Frachtstückgüter
gehen auf Reisen

Frachstückgüter gehen auf Reisen
Auf dem Güterschuppen eine kleinen Bahnhofs im Norden Deutschlands lagen eine Kiste, ein Korb und ein dicker Ballen friedlich nebeneinander. Vor wenigen Minuten waren sie zur Beförderung angenommen worden. Jetzt unterhielten sie sich im Flüsterton über die bevorstehende Reise.

"Die erste Musterung hätten wir ja glücklich hinter uns. Neugierig bin ich, was man weiter mit uns machen wird", begann die Kiste das Gespräch.
"Wohin wollen Sie denn?" fragte der Korb, ein Veteran des Güterverkehrs. "Etwa auch nach Gera?"
"Nein, ich will nach Altenburg in Sachsen", entgegnete die Kiste. Man merkte ihr an, sie war zum erstenmal auf einer größeren Reise.
"dann hätten wir ja glücklich jeder ein anderes Reiseziel", brummte der dicke Ballen, "denn ich will nach Itzehoe."
"Das ist aber schade", bedauerte die Kiste, "ich dachte, wir würden gemeinsam reisen können. Wer weiß, in welche Gesellschaft ich nun komme."
"Ach ja, das ewige Reisen!" stöhnte der Korb, der schon auf ein ehrwürdiges Alter zurückblicken konnte und manche Reiseerfahrungen gesammelt hatte. "Es sind ja ganz nette Leute, diese Eisenbahner, die uns betreuen, aber leider trifft man nicht immer eine so nette Gesellschaft. Manchmal wird man auch mitten in der Nacht im Schlummer gestört und aus schönen Träumen gerissen. Dann heißt es 'umsteigen!'. Auf einmal befindet man sich wieder unter ganz fremden Leuten und es dauert eine ganze Weile, ehe man wieder neue Bekanntschaften geschlossen hat. Manchmal trifft man es ja gut. Auf meiner letzten Reise nach Bremen zum Beispiel fuhr ich wundervoll bequem und brauchte mich unterwegs in meiner Ruhe nicht stören zu lassen. Wir waren nämlich unser vierzig, die alle nach Bremen wollten. Und da wir zusammen mehr als 2000 kg wogen, sagte der Lademeister: "Ihr habt Glück, Ihr braucht unterwegs nicht umzusteigen. Euch Brüder schicke ich alle zusammen in einem Wagen - ich glaube, er sagte "Ortswagen" - direkt nach Bremen. Schnell ließ man uns alle in einen Wagen einsteigen, wo wir es uns bequem machen konnten. Es war wirklich eine ganz wundervolle Reise, kann ich Ihnen sagen. So ungestört unter gleichgesinnten Brüdern zu reisen, macht Freude. Die Zeit verging uns wie im Fluge und im Handumdrehen waren wir in Bremen, kaum, daß wir ausgeschlafen hatten.
"Ja", brummte der dicke Ballen, "so eine bequeme Reise habe ich auch schon mal erlebt. Wir waren zwar nicht vierzig und wogen zusammen auch nicht 2000 kg, sondern nur 1000 kg, bekamen aber trotzdem einen besonderen Wagen; denn als uns der Lademeister sah, sagte er: "Ihr seid mit wohlgenährte Leute, Ihr 12 Dickwänste! Ihr braucht einen ganzen Wagen für Euch allein, da findet sonst niemand mehr Platz." Er gab seinen Arbeitern einen Wink, uns zu packen. "Die ganze Gesellschaft kommt in den Wagen Kassel 8534. Wenn alles drinnen ist, Türe zu und plombieren! Der Wagen geht als Ortswagen nach Hannover!" Ehe wir uns umsahen, lagen wir schon im Wagen weich und mollig aneinander geschmiegt, und erst in Hannover brauchten wir uns zu trennen."
"Dann muß man also wohl sehr gewichtig sein oder viel Platz einnehmen, wenn man so bequem reisen will", fragte die Kiste und sah dabei auf ihren bescheidenen Umfang. "Große Aussichten auf eine so bequeme Reise scheinen wir dann allerdings nicht zu haben, denn ich glaube nicht, daß man jedem von uns Dreien einen geräumigen Wagen zur Verfügung stellen wird, in dem wir allein und ungestört nach unserem Bestimmungsort reisen können."
