Berlin-Taschkent
Eine Eisenbahnreise im Jahre 2000
von Hans Dominik
Zeichnungen von ERPF

 Die Woche, 26. Jahrgang
Heft 39 vom 27. September 1924, Seiten 944 - 945


Titelblatt

Onkel Tobias brachte die Zeitung näher an die Augen, putze die Brille und las die Notiz noch einmal: "In Erfüllung vielseitig geäußerter Wünsche stellt die europäische Eisenbahnverwaltung ab nächsten Freitag einen Ehemännerzug auf der Linie Berlin - Taschkent ein. Der Zug verläßt den Berliner Zentralbahnhof Freitag 9,20 Uhr abends, und kommt Sonnabend früh um 10 Uhr in Taschkent an. Durch Verwendung der neuesten Turbinen-Lokomotiven mit Höchstdruck und Dampfkondensation ist es möglich geworden, die Fahrzeit auf zwölf Stunden und vierzig Minuten zu drücken. Der Schienenverkehr hat damit wieder die Geschwindigkeit des Luftverkehrs erreicht." - Onkel Tobias ließ das Zeitungsblatt sinken und überlegte. Seine Familie, welche die Sommerfrische im Fergahna Tal verbrachte, wollte er selbstverständlich zum Wochenende besuchen. Aber bisher hatte es bei diesen Touren der großen asiatischen Flugschifflinien den Vorzug gegeben. Sollte er jetzt einmal zur Abwechslung mit der Eisenbahn? . . . Die Sache war jedenfalls zu überlegen. Halt! Das einfachste . . . natürlich . . . er klingelte Geheimrat Zittelmann an. Der Geheime Baurat Zittelmann hatte seine Familie ja während der großen Ferien ebenfalls im Fergahna Tal zu sitzen. Und außerdem war er ein Eisenbahnmensch und konnte sicherlich die beste Auskunft und Erklärung über die neue Zugverbindung geben.
"Hallo! Hier Tobias Holten! Herr Geheimrat Zittelmann dort?"
"Hier Zittelmann! Sie dort, Holten? . . . Ob man sich dem neuen Zuge anvertrauen kann? Selbstverständlich! Fraglich wäre es nur, ob Sie noch einen Platz bekommen. Denn natürlich ist der neue Schnellzug überlaufen. Aber ich habe an sie gedacht und vorgesorgt. Ihre Fahrkarte liegt schon hier auf meinem Schreibtisch. Am Freitag fahren wir zusammen nach Taschkent."
"Sie meinen, Herr Geheimrat, man kann es riskieren?" . . .
"Aber sicher! Auf meine Verantwortung und ohne Widerrede. Lassen Sie Ihr Gepäck schon Freitag früh expedieren. Auf Wiedersehen und um 9,10 Uhr auf dem Zentralbahnhof!"
Mit gemischten Gefühlen betrat Onkel Tobias Holten am Freitag abend den Berliner Zentralbahnhof. Er war kein großer Freund von Neuerungen und seit Jahren an den Luftverkehr nach Asien gewöhnt. Aber da kam ihm der Geheime Baurat Zittelmann schon am Eingang zur Haupthalle entgegen, und jedes Entrinnen war nun unmöglich.
"Höchste Zeit, daß Sie sich an was Neues gewöhnen, alter Freund", sagte Zittelmann. "Unsere 10000pferdige Turbinenlokomotive ist ein Kunstwerk . . . viel mehr . . . sie ist ein Gedicht der Technik . . . ist das zu Stahl und Eisen gewordenen Hohelied des Verkehrswesens."
Der Geheime Baurat Zittelmann wurde leicht überschwenglich, wenn er auf sein Spezialfach zu sprechen kam. Aber der Poesie folgt sogleich eine erfreuliche Prosa. Der Geheimrat begleitete den Zug in amtlicher Eigenschaft und hatte für sich und Onkel Tobias ein Abteil belegt, welches an Komfort und Bequemlichkeit keiner Flugschiffkabine nachstand.
