Eisenbahn-Reisen

zu den Passionsspielen nach
Oberammergau
1922, 1930 und 1934

... "Vor 300 Jahren ist in Oberammergau eine harte Todesnot gewesen. Nicht durch die kaiserlichen oder schwedischen Reiter des 30jährigen Krieges. Die sind wohl auch nach Ammergau gekommen. Sondern durch die "Laydige" Pest.
Pestnot, Todesnot ringsherum! Ganze Dörfer starben aus, Oberammergau sah sich vor, wußte sich zu schützen. Kein Fremder, der durch das Tal ziehen wollte, durfte durch das Dorf. Tag und Nacht wurden die Wachen nicht müde. Da trug ein Oberammergauer selber die Pest in die Heimat. In sein Haus. Kaspar Schisler. Das Totengedenkbuch der Pfarrei nennt diesen Namen oft. Kaspar Schisler war im nahen Eschenlohe im Loisachtal im Dienste. Hatte dort Pestkranke gepflegt, Pesttote begraben. Und endlich hat die Pest ihn selber gepackt. Den Todgeweihten treibt die Sehnsucht heim zu Weib und Kindern. Auf einem verborgenen Paßwege kommt er ungesehen in das Tal und im Schutze der Nacht durch die Dorfwachen in sein Haus. Ungesehen auch die Pest.
Da starben sie hin vom Herbst 1632 bis zum Juli 1633, vierundachzig an der Zahl, wenn das Sterbebuch der Pfarrei die Toten lückenlos aufzählt: Männer, Frauen, Kinder; Menschen mit den Namen der alten Oberammergauer Geschlechter der Ruez, Zwink, Bauhofer, Faistenmantel, der Pfarrherr des Dorfes Primus Christeiner, der Mesner Hanns Stückl, der neue Pfarrherr Marcellus Fatiga.
Und des Sterbens wird kein Ende. Mehr als das halbe Dorf hat die Pest schon befallen und sucht es zu Tode zu würgen. Die Not wächst von Tag zu Tag. Das Sterben auch. Da beraten die "Sechs" und die "Zwölf", der Rat von Oberammergau, wie sie das Unheil aus dem Dorfe bannen können. Der Himmel muß helfen. Er allein vermag es. So begeben sich die "Sechs" und die "Zwölf" von der Ratssitzung weg in die Kirche des Dorfes und legen dort vor dem Altar die Hände ineinander zum heiligen Schwur und Gelübde, "fortan die Passions-Tragödie alle zehn Jahr zu halten". Und von dieser Stunde an ist in Oberammergau "kein Mensch mehr an der Pest gestorben". 
Schon im folgenden Jahr 1634 wurde die Passion das erstemal in Erfüllung des Gelübes aufgeführt." ...
Zitat aus der Sonderbroschüre "300 Jahre Passionsspiel Oberammergau" der Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr.
Für Freunde der Eisenbahn verbindet sich mit Oberammergau meist zuerst die historische Tatsache, dass dort zum Jahresbeginn 1905 zum ersten Mal in Deutschland eine elektrisch betriebene Eisenbahn den regelmäßigen Betrieb aufnahm. Die Lokalbahn AG leistete dort Pionierarbeit bei der Entwicklung und Einführung des elektrischen Zugbetriebs in Deutschland, die auch aus heutiger Sicht nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Erstmals zu den Passionsspielen im Jahre 1900 konnten die Besucher mit der Eisenbahn direkt bis nach Oberammergau reisen, mußten sie zuvor noch den letzten Teil ihrer Anreise von Oberau aus mit Fuhrwerken bewerkstelligen. 1910 war der elektrische Betrieb längst etabliert, die vorhandenen elektrischen Triebfahrzeuge konnte den Besucheransturm indes nicht vollständig bewältigen, so dass der Einsatz zusätzlicher Dampflokomotiven der bayerischen Bauart D XI (BR 984-5) erforderlich wurde. Das sollte auch bei den kommenden Passionsspielen nicht grundlegend anders bleiben.
Ab dem Jahr 1680 fanden die Passionspiele immer in den vollen Zehnerjahren statt, das wurde in der Folge trotz vielfältiger politischer und wirtschaftlicher Wirren auch immer beibehalten. Im Jahr 1920 war jedoch Deutschland nach dem I. Weltkrieg noch so geschwächt, dass die Passionsspiele nicht sinnvoll durchführbar waren, sondern um zwei Jahre verschoben werden mußten. Von den reichlich 250000 Festspielbesuchern im Jahr 1922 kamen 175000 mit der Eisenbahn, also rund 70% . Das war der höchste Anteil von Eisenbahnreisenden, der je in einem Passionsspieljahr erreicht wurde.
Obwohl die Zahl der Festspielbesucher bei den nächsten Passionsspielen 1930 weiter stieg, sank der Anteil der Eisenbahnreisenden auf nur noch 52%. Der sich stürmisch entwickelnde Straßenkraftverkehr war inzwischen längst zur einer starken Konkurrenz für die Eisenbahn geworden. 
Im Zeitraum vom 11.Mai bis 30 September 1930 beförderte die Reichsbahn nach eigenen Angaben in 809 Festspielzügen und Sonderzügen 189213 Fahrgäste nach Oberammergau und 178491 wieder zurück. Hinzu kamen noch 88599 Fahrten mit regulären Zügen.
Die Passionsspiele 1930 waren gekennzeichnet durch die Einweihung eines neuen Festspielhauses, das 5300 Besuchern Platz bot.
(nachstehende Abbildung auf einer zeitgenössischen Postkarte).

