Vollständige Wiedergabe einer
Werbebroschüre des Reichsbahn-Werbeamtes 
für den Personen- und Güterverkehr (WER) 


 

Reichsbahn und Nährstand 
Hand in Hand 
auf Schiene und Straße 
im Deutschen Land
Die Reichsbahn fördert den Bauernstand.
Die Erzeugungsschlacht soll die deutsche Volksernährung aus eigener Kraft sichern und dadurch die Einfuhr von Lebens- und Futtermitteln aus dem Auslande möglichst entbehrlich machen.
Es genügt nun nicht, daß die Lebensmittel in ausreichenden Mengen erzeugt werden, sie müssen auch möglichst schnell und zu möglichst niedrigen Beförderungspreisen über das ganze Reich verteilt und den Verbrauchern zugeführt werden.
Für diese wichtige Aufgabe steht der deutschen Landwirtschaft die Reichsbahn mit ihrem weit ausgebauten Schienennetz und ihren neuzeitlichen Betriebsmitteln zur Verfügung. Die Reichsbahn ist das unentbehrliche Bindeglied zwischen Land und Stadt, zwischen Erzeuger und Verbraucher. In voller Erkenntnis der ihr hierdurch erwachsenden vielseitigen Aufgaben ist sie ständig bemüht, durch möglichst schnelle Beförderung und durch billige Tarife den Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu fördern, am Wiederaufbau des deutschen Bauernstandes mitzuhelfen und damit dem Wohle des ganzen Volkes zu dienen.
Welche Maßnahmen hat nun die Reichsbahn im einzelnen für die Landwirtschaft getroffen?

Obst- und Gemüseverkehr.

Bei leicht verderblichen Gütern wie frischem Obst und Gemüse ist eine schnelle Beförderung von ganz besonderem Wert. Die Absatzmöglichkeit für diese Güter ist in starkem Maße davon abhängig, daß sie dem Käufer in einwandfreier Beschaffenheit angeboten werden. Der glatte, erschütterungs- und staubfreie Schienenweg bietet die Gewähr für schonliche, das Aussehen der Ware nicht beinträchtigende Beförderung.
Durch Obst- und Gemüsesonderzüge, durch besonders günstige Beförderungspläne werden die empfindlichen Güter schnellstens dem Markt zugeführt. Nach Möglichkeit werden die Schnellverbindungen hierbei so gelegt, daß die in den Nachmittags- und Abendstunden aufgelieferte Ware schon am nächsten Morgen dem Empfänger auch in weit entfernt liegenden Plätzen zur Verfügung steht. Besondere Lüftungsgitter, die gegen mäßige Gebühr mietweise zu haben sind, (Bestellung bei der Güterabfertigung) sorgen für ausreichende Luftzufuhr.
Bild 1. Ein Güterwagen mit der vielgewählten Gitterlüftung. 

Bei Beförderung sehr druckempfindlichen Obstes sorgen besonders Transportvorrichtungen für den Schutz und die gute Durchlüftung der Ware.