Nun schritten sie die weite Halle entlang, und Onkel Tobias hub an zu staunen, obwohl er doch schon einiges von der Welt und von der Technik seiner Zeit gesehen hatte. Zum erstenmal hatte man hier die Theorie der Luftstromlinie systematisch auf einen ganzen Zug angewandt. Onkel Tobias hatte den Eindruck, als ob dort ein riesenhafter Aal, irgendein vorsintflutliches schlangenartiges Ungeheuer auf den Schienen lag. Schwarz und glatt reckte sich der stählerne Leib wohl dreihundert  Meter lang. Kopfartig rund begann es vorn, und die mächtigen Scheinwerfer glühten dort wie zwei gewaltige feurige Augen. Täuschend erinnerte der breite Schienenräumer unter den Scheinwerfern Onkel Tobias an die Barten eines aufgerissenen Walfischmaules, während er in den beiden Auspufföffnungen für die Verbrennungsgase die Ohren dieses Fabelwesens zu erblicken glaubte. Und als er jetzt rückwärts schaute und die vielen Räder nur ganz wenig aus dem kompakten Stahlrumpf herausragen sah, schien ihm das Ganze wieder einem  riesigen Tausendfüßler zu gleichen. Aber er hatte nicht lange Zeit, solche Vergleiche anzustellen. Freund Zittelmann schob ihn durch die gewölbte, stählerne Tür in den Zug. Wenige Schritte durch den Längsgang, und sie befanden sich in dem Abteil, das für Zittelmann reserviert war. Bequeme Sessel, mit wenigen Griffen in Ruhebetten zu verwandeln! Ein Schreibtisch mit allem Zubehör. Telephon und Radio auf dem Tisch. Ein Nebenraum mit komfortabler Waschgelegenheit. Fließendes warmes und kaltes Wasser. Besondere Telephonverbindung mit der Küche des Zuges. An der einen Wand eine Reihe von Meßinstrumenten, über deren Zweck und Bedeutung sich Onkel Tobias vorläufig noch nicht klar war.
In diesem Augenblick leuchteten die Lampen der Halle, die bisher in weißem Licht strahlten, grün auf, ein Zittern ging durch den Zug, und geräuschlos glitt er aus der Halle hinaus. Vom hohen Viadukt hinab blickte Onkel Tobias auf die erleuchteten Straßen Berlins und mußte zunächst einmal konstatieren, daß dieser Zug auch nichts anders fuhr, als alle die vielen Züge, die er bisher schon in seinem tatenreichen Leben benutzt hatte. Derweil ergriff der Geheimrat Zittelmann das Zugtelefon und bestellte einen guten Bocksbeutel Steinwein nebst zwei Gläsern. Und als er das Telephon wieder in die Gabel legte, tat Onkel Tobias zum erstenmal den Mund auf und sagte: "Berlin ist verflucht schnell alle geworden!" Aber der Geheime Baurat Zittelmann schmunzelte nur und wies mit der Hand auf eines der Instrumente an der Wand. Und als Onkel Tobias sich dies Instrument nun näher besah, da entdeckte er, daß es ein Geschwindigkeitsmesser war, und daß dessen Zeiger eine Stundengeschwindigkeit von 150 Kilometer anzeigte. Das wunderte ihn einigermaßen; denn nach dem leichten Schüttern des Zuges nahm er an, daß sie höchsten mit 30 Kilometer führen. Und er schaute zum Fenster hinaus, um die Lichter von Schöneweide zu suchen. Aber in diesem Moment flitzte die stählerne Schlange bereits an Fürstenwalde vorbei, und der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers hatte inzwischen die zweihundert erreicht und kletterte munter auf die 250 los. Und dann gab es Onkel Tobias auf, weil er sich in der Gegend doch nicht mehr richtig auskannte. Der Wein kam, und der Geheimrat Zittelmann nahm das Wort.
