100 JAHRE
DEUTSCHE EISENBAHNEN
Das Jubiläum im Jahre 1935


Die denkwürdige erste Fahrt einer Eisenbahn bietet zu allen Zeiten Anlaß, zu runden Jahrestagen mindestens ebenso denkwürdige Jubiläumsveranstaltungen zu organisieren.
Die erste Fahrt der Ludwigseisenbahn von Nürnberg nach Fürth am 7. Dezember 1835, steht in dieser Tradition in Deutschland naturgemäß ganz oben, da sie zugleich die erste öffentliche Eisenbahnfahrt in Deutschland war. Besonders die 100. Wiederkehr dieses Ereignisses wollten sich sowohl die Deutsche Reichsbahn als auch die Propaganda der damaligen Machthaber nicht für Ihre Selbstdarstellung entgehen lassen. Als Ort für die geplanten Festlichkeiten bot sich die Stadt Nürnberg nicht nur wegen Ihrer unmittelbaren Beteiligung am zu feiernden ursprünglichen Erreignis an. Nürnberg mit seiner beachtenswerten historischen Bausubstanz wurde von den Nazis als die deutscheste aller deutschen Städte hochstilisiert und als Stadt der Reichsparteitage besonders gefördert. Die ohne jeden Zweifel vorhandene touristische Attraktivität sowie die erstklassige Verkehrsanbindung dieser fränkischen Metropole wurden dabei voll mit ins Kalkül gezogen.

Neben einer Vielzahl von Veröffentlichungen, die sich direkt mit diesem Eisenbahn-Jubiläum auseinandersetzten, wurden 1935 in Nürnberg zwei bemerkenswerte Großveranstaltungen perfekt organisiert und reibungslos durchgeführt.
Da keine originalen Fahrzeuge der Ludwgisbahn mehr vorhanden waren, ließ die Reichsbahn speziell für diese Feierlichkeiten die erste damals noch in England gebaute Lokomotive "Adler" sowie fünf dazu passende Wagen in eigenen Werkstätten nachbauen.

Im Sommer 1935 wurde eine umfangreiche Reichsbahn-Ausstellung gestaltet, welche besonders für eine große Breitenwirkung konzipiert war.


In einer 1934 errichteten aber noch nicht in Betrieb genommenen Umladehalle mit großem Freigelände am Rangierbahnhof im Süden der Stadt fand sich ausreichend Platz für die Ausstellung. Von den rund 1000 Meter überdachten Gleisen wurde jeweils eines der Doppelgleise abgedeckt, um die Fahrzeuge gut von beiden Seiten besichtigen zu können. In einem für den Kraftwagenumschlag vorgesehenen Anbau wurden Zwischenwände eingezogen, um mehrere kleine zusätzliche Ausstellungsräume zu schaffen. Dort wurden neben statistischen Informationen Modelle und kleinere Ausstellungsstücke präsentiert.
Ein vollständiges originales Programm dieser Schau wird hier gesondert angeboten.
Die auf der Ausstellung gezeigten Fahrzeuge sollten die Leistungsfähigkeit der damals modernsten deutschen Schienenfahrzeuge beweisen. Mehrere auszustellende Fahrzeuge wurden buchstäblich erst in letzter Minute vor der Ausstellung fertig gestellt. Ein Beispiel dafür ist die Strecken-Diesellok V16 101, deren erste Testfahrt mit einigen kleineren Hindernissen direkt vom Hersteller Krauss-Maffei in München zur Ausstellung nach Nürnberg führte.

Eine Liste der ausgestellten Fahrzeuge ist hier ebenfalls als separates Dokument zu finden.
Gleichzeitig mit der Ausstellungseröffnung wurde auch das vollständig neu eingerichtete Verkehrsmuseum in Nürnberg wiedereröffnet. Die Eintrittskarten für die Ausstellung galten auch für das Museum.

Zur Eröffnung der Nürnberger Ausstellung gab die Deutsche Reichsbahn zeitgleich am 14. Juli 1935 eine Sonderausgabe ihres amtlichen Nachrichtenblattes "Die Reichsbahn" heraus. 
Der redaktionelle erste Teil dieser gewichtigen Druckschrift umfaßt auf 136 Seiten neben einer geschichtlichen Abhandlung zur Entwicklung der Eisenbahnen in Deutschland mehrere ausführliche Artikel von führenden Reichsbahnbeamten über den damaligen Stand der Eisenbahntechnik sowie die Struktur und die Leistungsfähigkeit der Reichsbahn. Auch die von der Reichsbahn zu bauenden Autobahnen fanden darin ebenso Berücksichtigtigung wie die nicht zur Reichsbahn gehörenden Privatbahnen des öffentlichen Verkehrs in Deutschland.
Im zweiten Teil dieser Veröffentlichung erhielt die deutsche Industrie auf 356 Seiten die Möglichkeit, ihr Leistungsvermögen als Zulieferer für die Reichsbahn darzustellen. Neben den ganz großen Produzenten von Fahrzeugen und Ausrüstungen haben auch viele kleine und kleinste Hersteller diese Möglichkeit genutzt, ihren Beitrag zum Funktionieren der Eisenbahnen in Deutschland kund zu tun. So ergibt sich für den heutigen Betrachter dieser Werbeseiten ein hochinteressantes Bild von der damaligen deutschen Wirtschaft.