Bild 2. Ein Hubbehälter mit Aufsatz in Etagen, beladen mit Obst. 
Für den Frühobst- und Frühgemüseversand aus den badischen, pfälzischen und rheinischen Anbaugebieten nach Mittel-, Nord- und Ostdeutschland sind besondere Schnellgüterzugverbindungen eingerichtet, die in der unglaublich kurzen Zeit von 12-13 Stunden Hamburg oder Berlin erreichen. Dadurch kann das in den Nachmittagsstunden aufgelieferte Obst schon am nächsten Morgen den wichtigen Großmärkten in Berlin, Hamburg, Bremen, Halle (Saale) und Leipzig zugeführt werden. Die Fracht ist in Anbetracht der schnellzugmäßigen Beförderung und des dadurch erzielten Zeitgewinnes niedrig, denn es wird nur die halbe Expreßgutfracht berechnet, die nur wenig höher ist als die sonst zur Berechnung kommende Eilgutfracht.
Kleinere Obst- und Gemüsesendungen werden überhaupt vorteilhaft als Expreßgut verfrachtet und mit Expreßgutkarten bei den Gepäckabfertigungen aufgeliefert. Expreßgut reist mit dem nächsten geeigneten Schnell-, Eil- oder Personenzug und wird bei Tag und Nacht angenommen und ausgeliefert. Frische Beeren, frisches Obst, frisches Gemüse aller Art, frischer Speisemais und frische Speisepilze einheimischen Ursprunges werden auf alle Entfernungen zur halben Expreßgut-Fracht befördert. (In der Spalte "Inhalt" der Expreßgutkarte den Zusatz "frisch" und "einheimischen Ursprunges" nicht vergessen!). Das Gewicht des einzelnen Stückes darf 50 kg nicht überschreiten. Eine Expreßgutsendung frischen Spargels im Gewicht von 50 kg auf eine Entfernung von 200 km kostet beispielsweise nur 2,- RM. Auf das Pfund entfallen demnach nur 2 Rpf. Fracht.
Selbstverständlich wird Obst und Gemüse nicht nur im Kleinversand als Expreßgut sondern auch beim Versand in größeren Mengen stark begünstigt.

Die wichtigsten Tarife für den Obst- und Gemüseverkehr:

Bei Aufgabe als Eilstückgut wird für frisches Gemüse und frisches Obst, soweit sie der ermäßigten Eilgutklasse (II e) angehören, die Fracht für gewöhnliches Frachtgut berechnet.
Hierunter fallen:
a) frisches Gemüse: Blumen-, Rosen- und Wirsingkohl, grüne Bohnen, grüne Erbsen (Schoten), Frühkarotten und Frühmohrrüben sowie junge Karotten und junge Mohrrüben, sämtliche mit Laub (Kraut); Gartenmelde, Gurken, diese auch zerkleinert und entkernt, Kohlrabi (Oberrüben), Mangold (Römischer Kohl), Pilze, Radieschen, Rettiche, Rhabarber, Rübstiel (Stielmus), Saat, grüne Schalotten, Spargel, Spinat, Suppen- und Gewürzkräuter und Tomaten.
b) frisches Obst: Beeren-, Kern- und Stielobst, sämtlich frisch, ausgenommen Südfrüchte, Wacholderbeeren, Weintrauben.

Frisches Gemüse in Wagenladungen

fällt unter die Tarifklassen F und G, und zwar
unter Klasse F: a) Frachtgut Artischocken, Bleichsellerie, Bleichzichorie, Knoblauch, Knollensellerie, Kürbisse, Meerrettich, Melonen, Pastinakwurzeln, Petersilienwurzeln auch mit Laub (Kraut), Schwarzwurzeln, Speisezwiebeln, Blätterkohl (Braun-, Grün-, Winterkohl), Kopfkohl (Rot-, Weißkohl), Teltower Rübchen, Zichorienwurzeln,
b) Fracht- und Eilgut grüne Bohnen, auch grüne Puffbohnen, grüne Erbsen (Schoten), Gartenmelde, Kohlrabi (Oberrüben), Mangold (Römischer Kohl), Radieschen, Rettiche, Rhabarber, Rübstiel (Stielmus), Salat, grüne Schalotten, Spargel, Spinat, Suppen- und Gewürzkräuter, Tomaten, Gurken, auch zerkleinert und entkernt, Blumen-, Rosen- und Wirsingkohl, Pilze,
unter Klasse G: a) Frachtgut Kohlrüben (Steckrüben, Unterkohlrabi, Wruken), Mohrrüben (Gelbrüben, Karotten, Möhren),
b) Fracht- und Eilgut Frühkarotten und Frühmohrrüben sowie junge Karotten und junge Mohrrüben, sämtlich mit Laub (Kraut).