"Nu, wenn schon . . . alles halb so schlimm", sagte der Korb, "dann bleiben wir eben noch eine Weile beisammen und reisen eine Strecke unseres Weges gemeinsam."
"Das ist aber doch nicht möglich", fiel ihm die Kiste ins Wort. "Wie können wir zusammen in einem Wagen reisen, wenn doch jeder von uns woanders hin will?"
"Doch", erwiderte der Korb, "das habe ich alles schon erlebt. Man bringt uns dann einfach zunächst nach Hamburg. Dort sammelt man nämlich alle Frachtstückgüter aus diesem Bezirk, die man nicht in besonderen Wagen unmittelbar nach ihren Bestimmungsorten befördern kann, oder die nicht schon vor Hamburg wieder austeigen. Auf dieser Sammelstelle strömen von allen Richtungen solche Einzelgänger zusammen und steigen dort um. Oft finden sich dort so viele Reisende nach einem Ziel zusammen, daß man ihnen einen besonderen Wagen zur Weiterreise zur Verfügung stellen kann, wenn nicht, dann müssen sie eben nochmals umsteigen. Ich sage Ihnen, dort ist Leben, ein Gerenne und Gelaufe, aber trotz alledem herrscht eine musterhafte Ordnung und jeder von uns findet den Wagen, in den er gehört."

"Wie soll ich da meinen Wagen finden",  unterbrach ihn ängstlich die Kiste, "ich reise doch zum erstenmal, kenne mich in Hamburg noch gar nicht aus. Lieber Korb, tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich nicht allein, ich komme ja sonst bestimmt nicht nach Altenburg!"
"Machen Sie sich nur keine Sorge, das wird sich schon alles finden. Sie haben ja auch Ihre Fahrkarte."
"O Gott - Fahrkarte sagen Sie! Wo habe ich denn meine Fahrkarte? Die habe ich gewiß verloren! Ach, entschuldigen Sie, ich bin so schrecklich aufgeregt. Was fange ich nur an ohne Fahrkarte?"
"Nur keine Aufregung! Ich habe meine Fahrkarte auch nicht bei mir, sondern die hat der Lademeister, ebenso wir die Ihre und die aller anderen Reisenden,  die sich auf diesem Schuppen befinden. Ich habe gesehen, wie er sie in das Abfertigungszimmer gebracht hat."
Der Kiste fiel ein Stein vom Herzen; jetzt dämmert es bei ihr.
"Ach! Sie meinen den Frachtbrief mit unserer Personalbeschreibung. Sie haben mir einen furchtbaren Schrecken eingejagt. Was haben die Beamten im Abfertigungszimmer mit meinem Frachtbrief zu tun? Ich weiß nicht, was alles in diesem Frachtbrief steht, womöglich alles, was in mir ist, meine intimsten Geheimnisse! Die braucht doch nicht jeder zu wissen!"
"Da ist aber doch wirklich nichts dabei! Man muß doch wissen, wer und was Sie sind und wohin sie wollen, sonst könnte sich ja jeder Dunkelmann hier unerkannt auf dem Schuppen herumtreiben. Freuen Sie sich, daß die Beamten Ihren Frachtbrief haben. Da können Sie sicher sein, daß zur richtigen Zeit das mit Ihnen geschieht, was mit Ihnen geschehen muß, damit Sie sicher und schnell nach Altenburg kommen."
"Dumme Gans!" brummte der dicke Ballen vor sich hin. "Wie kann man sich nur so anstellen. Es ist ein Kreuz, wenn unerfahrene Leute reisen!"
"Hoffentlich macht man nu alles richtig", flüsterte ängstlich die Kiste, "sonst reise ich weiß Gott in der Weltgeschichte herum und komme nie nach Altenburg!"
"Da können Sie wirklich ganz ohne Sorge sein, denn der Weg, den Sie nach Altenburg zurückzulegen haben, ist ebenso wie unser Weg und der aller anderen irgendwo aufgegebenen und irgendwohin bestimmten Güter genau festgelegt; dabei ist gleichzeitig auch angegeben, wo man umsteigen muß, wenn das überhaupt nötig ist. Es ist eine Art Kursbuch, das alle diese Angaben für mehr als 100 000 000 Güterreisen enthält. Wenn ich nicht irre, nennt man es 'Ladevorschriften'. Aus ihnen wird unser Reiseweg entnommen und in unserem Frachtbrief eingetragen. Wenn wir dann einsteigen, wird auch die Nummer des Wagens in den Frachtbrief geschrieben. So weiß man überall und zu jeder Zeit, wo wir uns befinden und was mit uns geschehen muß."