Das Reichsbahn-Werbeamt Berlin für den Personen- und Güterverkehr veröffentlichte aus Anlaß des Eisenbahn-Jubiläums eine 40seitige Broschüre im A4-Format, welche durch Vorworte von Reichsbahn-Generaldirektor Dorpmüller und seinem Stellvertreter Kleinmann eingeleitet wird. 
Sie enthält in künstlerischer Aufmachung sieben Kurzgeschichten und drei Gedichte verschiedener Autoren zur Thematik Eisenbahn, wobei auch bereits die Modelleisenbahn Erwähnung findet. Illustriert wurde dieses ansprechende Werk von dem bekannten Maler Hans Baluschek, der besonders durch seine stimmungsvollen Eisenbahn-Darstellungen berühmt geworden ist. Neben einem farbigen Titelbild sind insgesamt 37 schwarz-weiße Federzeichnungen von ihm enthalten, die offensichtlich speziell für diese Broschüre entstanden sind.

Zum Termin des eigentlichen Jahrestages wurde am 8. Dezember 1935 in Nürnberg eine große Fahrzeugparade abgehalten, auf der vor allem die Leistungsfähigkeit der Reichsbahn demonstriert und die modernsten deutschen Schienenfahrzeuge gezeigt wurden. Diese Veranstaltung war besonders für die Politprominenz, ausländische Ehrengäste und verdiente Eisenbahner vorgesehen. Die Parade wurde von einem eindrucksvollen Lokzug aus zehn fabrikneuen Einheits-Schnellzuglokomotiven der Baureihen 01 und 03 eröffnet, welcher von der 01 150 angeführt wurde.
Eine nahezu vollständige Auflistung der an der Parade beteiligten Fahrzeuge ist hier zu finden.

Eine weitere wichtige Veröffentlichung des Jahres 1935 muß hier unbedingt Erwähnung finden, um das Bild von den Jubiläumsaktivitäten zu vervollständigen.
Das Reichsverkehrsminsterium veröffentlichte 1935 die umfangreiche in Leinen gebundene Jubiläumsschrift "Hundert Jahre Deutsche Eisenbahnen". Auf über 500 Seiten wurden alle Aspekte der Entwicklung und des Standes der Eisenbahnen in populärer Darstellung behandelt und publikumswirksam bebildert. Eine 21seitige Geschichtstafel hält die wichtigsten Etappen dieser Entwicklung fest. Im Anhang befinden sich drei großformatige Karten, die das deutsche Eisenbahnnetz in den Jahren 1885, 1914 und 1935 mehrfarbig darstellen.
Diese Druckschrift war vor allem unter den Eisenbahnern selbst so begehrt, daß trotz einer sehr hohen Auflage 1938 eine noch höhere Neuauflage dieses Werkes verlegt wurde. Diese zweite neubearbeitete und ergänzte Auflage enthält auch eine aktualisierte Karte vom Februar 1938 anstelle der Karte von 1935. 

Diese Karte von 1938 wird in Ausschnitten im Kapitel "Daten, Fakten, Dokumente" wiedergegeben.


Natürlich hat sich nicht nur die Reichsbahn mit "Ihrem" Jubiläum beschäftigt. Der Nazi-Propaganda war es ebenso willkommener Anlaß zur Selbstdarstellung. Das deutschlandweit verbreitete offizielle Nazi-Sprachrohr "Völkischer Beobachter" widmete dem Thema am 7. Dezember 1935 eine achtseitige Sonderbeilage mit durchaus interessanten Artikeln und Bildern.

Im Jubiläumsjahr hat die Reichsbahn Ihre Beschäftigten in einem Wettbewerb aufgefordert, Erlebnisse aus dem Eisenbahneralltag niederzuschreiben. Rund 1500 Eisenbahner folgten diesem Aufruf und reichten Ihre Erzählungen und Gedichte ein. Im darauffolgenden Jahr wurden 55 preisgekrönte Beiträge in einem Buch zusammengefaßt und veröffentlicht, wodurch sie der interessierten Nachwelt erhalten geblieben sind. Zwar kann die literarische Qualität einiger Beiträge aus heutiger Sicht nicht vollends überzeugen, aber viele Kurzgeschichten vermitteln doch einen sehr interessanten Einblick in den harten Arbeitsalltag der Eisenbahner dieser Zeit. Drei ausgewählte Beispiele werden im vollen Wortlaut wiedergegeben. Ergänzend zu den Kurzgeschichten enthält das Buch eine große Zahl sehr stimmungsreicher Fotos aus dem Alltag der Eisenbahnen und ihrer Bediensteten, welche mehrheitlich aus dem bahneigenen Bildarchiv stammen.  

Daten, Fakten, Dokumente Zur Abrundung und Ergänzung dieser Darstellung gibt es im Kapitel "Daten, Fakten, Dokumente" eine nach Reichsbahndirektionen aufgeschlüsselte statistische Zusammenfassung des normal- und schmalspurigen Fahrzeugbestandes der Deutschen Reichsbahn von Ende 1935.

Homepage Thomas Noßke 2002 www.epoche2.de Epoche II Ende