieseltriebwagen und Elektrische Triebwagen.

Ausgestellte Triebfahrzeuge der Reichsbahn
und solche, die später von der Reichsbahn übernommen wurden
Dampflokomotiven
(geordnet nach ihrer endgültigen Reichsbahn-Nummer)
Standnummer Aussteller Fahrzeug Reichsbahn-Nummer
313Maffei Münchenbad. 2'C1'-Schnellzuglok18 325
312Maffei Münchenbay. 2'C1'-Schnellzuglok18 508
314SMLF vorm. Hartmann Chemnitzsä. 1'D1'-Schnellzuglok19 001
288Krupp Essen2'C1'-TurbinenlokT18 1001
316Hohenzollern Düsseldorfpr. 2'C-Personenzuglok38 3958 
287Linke-Hofmann-Lauchhammer Breslaupr. 2'C-Personenzuglok38 4010
315EZA Berlin / EAW II Darmstadtpr. 2'C-Personenzuglok38 ????
317Borsig Berlinpr. 1'D1'-Personenzuglok39 191
306Schichau Elbing / Hanomag Hannoverpr. D-Güterzuglok
Heißdampf-Umbau einer pr. G9.1
55 2365
307AEG Berlin1'D-Güterzuglok56 2900
308Rheinmetall DüsseldorfE-Güterzuglok57 3380
310Henschel Cassel1'E-Güterzuglok58 1477
309Schwartzkopff1'E-GüterzuglokLBE 99, 
ab 1937: DRB 58 601
ab 1941: DRB 58 2301
318Maschinenfabrik Eßlingenwü. 1'F-Güterzuglok59 040
303Vulcan Stettinpr. 2'C2'-Personenzugtenderlok78 509
297Henschel CasselC-Heißdampf-GüterzugtenderlokLBE 88 901
286Union Königsbergpr. 1'D1'-Güterzugtenderlok93 1174
304Hanomag Hannover1'E1'-Güterzugtenderlok95 033
305Maffei Münchenbay. D'D-Güterzugtenderlok96 023
289Maschinenfabrik Eßlingenwü. E-Zahnradlok97 501
302Krauß MünchenD-Heißdampf-GüterzugtenderlokLAG 101, 
ab 1937: DRB 98 899

Elektrolokomotiven
(geordnet nach ihrer endgültigen Reichsbahn-Nummer)
Standnummer Aussteller Fahrzeug Reichsbahn-Nummer
321BMAG vorm.Schwartzkopff Berlin2C2-SchnellzuglokHalle 51
E06 01
324Brown, Boweri & Cie, Mannheim1C1-PersonenzuglokEP2 20006
E32 06
328AEG BerlinBB-GüterzuglokBreslau 215
E42 15
322Linke-Hofmann-Lauchhammer Breslau2D1-PersonenzuglokBreslau 245
E50 45
323Siemens-Schuckert Berlin2BB2-PersonenzuglokEP5 21501
E52 20
326BMAG vorm.Schwartzkopff Berlin1BB1-GüterzuglokHalle 702
E77 52
327AEG BerlinCC-GüterzuglokBreslau 582
E91 82
325Siemens-Schuckert BerlinCoCo-GüterzuglokBreslau 578
E92 78

Neben den Triebfahrzeugen bestimmten aber auch eine ganze Reihe von technischen Neuerungen die Ausstellung, die aus dem späteren Eisenbahnbetrieb nicht mehr wegzudenken sind. Neben Ringfeder-Hülsenpuffern und der Scharfenberg-Mittelpufferkupplung sind vor allen die durchgehende Kunze-Knorr-Güterzugbremse und die mit Selbstentlademechanismen versehenen Großraumgüterwagen verschiedener Hersteller erwähnenswert. Eine weitere vorgestellte Neuerung im deutschen Eisenbahnwesen war der neue Reichsbahn-Oberbaus mit dem Einheits-Schienenprofil S49, welcher sich in der Folge aufgrund seiner standardisierten Bauteile und den gegenüber den verschiedenen uneinheitlichen Länderbahn-Schienenprofilen deutlich höheren zulässigen Belastungen in Deutschland bald flächendeckend durchsetzen konnte. Damit verbunden war auch die Einführung der dort vorgestellten Stahlschwellen. Allen Diskussionen über neue technische Lösungen vorangestellt waren aber die Bestrebungen zur Normung und Standardisierung im Fahrzeugbau, woraus unter anderem die später in großen Stückzahlen gebauten Güterwagen der Austauschbauart, die Einheits-Reisezugwagen und natürlich die Dampflokomotiven der Einheits-Bauarten abzuleiten sind. Auch wenn heute im öffentlichen Bewußtsein nur noch wenig über die Eisenbahntechnische Ausstellung und die Fachtagung bekannt ist, kann ihre grundlegende Bedeutung für die nachfolgende Entwicklung des Eisenbahnwesens in Deutschland garnicht hoch genug eingeschätzt werden.


Luftbild des Ausstellunggeländes in Seddin
Im Vordergrund die Ausstellungshalle und im Hintergrund etwa die linke Hälfte der Gleise mit den ausgestellten Fahrzeugen.

Die jeweils rund 500 m langen Ausstellungsgleise zeigten (bezogen auf obiges Foto) von oben nach unten und von links nach rechts:

Die Ausstellungshalle, in der etwa 200 Exponate ausgestellt waren, ist selber über ein Gleis gebaut worden, auf dem u.a. eine Gleisstopfmaschine, ein Güterwagen mit verschiedenen Prüfständen, Radsätze und ein moderner eiserner Schlafwagen gezeigt wurden.
Vor der Ausstellungshalle befand sich noch ein Gleis mit je einem Tunneluntersuchungswagen, Wärmemeßwagen, Unterrichtswagen, Gießereiversuchswagen, Bremsmeßwagen, Meßwagen für elektr. Lokomotiven, Meßwagen für Dampflokomotiven und einem Salonwagen, welcher als Büro und Geschäftsstelle der Ausstellungsleitung diente.
Literaturhinweise Literaturhinweise zur Ausstellung und Fachtagung
Hans Dominik: Eine Eisenbahnreise im Jahr 2000

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