"Sie meinen also, ich brauche mich wirklich um nichts zu kümmern. Das ist ja herrlich, sich so umsorgt zu wissen. Nun habe ich auch gar keine Angst mehr!"
Die Unterhaltung der Drei wurde durch ein Geräusch unterbrochen. Ein kurzer Güterzug war vorgefahren und hielt fauchend vor dem geöffneten Tor des Schuppens. Mehrere Arbeiter mit Karren näherten sich dem Lagerplatz der drei Reisegenossen, leuchteten ihnen kurz ins Gesicht, nahmen sie dann auf ihre Karren und schafften sie schnell in den haltenden Zug.

Dort waren sie kaum angekommen, als der Zug sich schon wieder in Bewegung setzte und sie in schneller Fahrt entführte.
Die zweite Musterung begann. Kiste und Korb wanderten sodann in eine Ecke des Wagens, wo schon eine Menge Güter lagerten, der dicke Ballen aber wurde an die Seite neben die Tür gestellt.
"Wie habe ich mich erschrocken", nahm die Kiste das Gespräch wieder auf und schmiegte sich eng an den Korb. "wie gut, daß Sie noch da sind. Wo ist nur unser dicker Freund geblieben? Ich sehe ihn gar nicht mehr!"
"Um den seien Sie nur ohne Sorge, der wird gewiß sein Ziel bald erreicht haben, denn man hat ihn gleich neben die Tür gestellt."
"Ja, aber kommt er denn nicht mit uns nach Hamburg?"
"Nein", sagte der Korb, "der muß schon vorher aussteigen, weil sein Reiseziel vor Hamburg liegt, aber alles, was hier um uns ist, fährt mit uns zur Sammelstelle Hamburg. Vielleicht ist auch schon jemand darunter, der wie Sie nach Altenburg reist."
Der Zug hält schon wieder, einige Fahrgäste stiegen aus, neue kamen hinzu. Und weiter ging's.
"Wie schnell das geht!" flüsterte die Kiste, "kaum, daß wir halten, rollt der Zug auch schon wieder weiter! Da werden wir gewiß bald in Hamburg sein, nicht wahr?"
"Nun, eine Weile wird es ja noch dauern, aber immerhin haben wir Glück gehabt, gerade einen solchen Zug zu erwischen. Wir reisen jetzt nämlich in einem sogenannten "leichtenGüterzug", der zwar auf allen Bahnhöfen hält, damit Güter ein- und, soweit ihr Ziel vor der Sammelstelle liegt, auch wieder aussteigen können, der es aber trotzdem sehr eilig hat, um rechtzeitig nach der Sammelstelle zu kommen, wo die Anschlußzüge warten."
"Wie interessant! Ich habe gar nicht gewußt, daß es so lange Eisenbahnwagen gibt" - wunderte sich die Kiste, "und taghell beleuchte sind sie, ich fürchtete schon, wir müßten im Dunkeln reisen. Wissen Sie, ich bin nämlich so ängstlich im Dunkeln, man kann doch niemlas wissen -"
"Ja", unterbrach sie der Korb, "im allgemeinen reisen wir Güter ja im Dunkeln, aber in diesen Zügen werden wir von Eisenbahnern betreut, die schon während der Fahrt die Güter ordnen, damit sie beim Halten des Zuges schnell aussteigen können, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Übrigens ist das nicht nur ein Eisenbahnwagen, sondern es sind zwei große Wagen, die miteinander fest verbunden sind und so einen großen Raum - gewissermaßen einen fahrenden Güterschuppen - bilden."
"Richtig, jetzt sehe ich es auch. Dort am anderen Ende scheint aber noch ein besonderer Raum zu sein, ich sehe dort einen Eisenbahner vor einem großen Regal mit vielen Fächern sitzen. Was mag das wohl sein?"