Außerhalb des üblichen 10-Jahres-Rhythmus wurden auch 1934 Passionsspiele veranstaltet, im Gedenken an das 300jährige Jubiläum der ersten Aufführung im Jahre 1634. 
Seit den nur vier Jahre zurückliegenden Spielen von 1930 hatten sich in Deutschland die politschen Verhältnisse grundlegend verändert und diese Jubiläums-Passionsspiele wurden von der Propaganda völlig in Beschlag genommen. Das betraf zwar nicht den eigentlichen Gegenstand der Spiele, aber alle Begleitumstände. Die politische Führung reiste zur Eröffnung der Festspiele und durch die Reichsbahntochter Reichbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr wurde sowohl innerhalb Deutschlands als auch international in bis dahin beispielloser Weise Reklame für die Festspiele gemacht. Neben Plakaten und Werbebroschüren wurde auch in den Kinos mittels Lichtbildreklame sowie im Rundfunk auf das Ereignis aufmerksam gemacht. Die Reichsbahnzentrale nahm die Festspiele zum Anlaß, um auch im Ausland intensiv für Reisen nach Deutschland zu werben. Insgesamt erlebten diese Festspiele etwa 400000 Besucher, davon rund 50000 aus dem Ausland. Das in ihrem Auftrag von dem bekannten Plakatkünstler Jupp Wiertz entworfene Werbeplakat für die Passionsspiele (siehe unten rechts) erlangte auf einem internationalen Plakatwettbewerb 1935 in Paris den ersten Preis und einen wertvollen goldenen Pokal. Eine weitere Reichsbahntochter, das Mitteleuropäische Reisebüro MER, war federführend in der Vermarktung der Spiele.
Die Passionsspiel-Sonderzüge wurden gemeinsam von der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft und dem MER organisiert und angeboten. 
Zunächst waren 101 Sonderzüge geplant, aufgrund der Nachfrage insbesondere in den beiden letzten Monaten der Festspielzeit, wurden dann aber 109 Sonderzüge gefahren, teilweise verstärkt und in einigen Fällen sogar doppelt. Es war dabei ein sehr geschickter Werbeschachzug, den Reisenden die Wahl der Rückreiseroute unter Nutzung der Sonderzugermäßigung von 60% innerhalb von 30 Tagen frei zu stellen. Die Reichsbahn verkaufte dadurch noch viele tausend zusätzliche Fahrkarten für Fahrten von Murnau nach den verschiedensten Urlaubsorten in Süddeutschland. Es wurden sogar spezielle Umwegkarten angeboten, um im Anschluß an den Passionsspielbesuch einen Urlaub in den Bayerischen und Allgäuer Alpen, dem Bodenseegebiet oder dem Schwarzwald verbringen zu können.
Nach Angaben der Reichsbahn kamen von den 69000 Benutzern der Sonderzüge 28% aus dem Rheinland, 20% aus Berlin/Brandenburg, 20% aus Mitteldeutschland, 13% aus Norddeutschland, 8% aus Hessen, 7% aus Schlesien und 4% aus Ostpreußen. Besucher aus Süddeutschland nutzten offenbar vor allem die während der Spiele sowohl zeitlich als auch auf eine Entfernung von 300 km um Oberammergau erweiterte Gültigkeit der Sonntagsrückfahrkarten.
Die Sonderzugfahrkarten waren gleichzeitig Eintritts- und Platzkarten für das Passionsspiel (siehe nachfolgende Abbildung einer Original-Fahrkarte für einen solchen Sonderzug).

Nachfolgend die vollständige Wiedergabe von drei Originaldokumenten aus dem Jahr 1934. Das Faltblatt "Sonderzüge" wurde deutschlandweit verbreitet, darin eingelegt waren neben einem hier nicht gezeigten Bestellformular ein Werbeblatt des Verkehrsamtes Oberammergau für Auto-Sonderfahrten und jeweils ein Blatt der Reichsbahndirektionen mit den Einzelheiten zu den aus ihrem Bezirk fahrenden Sonderzüge.
Werbe-Faltblatt
Sonderzüge zu den Passionsspielen 1934
Werbeblatt der RBD Dresden
für Billige Sonderzüge nach Oberammergau
Werbeblatt
für Auto-Sonderfahrten

Zeitgenössische Reiseprospekte von Oberammergau aus den 1930er Jahren

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