Wie Tiere reisen..

Werbebroschüre des Reichsbahn-Werbeamtes für den Personen- und Güterverkehr (WER) aus dem Jahr 1937


Tiere
reisen mit der Eisenbahn
schnell, bequem, preiswert
Wer seine Tiere liebt, ist auch um ihr Wohlergehen besorgt, wenn er sich von ihnen trennen und die Sorge für sie anderen überlassen muß; er wird deshalb, wenn er seine Tiere auf die Reise schicken muß, die Eisenbahn wählen. Die Eisenbahner sind selbst vielfach Tierhalter und daher auch jederzeit um das Wohl der auf der Eisenbahn beförderten Tiere besorgt.
Die deutschen Eisenbahnen haben von jeher der Tierbeförderung ihre besondere Sorgfalt zugewendet; ihre Einrichtungen für den Tierverkehr bieten jede Gewähr für eine schonende und schnelle Beförderung. Unter Aufwendung großer Mittel haben sie nicht nur ihre ortsfesten Einrichtungen für die Tierverladung, wie Verladerampen, Viehbuchten mit Fütterungs- und Tränkanlagen, der Schutzbedürftigkeit der Tiere angepaßt, sondern auch beim Bau ihrer Wagen darauf weitgehend Rücksicht genommen.
Ein Pferdewagen 1. Klasse
In geräumigen gedeckten Wagen finden die Tiere eine bequeme Unterkunft, die sie die gewohnten Ställe kaum vermissen läßt.
Frischluft wird dem Wageninnern durch große, verschließbare Luftklappen zugeführt; es können aber auch nach Bedarf die Wagentüren ganz oder teilweise geöffnet bleiben. Die Türöffnungen werden dann durch Tiergitter verstellt, die von der Reichsbahn vorgehalten werden.
Für Kleinvieh und Geflügel stehen Wagen mit Zwischenböden und durchbrochenen Wagenwänden zur Verfügung, die zugempfindliche Tiere gegen Zugluft von unten schützen; sie gestatten eine gute Ausnutzung des Wagenraumes.
Für die Beförderung einzelner kleiner Tiere hält die Reichsbahn Käfige vor, und zwar neben den für den Versand von Kälbern, Schafen und Schweinen allgemein gebräuchlichen Käfigen in Gegenden mit stärkerem Ferkelversand auch geräumigere, in denen sich Ferkel in größerer Zahl unterbringen lassen.
Alle nur denkbaren Bequemlichkeiten bieten schließlich die bahneigenen Stallungswagen für Renn- und Turnierpferde.

Tierschutz und Kampf gegen Seuchengefahr
Aus volkswirtschaftlichen Erwägungen, aber auch im Interesse der Tiere selbst, sorgen eingehende Schutzbestimmungen dafür, daß die Tiere während der Beförderung keine Schmerzen und keinen Schaden erleiden.
Die Wagenböden sind mit Sand, Sand und Stroh, Torfmull u. dergl. einzustreuen. Die Tiere sind in schonender, sie nicht beunruhigender Weise zu verladen. Sie dürfen nicht zu eng verladen werden. Großvieh muß bei Zusammenverladung in einem Wagen von Kleinvieh (Kälber unter 3 Monaten, Schafe und Ziegen) und Jungvieh (Rinder bis 1 Jahr) durch Bretter- oder Latterverschläge (Vorsatzgitter) getrennt werden.