"Dort sitzt der Zugführer, der unsere Frachrtbriefe ordnet. Er studiert jeden genau und gibt danach den Leuten Anweisung, welchen Gütern sie auf den Haltebahnhöfen beim Aussteigen behilflich sein sollen. Unsere Frachtbriefe hat er sicher gleich in ein besonderes Fach gelegt, denn wir reisen ja beide bis zur Endstation des Zuges."
Wieder hielt der Zug. Der dicke Ballen, der an der Tür stand wurde ergriffen und hinausgesetzt, und weiter ging's.

"Unser dicker Freund hat sein Zeil erreicht", sagte der Korb, ich sah ihn eben aussteigen. Zwei Mann waren ihm behilflich."
"Oh, wie schade! Ich hätte ihm so gern noch einmal zugewinkt, er war so ein netter . . . "
Eine große Tonne stellte sich plötzlich vor die Kiste und unterrbach jäh ihre Betrachtungen.
"Pfui, wie abscheulich, sich so breit zu machen, man kann ja gar nichts mehr sehen", schimpfte die Kiste und stieß dabei die Tonne mehrere Male in die Rippen, aber diese rührte sich nicht vom Fleck.
"Das wird noch besser", tröstete der Korb, "je näher wir der Sammelstelle kommen, desto voller wird es und desto bunter wird unsere Gesellschaft. Am bestem, man kümmert sich nicht mehr darum und schläft ein wenig. Spät genug ist es ja."
Der Zug näherte sich seinem Ziel, man sah schon von weitem den hellen Lichtschein der Großstadt. Noch wenige Kilometer, und der Zug fuhr in den Güterbahnhof Hamburg ein und setzte sich nach kurzem Halt an einen riesigen Güterschuppen mit zahlreichen Ladebühnen, an denen Hunderte von Wagen standen. Unzählige Lampen beleuchteten diese Stätte nächtlichen Schaffens und ließen ihren Schein auf die weißen Nummernschilder der Wagen fallen, die gleichzeitig die Namen größerer Städte trugen.
Der Zugführer sprang aus dem Zuge und übergab dem Lademeister ein Bündel Frachtbriefe. "Ich habe 12 Tonnen Stückgut angebracht, darunter 10 Tonnen Übergang", sagte er.
Der Lademeister nahm das Bündel Frachtbriefe in seinen Dienstraum, sah Frachtbrief für Frachtbrief durch und schrieb auf jeden eine Nummer. Dann übergab er die Frachtbriefe einem Vorarbeiter, der sich mit seiner Arbeiterkolonne an die Ausladung der Güter machte.
Stück für Stück wurden nun die Güter mit den Frachtbriefen verglichen, wobei jedesmal der Vorarbeiter dem Karrer die Nummer des Wagens zureif, in den das Stück gebracht werden sollte. Er hatte es leicht, denn der Lademeister hatte ja die Nummer bereits auf jeden Frachtbrief geschrieben.
Endlich ergriff auch ein Arbeiter unseren Korb. Die Kiste machte noch einmal einen Versuch, sich an ihn zu klammern, es half ihr aber nichts, er war schon fort, noch ehe sie ihm ein Abschiedswort zuflüstern konnte. Sie hört nur noch, wie der Vorarbeiter befahl: "214 - Ortswagen Gera!" "oh", dachte sie, "der ist aller Sorgen ledig. Der kann nun ungestört bis Gera schlafen."

Nun kam die Reihe an sie. Zitternd stand sie vor dem Vorarbeiter und wollte ihren Ohren nicht trauen, als der sagte: "200 - Umladewagen nach Wahren!" O Gott, o Gott", dachte sie, "das geht bestimmt nicht gut, ich will ja gar nicht nach Wahren, sondern nach Altenburg."
Sie wollte noch etwas sagen, aber der Karrer hatte sich schon in Bewegung gesetzt und ihre Worte erstickten im Geräusch der Karrenräder. Ein buntes Bild entrollte sich vor ihren Augen. Überall standen Stapel von Gütern verschiedenster Art und überall waren Hände am Werk, sie in die an den Ladebühnen stehdenen Eisenbahnwagen zu bringen. Vorbei ging es auch an Lastkraftwagen, die am Schuppen hielten, um die von ihnen gesammelten Güter abzuliefern.