Außerdem bestehen noch folgende

Ausnahmetarife,
die nur bei "Verwendung im Deutsche Reich" gelten,
 
16 B 5 frisches Gemüse wie unter Klasse F a) bei Aufgabe als Frachtgut
wie unter Klasse F b) bei Aufgabe als Eilgut oder Frachtgut, jedoch nicht als beschleunigtes Eilgut. Die Ermäßigung beträgt gegenüber der Tarifklasse G bei
F 5 = etwa  16%
F 10  = etwa  9%
F = etwa  9%
16 B 6 für frisches Gemüse wie unter Klasse G a) bei Aufgabe als Frachtgut,
wie unter Klasse G b) bei Aufgabe als Eilgut oder Frachtgut, jedoch nicht als beschleunigtes Eilgut. Die Ermäßigung beträgt gegenüber der Tarifklasse G bei
F 5 = etwa  16%
G 10  = etwa  11%
G = etwa  14%

Sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Bei der großen Bedeutung des Getreides und der Kartoffeln für die Volksernährung sind auch diesen Gütern weitgehende Tarifvergünstigungen zugestanden. Für Getreide, Mehl, Hülsenfrüchte und Kartoffeln bestehen z.B. billige Sondertarife.

Getreide und Hülsenfrüchte:

a) zur Verwendung als Saatgut
bei Aufgabe als Frachtstückgut: Frachtberechnung für das halbe wirkliche Gewicht, wenn das Saatgut zur Verwendung im Deutschen Reich bestimmt ist.
bei Aufgabe als Wagenladung: Klasse F
Unter die Ermäßigung zu a) fallen:
Gerste, Hafer, Mais, Roggen, Spelz, Weizen, Bohnen (Fisolen), Erbsen, Linsen, Wicken und bestimmte Ölsaaten; (im Frachtbrief Stempel des Reichsnährstandes, Verwaltungsamtes erforderlich, daß es sich um anerkanntes Saatgut handelt!)
b) sonst
Ausnahmetarif mit stark ermäßigten Sätzen bei Aufgabe als Stückgut und als Wagenladung für: Getreide: z.B. Buchweizen, Gerste, Mas, Roggen, Weizen;
Hülsenfrüchte: z.B. Bohnen, Erbsen, Linsen, Wicken; ferner Mühlenerzeugnisse aus Getreide und Hülsenfrüchten.

Frische Kartoffeln.

Bei Aufgabe als Stückgut und als Wagenladung Ausnahmetarif mit stark ermäßigten Sätzen. Bei Auflieferung als anerkanntes Saatgut in der Zeit vom 10. September - 31. Mai als Stückgut Frachtberechnung nach dem halben wirklichen Gewicht.
Für Heu und Stroh besteht ein allgemeiner Ausnahmetarif mit stark ermäßigten Sätzen und daneben als besondere Notstandsmaßnahme mit zeitlicher Begrenzung ein Sondertarif, der auf die billigen Sätze des allgemeinen Ausnahmetarifs noch weitere starke Ermäßigungen gewährt, wenn das Heu oder Stroh in landwirtschaftlichen Betrieben verwendet wird. Auch für bestimmte Futtermittel bestehen besondere Tarifermäßigungen.

Tierverkehr.

Für den Tierverkehr bietet der geräumige Eisenbahnwagen, für Kleinvieh mit Zwischenböden, die Möglichkeit, Tiere aller Art so bequem zu verladen, daß Wohlbefinden während der Fahrt und gesunde Ankunft gesichert sind. Bei Transporten von längerer Dauer ist für die Fütterung und Tränkung der Tiere unterwegs Vorsorge getroffen. Die gründliche und gewissenhafte Reinigung der Eisenbahnwagen nach Maßgabe der polizeilichen Vorschriften schützt vor Ansteckung der Tiere und beugt der Verbreitung von Seuchen vor.
Durch eilgutmäßige schnellste Beförderung, vielfach in besonderen Viehzügen mit günstigen Anschlüssen werden die Tiere rechtzeitig den Viehmärkten oder Schlachthöfen zugeführt.
Obwohl die Tierfrachten an sich niedrig sind, bestehen in einigen Fällen noch Sonderermäßigungen, z.B. für Vieh, das auf die Weide geschickt wird, für Pferde aus Ostpreußen und für Schlachtpferde.