So beginnt die Reise
Großvieh und Schweine müssen auch nach Geschlechtern getrennt werden, Großvieh durch Anbinden, Schweine durch Bretter- oder Lattenverschläge (Vorsatzgitter). Jede Kuh mit dem zu ihr gehörenden, saugenden Kalb muß von den anderen Tieren abgegittert werden. Rinder, bei denen das Abkalben in den nächsten Tagen zu erwarten ist, sollten nicht länger als 18 Stunden unterwegs sein. Frischmilchende Kühe sollen nicht früher als 3 Tage nach dem Abkalben verladen werden. Frischmilchende Kühe sind regelmäßig, auch während der Beförderung und spätestens nach 18stündiger Beförderungsdauer zu melken. Bei hochtragenden und frischmilchenden Rindern soll grundsätzlich bei der Beförderung ein Begleiter gestellt werden. Kälber dürfen in der Zeit vom 1. November bis 31. März nicht in mehrbödigen Wagen (Verschlagwagen) verladen werden. Auch dürfen sie in solchen Wagen nicht befördert werden, wenn sie am Widerrist gemessen über 1 Meter groß sind. Lose verladenen Pferden sind die Hintereisen abzunehmen. Die Beförderung altersschwacher oder gebrechlicher Pferde ist eine tierquälerische Handlung und deshalb zu unterlassen. Die Reichsbahn kann die Beförderung solcher Tiere ablehnen; in Zweifelsfällen entscheidet der von der Bahn zugezogenene Tierarzt.
Jede ortsfeste Anlage, jeder Wagen, jedes benutzte Gerät wird nach dem Gebrauch gründlich gereinigt und entseucht. Die gesundheitspolizeilichen Bestimmungen werden peinlichst eingehalten; sie drohen den mit der Reinigung und Entseuchung beauftragten Eisenbahnern für jede Unterlassung strenge Strafen an.
Eine Verschleppung von Seuchen durch die Reichsbahn ist ausgeschlossen.
Mehr als 6 Millionnen Reichsmark wendet die Reichsbahn jährlich für die Entseuchung auf; nur ein Drittel davon wird aus den erhobenen Entseuchungsgebühren gedeckt.
Die Eisenbahnen stellen sich also auch auf dem Gebiete der Tierbeförderung in jeder Hinsicht hinter die Losung "Kampf dem Verderb".
Entseuchungsanlage

Schnelle und schonende Beförderung
Vieh wird mit Eilgüter- und schnellfahrenden Güterzügen, in vielen Fällen aber auch mit Personenzügen befördert. Darüber hinaus werden reine Viehzüge gefahren, deren Verkehrstage und Fahrpläne den Wünschen der Tierversender, den Märkten und Anschlußzügen weitgehend angepaßt sind. Die Reisegeschwindigkeit der Viehzüge erreicht die der Personenzüge.
Der ruhige Lauf der Eisenbahnwagen sichert den Tieren eine gute Reise. Selbstverständlich ist für einen Eisenbahner, daß er bei Rangier- und Ladearbeiten Tiersendungen bevorzugt und besonders pfleglich behandelt.

Schweine reisen mit der Eisenbahn

Die Auflieferung ist einfach
Tiere, soweit sie nicht in Käfigen oder anderen Behältnissen untergebracht sind, werden mit grüngerändertem Tierfrachtbrief zur Beförderung aufgegeben, und zwar ist für jeden verwendeten Wagen ein besonderer Tierfrachtbrief nötig. Im Tierfrachtbrief sind die für die richtige Frachtberechnung nötigen Angaben über Gattung, Alter und Gewicht vorgedruckt, so daß in der betreffenden Spalte nur die Stückzahl eingetragen zu werden braucht.

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Um Verwechslungen zu vermeiden, müssen Tiere, die mit solchen anderer Versender oder Empfänger in einem Wagen (Kurswagen oder Gepäckwagen) zusammen verladen werden, mit dauerhaften Anhängern oder Tafeln aus Pergament, Leder, Blech oder Holz versehen werden. Die gesamte Anschrift des Empfängers, zumindest aber Zeichen und Nummer, der Versand- und Bestimmungsbahnhof sowie der Aufgabetag und die Gesamtzahl der zur gleichen Sendung gehörenden Tiere müssen daraus ersichtlich sein. Schweine sind in dauerhafter Weise mit Zeichen und Nummern zu versehen (nur schnelltrocknende und unverwaschbare Farbstoffe verwenden!). Die Kennzeichen sind auch in den Frachtbrief einzutragen.
Tiere in Kisten, Käfigen, Körben oder anderen Behältnissen sind mit Eilfrachtbrief aufzugeben. Die Fracht wird nach den Frachtgutplänen berechnet.
Ein Tierkäfig neuester Bauart

Die Eisenbahn sorgt für schnellste Wagenbereitstellung
Wagen für Tiere werden von der Eisenbahn bevorzugt gestellt. Trotzdem empfiehlt es sich, solche Wagen rechtzeitig, möglichst schon am Tage vor der beabsichtigten Verladung, schriftlich, mündlich der auch fernmündlich zu bestellen.