Plötzlich machte der Karrer rinr scharfe Wendung, und schon befand sich die Kiste in dem Wagen, der die Nummer "200 Wahren" trug, er war innen von eine Glühlampe hell erleuchtet. Die Kiste hatte vor Schreck einen Augenblick die Augen geschlossen. Als sie sie wieder öffnete, stand groß und breit vor ihr die dicke Tonne und lächelte ihr zu. "Na, Kleine, kommen Sie auch endlich? Ich habe Sie schon lange erwartet."

Die Kiste war von dieser Begegnung nicht gerade entzückt, aber sie freute sich doch, wenigstens eine Bekannte unter der Gesellschaft zu haben, die sich in diesem Wagen versammelt hatte. Ermutigt durch das freundliche Lächeln, mit dem sie empfangen worden war, wagte sie schüchtern zu antworten.
"Sie haben mich hier erwartet? Ich will ja gar nicht nach Wahren, sondern nach Altenburg! Wie komme ich nur hier wieder heraus?"
"Na, Kleine, bleiben Sie nur ruhig hier, ich will ebensowenig nach Wahren wie Sie, aber es ist schon richtig. Sie können sich darauf verlassen. Wenn man jahrein, jahraus so zwischen zwei Städten hin und her pendelt, kennt man sich schon aus. Wir sind hier eine sehr gemischte Gesellschaft, nicht daß wir unanständige Leute wären, im Gegenteil, alles ehrenwerte Gesellen, nur fahren wir nach den verschiedensten Zielen."
"Das verstehe ich nicht. Wie kann man uns alle in einen Wagen nach Wahren setzen, da müssen wir doch unser Ziel verfehlen!"
"Seien Sie ohne Sorge! Sehen Sie sich nur Ihre Reisegefährten einmal genauer an, sie fahren alle nach einem gewissen Gebiet, das um Wahren liegt. Sie z. B. nach Altenburg, ich nach Zeitz usw. So bringt man uns den erst einmal gemeinsam schnell nach Wahren, das ist nämlich die für dieses Gebiet eingerichtete Verteilungsstelle. Hier müssen wir nochmals umsteigen. Sie werden staunen, welch bunte Gesellschaft sich erst in Wahren zusammenfindet. Von Nord nach Süd, von Ost nach West werden Sie dort Gefährten treffen, die mit Ihnen zusammen nach Altenburg weiterreisen."
Allmählich hatte sich der Wagen gefüllt, die Lampe wurde entfernt und die Tür geschlossen. Eine Weile hörte man noch das Geräusch vorbeifahrender Karren, dann setzte sich der Wagen in Bewegung.
"Oh, ich glaube, wir fahren schon", sagte die Kiste. "Aber wie langsam!"
"Na, warten Sie nur, bis wir erst in unserem Zuge sind, dann werden Sie Ihr blaues Wunder erleben!"
"Es ist doch nicht etwa gefährlich?"
"Oh nein, durchaus nicht! Aber die Durchgangsgüterzüge, mit denen man die auf den Sammelstellen gesammelten Güter nach den Verteilungsstellen bringt, fahren sehr schnell und halten nur auf wenigen großen Bahnhöfen, so daß wir sehr bald nach Wahren kommen. Das gerade ist es, was uns auf unserer Reise, wohin sie auch gehen mag, so schnell vorwärtsbringt. Sind wir erst einmal auf der Verteilungsstelle, so sind wir auch schon dicht bei unserem Reiseziel."
"Ich staune, was Sie alles wissen! Freilich, wenn man im Reisen so erfahren ist, wie Sie, ist das kein Wunder. Ich werde noch viel lernen müssen. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich etwas viel frage. Wieviel solcher Sammel- und Verteilstellen gibt es denn in Deutschland?"