Milchverkehr.

In der Reihe landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die sich der Fürsorge der Reichsbahn erfreuen, darf natürlich die Milch als wichtiges Nahrungsmittel nicht fehlen. Die Reichsbahn befördert die Milch im Packwagen der Personenzüge oder in besonderen Milch- und Kühlwagen schnell nach den Verbrauchsstellen. Für die Versorgung der Großstädte mit frischer Milch verkehren besondere Milchzüge. Der ruhige Lauf des Eisenbahnwagens verhindert im Sommer das Zusammenlaufen der Milch, so daß sie in einwandfreier Beschaffenheit am Zielort eintrifft. Die Milchfracht wird nach einem billigen Ausnahmetarif berechnet, der auch frachtfreie Rückbeförderung der leeren Gefäße vorsieht.

Landwirtschaftliche Bedarfsträger.

Der Bauer ist nicht nur Erzeuger, es ist auch Verbraucher. Unter den landwirtschaftlichen Bedarfsgütern nehmen künstliche Düngemittel eine hervorragende Stellung ein. Durch zahlreiche Ausnahmetarife mit Frachtsätzen, die vielfach unter den Selbstkosten liegen, wird der Versand der Güter stark begünstigt. Auch andere Gegenstände, die der Bauer braucht, wie z.B. landwirtschaftliche Maschinen und Geräte werden bei der Frachtberechnung begünstigt.

Reichsbahn-Lastkraftwagen-Verkehr.

Die Reichsbahn ist dazu übergegangen, einen eigenen Lastkraftwagenverkehr hauptsächlich mit Stückgütern einzurichten. Hierdurch sollen die abseits vom Schienenweg liegenden Gebiete, hauptsächlich das flache Land, dem Eisenbahnverkehr näher gebracht werden. Der Lastkraftwagen ergänzt also das Schienennetz. Die Güter werden nicht nur nach oder von dem nächsten Bahnhof, sondern auch zwischen den einzelnen Orten der Kraftwagenlinie befördert. Durch die regelmäßig verkehrenden Reichsbahn-Kraftwagen werden schon jetzt über 3 000 Orte in ländlichen Bezirken an das Schienennetz der Reichsbahn angeschlossen; auch sie genießen nunmehr den Vorteil einer regelmäßigen Verkehrsanbindung.
Bild 3. Reichsbahn-Güterannahmestelle in einem ländlichen Bezirk.

So ist die Reichsbahn bemüht, durch schnelle Beförderung und zahlreiche billige Tarife den Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu fördern und den Bezug von Bedarfsgütern der Landwirtschaft zu erleichtern, um damit ihren Teil an der Gesundung des deutschen Bauerntums beizutragen. Sie kann diese Aufgabe um so besser erfüllen, je mehr der deutsche Bauer und Landwirt diese Bemühungen durch rege Benutzungen des Reichsbahneinrichtungen unterstützt.
Die Tarifierung landwirtschaftlicher Erzeugnisse ist so vielseitig, daß sie hier nur kurz gestreift werden konnte. Diese Vielseitigkeit und der Umstand, daß es sowohl in der Beförderungsregelung als auch im Aufbau der Tarife bei den Eisenbahnen keinen Stillstand gibt, lassen es ratsam erscheinen, vor jedem Versand eine zuverlässige  Auskunft bei der nächsten Güterabfertigung zu erbitten.
Für umfangreiche Auskünfte steht außerdem die Reichsbahn-Auskunftei für den Güterverkehr in Berlin W 9, Potsdamer Str. 124 jederzeit gerne zur Verfügung.


Homepage Thomas Noßke 2006 www.epoche2.de Epoche II Eisenbahn zeitgenössisch Ende