Muster einer ausgefüllten Bestellkarte
Unterwegs Verpflegung und Tränkung

Begleitung der Tiere
Im allgemeinen kann die Eisenbahn für Tiersendungen eine Begleitung verlangen.
Auf schriftlichen Antrag im Frachtbrief kann jedoch davon abgesehen werden.
Bei der Fürsorge, die die Eisenbahn den Tieren während der Beförderung zuwendet, wird dieser Antrag von den Versendern sehr häufig gestellt. Meistens wird diesen Anträgen auch entsprochen. Die Entscheidung obliegt dem Versandbahnhof.
Private Tierversender haben nur die Hälfte des Fahrpreises 3. Klasse (2 RPf für das Tarifkilometer) zu bezahlen, wenn sie im Tierwagen oder Packwagen Platz nehmen.

Quicklebendig kommen sie an

Auch die Berechnung der Tierfracht ist einfach
Bei Groß- und Kleinvieh (außer Geflügel) ist die Stückzahl die Grundlage für die Frachtberechnung, bei Geflügel in Wagenladungen dagegen die Zahl der benutzten Wagenböden.
Für Groß- und Kleinvieh (ausgenommen Geflügel) bestehen 5 Stückklassen (S1 bis S5),
für Geflügel aller Art (in Wagenladungen 7 Ladungsklassen (L1 bis L7).
Die Zugehörigkeit der Tiere zu den Stückklassen S1 bis S5 ergibt sich aus der Stufentafel des Tierfrachtzeigers.
 

Man ermittelt also zunächst nach der Gattung der zu versendenden Teire aus der Stufentafel die Stückklasse und stellt danach die zugehörige Stufe fest. Hat man so die Stufe ermittelt, kann man aus der Frachtentafel ohne weiteres die Fracht für die in Betracht kommende Entfernung entnehmen. Stufentafel und Frachtentafel sind am Schlusse dieser Schrift auszugsweise wiedergegeben.

Zum Beispiel:

  1. 2 Pferde, über 1 Jahr alt, gehören in die Stückklasse S1. Für 2 Pferde ist nach der Stufentafel die Stufe 12 anzuwenden. Fracht für Stufe 12 auf 224km nach der Frachtentafel = 51,10 RM.
  2. 10 Kühe, das Stück über 300 kg schwer, sollen 80 km weit versandt werden. Rindvieh, über 300 kg schwer, gehört zur Stückklasse S2. Für 10 Stück ist die Stufe 30 zugrunde zu legen; Fracht für 80km in Stufe 30 nach der Frachtentafel = 36,60 RM
  3. 30 Schweine, das Stück über 75 kg schwer, sollen auf eine Entfernung von 300 km verfrachtet werden. Schweine über 75 kg gehören nach der Stufentafel zur Stückklasse S3. 30 Stück solcher Schweine entsprechen demnach der Stufe 30. Die Fracht für Stufe 30 auf 300 km beträgt nach der Frachtentafel = 109,40 RM.
  4. Es soll eine Ladung Gänse in einem gewöhnlichen Eisenbahnwagen 250 km weit befördert werden. Nach der Stuifentafel ist die Fracht für einen Wagenboden eines gewöhnlichen Güterwagens nach L1 für Stufe 18 zu berechnen. Naqch der Frachtentafel beträgt in Stufe 18 die Fracht für 250 km = 74,30 RM.
Über alle Einzelheiten des Tierverkehrs, insbesondere über die Frachtvergünstigungen für Zucht- und Weidetiere, geben die örtlichen Eisenbahnstellen bereitwillig Auskunft. Bei größeren Transporten wende man sich an die zuständige Reichsbahndirektion pder Provatbahnverwaltung oder an die Reichsbahn-Auskunftei für Güterverkehr, Berlin W 9, Potsdamer Straße 37, Fernsprecher 21 97 81.
Auszug aus der Stufentafel
Stückklassen Ladungsklassen
S1S2S3S4S5Für Geflügel in Wagenladungen
(nach der Zahl der beladenen Wagenböden)
Pferde, Maultiere, Ponys, 
über ein Jahr alt;
Elefanten, Kamele, Dromedare, Giraffen, Zebras, Nashorne und Nilpferde
Pferde, Maultiere, Ponys, 
bis zu einem Jahr alt;
Rindvieh,, das Stück über 300 kg schwer, ferner Esel und sonst. Großvieh, sowie wilde oder fremdländische, nicht zu den in Deutschland heimischen Haustierarten gehör. Tiere, soweit nicht in der Klasse S1 genannt
Rindvieh, Kälber, das Stück bis 300 kg schwer; Schweine, das Stück über 75 kg schwer Rindvieh, Kälber, das Stück bis 100 kg schwer; Schweine, das Stück über 35 kg bis 75 kg schwer;
Schafe, Lämmer, Ziegen, Zicklein (Ziegenlämmer), Hunde, das Stück über 35 kg schwer
Schweine, Ferkel, Schafe, Lämmer, Ziegen, Zicklein (Ziegenlämmer), das Stück bis 35 kg schwer;
sonstige kleine Tiere (ausgenommen Hunde und Geflügel)
StückzahlStufeStückzahlStufeStückzahlStufeStückzahlStufeStückzahlStufeLadungsklasseStufe
1613111-211-51in gewöhnlichen Wagen
21226223-426-102L118
31839335-6311-153L240
424412447-8416-204L343
530515559-10521-255L446
6366186611-12626-306L548
7427217713-14731-357L650
8488248815-16836-408L751
9549279917-18941-459in großräumigen Wagen
10601030101019-201046-5010L131
11661133111121-221151-5511L250
12721236121223-241256-6012L355
 1339131325-261361-6513L460
1442141427-281466-7014L564
1545151529-301571-7515L668
 161631-321676-8016L771
171733-341781-8517 
181835-361886-9018
191937-381991-9519
202039-402096-10020
212141-4221101-10521
222243-4422106-11022
232345-4623111-11523
242447-4824116-12024
252549-5025121-12525
262651-5226126-13026
272753-5427131-13527
282855-5628136-14028
292957-5829141-14529
303059-6030146-15030
Als Mindestfracht wird berechnet
bei KlasseS1S2S3S4S5Für Geflügel der Ladungsklassen
die Fracht für Stufe
bei einbödigen Wagen12777713
bei mehrböd. auf Verlg. d. Abs. gestellten Wagen--30303040
Bei Sendungen aus Tieren verschiedener Stückklassen wird die Mindestfracht für die bei der Sendung befindlichen höchsttarifierten Tiere berechnet. Werden für die Beförderung Viehkurswagen gestellt oder wird die Beförderung in Stückgutkurswagen oder in Gepäckwagen zugelassen, so werden diese Mindestfrachten nicht berechnet.
Frisch und munter am Ziel

Anmerkung: Die Originalbroschüre enthält im Anhang einen Auszug aus der Frachtentafel in Form von 4 Tabellen mit je 54 Zeilen und 56 Spalten. Diese Tabellen beinhalten die Frachtgebühren in je 55 Tarifstufen für die Entfernungsbereiche 1 - 184 km, 185 - 434 km, 435 - 769 km und 770 - 1750 km. Sie lassen sich aufgrund ihrer Größe nicht sinnvoll in HTML-Tabellen umsetzen. Da zudem der Aussagewert des reinen Zahlenmaterials aus heutiger Sicht gering ist, wird an dieser Stelle auf eine Wiedergabe verzichtet.

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