"In ganz Deutschland gibt es 61 Sammelstellen, die gleichzeitig auch Verteilungsstellen sind,außerdem noch 4 Verteilungsstellen. Die Sammelstellen sammeln die Güter von den Versandbahnhöfen ihrer Bezirke und führen sie den Verteilungsstellen zu. Diese verteilen die ihnen zugeführten Güter nach den Emofangsbahnhöfen ihrer Bezirke. So werden Sie z.B., wenn Sie die Rückreise nach Ihrem Wohnort antreten sollten, zuerst wieder nach Wahren, von dort nach Hamburg und schließlich nach Ihrem Heimatort kommen, es sei denn, daß Sie schon in Altenburg oder in Wahren so viele Reisegenossen finden, daß man Ihnen von dort aus einen direkten Wagen nach Ihrem Wohnort für die Rückreise zur Verfügung stellt. Im ersten Falle brauchten Sie dann gar nicht, im anderen Falle nur einmal in Wahren umzusteigen."
"Ach, auf einmal mehr oder weniger umsteigen kommt es mir nicht mehr an, wenn das Umsteigen immer so glatt vonstatten geht wie in Hamburg und man dabei keine Zeit verliert."
"Dafür ist gesorgt, denn zwischen fast allen Sammel- und Verteilungsstellen bestehen nicht nur schnelle und regelmäßige Verbindungen, sondern die Anschlüsse auf den Sammelstellen und Verteilungsstellen sind auch zeitlich aufeinander abgestimmt, so daß beim Umsteigen große Zeitverluste vermieden werden. Sie sehen also, daß auf der Reise von uns durchaus nicht mehr verlangt wird, als von Menschen, die von irgendeinem kleinen Bahnhof des Reiches nach einem anderen weit entfernte liegenden kleinen Bahnhof reisen. Im Gegenteil, ich glaube sogar, daß wir es manchmal sogar noch erheblich bequemer haben als die Menschen."
"Haben Sie vielen Dank für Ihre freundliche Auskunft. Sie beruhigt mich. Nun will ich Sie aber auch wirklich nicht mit weiteren Fragen belästigen. Sie sind gewiß auch müde und wollen schlafen. Hoffentlich liegen Sie auch so gut wie ich."
"Danke, ich bin zufrieden."
"Dann gute Nacht!"
"Gute Nacht!"

Der Durchgangsgüterzug fährt weiter durch die Nacht. Dunkel ist es hinter der schweren Lokomotive. Nur an einer Stelle fällt aus der langen Wagenreihe ein Lichtschein, er kommt aus dem Zugführerabteil, in dem der Zugführer schreibend an seinem Tische sitzt. Vor ihm in einnem Regal liegen, nach den Haltebahnhöfen des Zuges wohlgeordnet, die Frachtbriefe zu den Gütern, die sich im Zuge befinden. Da sieht man neben vielen Einzelfrachtbriefen auch durch Streifbänder zusammengehaltene Frachtbriefbündel; sie gehören zu den Umladewagen, die die Stückgüter von der Sammelstelle Hamburg nach verschiedenen Verteilungsstellen bringen. Jedes Bündel ist mit einem Zettel beklebt, der mit dem Beklebezettel an den Wagen übereinstimmt. Er enthält den Bestimmungsbahnhof und den Beförderungsplan des Wagens. So ist die planmäßige Beförderung sichergestellt und nichts dem Zufall überlassen. -

Als der Zug beim Morgengrauen in den Bahnhof Leipzig-Wahren einlief, wurde er an seinem Halteplatz bereits von einem Boten der Umladestelle Wahren erwartet, der sogleich die Frachtbriefbündel für die nach Wahren bestimmten Umladewagen in Empfang nahm und sie dem Lademeister überbrachte. Bevor noch die Wagen die riesigen Hallen und Ladebühnen der Umladestelle erreichten, hatte der Lademeister bereits die Frachbriefe einzeln durchgesehen und jeden entsprechend der Hingehörigkeit der Stückgüter mit einer Nummer versehen, die den Wagen kennzeichnetet, in dem die Güter ihre Reise nach ihrem Zielort fortsetzen sollten. Da gab es Güter, die leichten Güterzügen, andere die Ausladewagen ("Kurswagen") und wieder andere nach bedeutenderen Plätzen, die besonderen Wagen ("Ortswagen") zugewiesen wurden. So wurde für jede Sendung das Beförderungsmittel ausgewählt, das sie schnell und unmittelbar ihrer Bestimmung zuführte.