"Sehen Sie mal mein lieber Holten, wir haben ja länger als hundert Jahre an der schwerfälligen Bauweise der Herren Watt und Stephenson gekrankt. Während Kraftwagen und Flugschiffe von Anfang an gezwungen waren, mit dem Kilogramm zu rechnen, haben die Eisenbahnen unendlich überflüssige Stahlmengen mitgeschleppt. Noch vor achtzig Jahren betrug das Gewicht eines Stadtbahnzuges für jeden darin enthaltenen Sitzplatz beinahe fünfzehn Zentner. Erst im Jahre 1924 kam man mit verbesserten Wagentypen dazu, das Gewicht pro Sitzplatz auf 6 Zentner herunterzubringen. Aber dann hat es immer noch 75 Jahre gedauert, bis wir das Verhältnis zwischen Nutzlast und toter Last auf 1:1 bringen konnten. Jetzt ist es erreicht. Jetzt bauen wir ebenso leicht wie die Flugschiffe, und daher können wir auf Schienen auch ebenso schnell fahren wie die Flugschiffe in der Luft. Im übrigen, Prost, lieber Holten!"
Onkel Tobias tat Bescheid, und als er sein Glas niedersetzte, ging der Zug gerade bei Frankfurt über die Oder. Und dann mußte er wohl oder übel den Geheimen Baurat bei einem Inspektionsgang auf die Lokomotive begleiten. Vom ersten Wagen kamen sie auf den Tender.
Aber wo die Lokomotivtender in vergangenen Zeiten die Wasserbehälter hatten, da lagen hier die Öltanks, und wo früher einmal der Platz für die Kohlen war, da standen hier die ausgedehnten Oberflächenkondensatoren, die den Dampf wieder zu Wasser niederschlugen, für die neue Kesselspeisung brauchbar machten und dadurch das Mitschleppen von Speisewasser erübrigten.
Ein dumpfes Brausen drang Onkel Tobias ans Ohr, als sie weiterschritten. Preßluft schleuderte das Öl unter den Kessel und verbrannte es dort in blauer Stichflamme. Ohne Rauch und ohne Ruß werden hier die 10000 Pferdestärken erzeugt, welche die Riesenschlange jetzt mit dreihundert Stundenkilometer durch die Ebenen von Preußen und Polen dahinrissen.
Noch wenige Meter weiter, und sie standen im Führerraum unmittelbar im Kopf des dahinrasenden Ungeheuers. Grellweiß beleuchteten die mächtigen Scheinwerfer die Strecke auf fünf Kilometer. Aber fünf Kilometer bedeuten jetzt nur noch eine Minute Fahrt. Es hätte um die Sicherheit des Zuges ohne die automatische Sicherung schlecht ausgesehen. Sie beobachteten hundert Kilometer lang den Führer bei der Arbeit. Sie sahen, wie der eine die Kesselfeuerung mittels der Regulierspindeln für Öl und Druckluft überwachte, während der andere die Obhut über die Maschinen hatte und der Führer die Strecke im Auge behielt.
Und dann kehrten sie in ihr Abteil zurück und legten sich schlafen.
Als Onkel Tobias die Augen aufschlug, schien die Sonne bereits schon in das Abteil. Sie spiegelte sich in der leeren Flasche, und sie bestrahlte draußen die weite, blaue Fläche des Aralsees. Und dann stürmte die stählerne Schlange in das breite Tal des Syr Darja, des alten Jaxartes-Flusses hinein. Da zog der Geheimrat seine Taschenuhr, verglich sie mit dem Chronometer unter den Instrumenten an der Wand und deutete schweigend zum Himmel. Onkel Tobias folgte dem deutenden Finger und erblickte das große Flugschiff der russischen Linie Moskau - Taschkent. Aber es schien seinen Platz am Himmel für Onkel Tobias nicht zu verändern. Und dann schien es ihm, als ob das Flugschiff ganz leicht zurückzubleiben begann. Der Geheime Baurat nahm das Zugtelefon und sprach mit dem Führerstand, Onkel Tobias hörte, wie er die Geschwindigkeit von 299,5 Kilometern monierte und um etwas mehr Dampf bat.
Und während Onkel Tobias noch die fehlenden 500 Meter auf dem Geschwindigkeitsmesser zu entdecken suchte, hörte er die triumphierende Stimme Zittelmanns.
"Wir kommen sechs Minuten und dreißig Sekunden vor dem Flugschiff in Taschkent an. Diesmal ist die Eisenbahn schneller gewesen."

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