Als unser "Umladewagen" die Ladebühne erreichte, war für die Weiterreise der Stückgüter bereits alles vorbereitet. Wieder stand ein Vorarbeiter mit den Frachtbriefen bereit und ließ sich die einzelnen Stückgüter von den Arbeitern seiner Ladekolonne vorführen. Ein kurzes Vergleichen der Güteraufschriften mit den Angaben des Frachtbriefes, ein Ansagen der vom Lademeister in dem Frachtbrief vermerkten Nummer, und der Arbeiter wußte, wohin er das Gut zu karren hatte.
So kam schließlich die Reihe auch an unsere beiden Reisenden. Sie waren noch dabei, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, da hatte man sie schon ergriffen und in den Wagen gebracht, der sie an ihr Ziel bringen sollte, die Tonne in einen "Ortswagen" nach Zeitz, die Kiste in einen sogenannen "Ausladewagen", der in einem Güterzuge über die Strecke geführt werden sollte, an der Altenburg liegt.
Wie es ihnen weiterging?
Beide erreichten sehr bald und wohlbehalten ihr Ziel und waren mit dem Verlauf ihrer Reise sehr zufrieden -

Zufrieden, wie Frachtstückgüter nun einmal sind, die auf der Deutschen Reichsbahn reisen.
Nun lieber Leser noch eine Frage -
Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, wie es möglich ist, daß die tausend und abertausend Stückgutsendungen, die täglich auf mehr als 12000 deutschen Bahnhöfen aufgegeben werden, so schnell, sicher und zuverlässig ihre Ziele erreichen, wohin sie auch bestimmt sein mögen? Diese kleine Geschichte sollte Dir die Grundzüge einer Organisation näherbringen, die mustergültig dafür sorgt; sie ist auf der Rückseite dieses Heftes in ihrem Aufbau schematisch dargestellt.
Das Netz der deutschen Eisenbahnen ist in 61 Sammelbezirke mit je einer Sammelstelle und in 65 Verteilungsbezirke mit je einer Verteilungstelle aufgeteilt.
Innerhalb der Sammel- und Verteilungsbezirke sind die Beförderungseinrichtungen so ausgebaut, daß alle Stückgutsendungen, die mangels ausreichender Mengen nicht in besonderen Wagen (Ortswagen) ohne jede Umladung den Empfangsbahnhöfen zugesandt werden können, täglich planmäßig, schnell und unmittelbar der für den Versandbahnhof zuständigen Sammelstelle zugeführt werden. Ebenso ist dafür gesorgt, daß die auf den Verteilungsstellen ankommenden Stückgüter planmäßig und schnell nach den Ihnen zugeteilten Empfangsbahnhöfen weitergesandt werden.
Dafür sind eingesetzt: Leichte Güterzüge (Leig), Ein- und Ausladewagen (Kurswagen) und schließlich Reichsbahnkraftwagen, die alle über bestimmte Strecken laufen und deren Bahnhöfe bedienen; sie besorgen auch gleichzeitig den unmittelbaren Güteraustausch zwischen den Bahnhöfen des Sammel- oder Verteilungsbezirks.
Sammel- und Verteilungsstellen sind durch regelmäßig in festen Beförderungsplänen laufende "Umladewagen" verbunden, die die gesammelten Stückgüter schnellstens nach den Verteilungsstellen bringen, soweit für einzelne Empfangsbahnhöfe auf den Sammelstellen nicht so große Gütermengen zusammenkommen, daß sie in besonderen Ortswagen den Empfangsbahnhöfen unmittelbar zugesandt werden können.
Die Zuführung der Stückgüter nach den Verteilungsstellen und schließlich die Verteilung der Güter von den Verteilungsstellen an die Empfangsbahnhöfe sind aufeinander abgestimmt, so daß kein Zeitverlust entsteht und eine gleichmäßige, schnelle und zuverlässige Beförderung zwischen allen Bahnhöfen sichergestellt ist.
"Ladevorschriften" bestimmen für jede Verkehrsverbindung, wo die Sendungen umgeladen werden müssen, soweit überhaupt eine Umladung nötig wird.
Es ergibt sich daraus, daß die Frachstückgutbeförderung um so günstiger gestaltet werden kann, je mehr Frachstückgüter täglich der Eisenbahn zur Beförderung übergeben werden.

Herausgegeben vom Reichsbahn-Werbeamt für den Personen- und Güterverkehr,
Berlin W 9, Potsdamer Straße 124.

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