Werbung
bei der
Deutschen Reichsbahn

Als die Eisenbahnen im Personen- und Güterverkehr noch Monopolcharakter besaßen und regelmäßig gute Gewinne erwirtschafteten, spielte die Werbung um Fahrgäste und Frachtkunden nur eine sehr untergeordnete Rolle und beschränkte sich meist auf Informationen über die bestehenden Verbindungen und Tarife. Mit dem Aufkommen der ersten Kraftfahrzeuge sowie den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen im Ergebnis des I. Weltkrieg änderte sich diese Situation grundlegend. Die staatlichen deutschen Eisenbahnen waren zudem zur Erbringung von Reparationsleistungen an die Siegermächte verurteilt und unterlagen verschiedenen weiteren Restriktionen. Innerhalb weniger Jahre erwuchsen der jungen Deutschen Reichsbahn durch den Straßenkraftverkehr und auch schon durch den Luftverkehr sehr ernst zu nehmende Konkurrenten, denen es entgegen zu treten galt.
Reichsbahndirektionspräsident Dr. Adolf Sarter war einer der ersten Verantwortlichen, der diese Situation analysierte, mit den Eisenbahnen anderer Länder verglich und geeigente Konsequenzen vorschlug. In seinem 1927 erschienenen und damals richtungsweisenden Buch "Verkehrswerbung bei den Eisenbahnen" begründete er erstmalig in Deutschland die Notwendigkeit von Werbung für die deutschen Eisenbahnen und zeigt verschiedenste Möglichkeiten dafür auf.
Er argumentierte sehr engagiert für die Erhaltung der Eisenbahnen, in dem er unter anderem herausstellte, dass in den seit Jahrzehnten gewachsenen Eisenbahnstrukturen und den bestehenden Anlagen und Fahrzeugen ein riesiges Volksvermögen gebunden ist, das es unbedingt zu bewahren gilt.

Besonders durch die Einführung der Fließbandfertigung von Kraftfahrzeugen und dem damit einhergehenden sprunghaften Anstieg der Zahl verfügbarer Nutzkraftwagen erwuchs der Eisenbahn im Bereich kurzer und mittlerer Entfernungen in vergleichsweise sehr kurzer Zeit eine starke Konkurrenz, die den Eisenbahnen bereits ab etwa 1925 Beförderungsleistungen und damit Arbeit und Einnahmen in nennenswertem Umfang entzog. Der Staat baut die Straßen mit Steuermitteln und ihre Benutzung ist praktisch kostenlos. Im Gegensatz dazu müssen die Eisenbahnen ihre Schienenwege selbst bauen und mit hohem Aufwand unterhalten, wodurch die Wettbewerbsbedingungen eindeutig zu ungunsten der Eisenbahnen verschoben sind. Die Reichsbahn sah sich plötzlich vor einem grundlegenden Problem, das im Kern bis heute nicht gelöst ist.

Lediglich im Bereich des Personenverkehrs konnte die Reichsbahn ihre Beförderungsleistungen vorübergehend noch ausbauen. Das gelang aber auch dadurch, dass in der Zeit nach dem I. Weltkrieg soviele Menschen reisen wollten und auch konnten wie bis dahin noch niemals in der Geschichte.
Die gestiegene soziale Sicherung der Arbeiter und Angestellten in der Weimarer Republik ermöglichte es mehr Menschen als je zuvor, ernsthaft über die Realisierung von Urlaubs- und Ausflugsfahrten nachzudenken. Der in den breiten Volksmassen lange zuvor gewachsene aber noch größtenteils unbefriedigte Wunsch nach Reisen rückte in immer greifbarere Nähe. Jedoch zwang die allgemein schwierige wirtschaftliche Situation die Eisenbahnen zu vielen Sondertarifen nicht nur im Frachtbereich sondern auch im Reiseverkehr. Die Vielzahl der bestehenden Tarife und ihre jeweiligen Vorteile verursachten beim Eisenbahnkunden aber auch ein gestiegenes Informationsbedürfnis darüber. So verband die Reichsbahn die sachliche Aufklärung über Ihre Leistungsangebot vielfach mit der Werbung für Ihre unbestreitbare Leistungsfähigkeit.
Als Transportunternehmen besaß die Reichsbahn nur wenig Erfahrung im Bereich der Werbung. Die moderne Wirtschaftswerbung steckte in Deutschland insgesamt noch in ihren Kinderschuhen und besaß noch keine spezifischen Möglichkeiten für die Belange des Verkehrswesens. 
Auch die eigenen Mitarbeiter der Bahn mußten erst mit großem Aufwand für das Problem der drohenden Abwanderung von Kunden zur Konkurrenz sensibilisiert werden.
Zum Zwecke der Kundenberatung im Güterverkehr gründete die Reichsbahn in größeren Städten Auskunftsstellen, die kostenlos über die vielfältigen Transportmöglichkeiten der Reichsbahn und ihre Tarife informierten. Die zentrale "Reichsbahn-Auskunftei für den Güterverkehr" hatte in Berlin in der Nähe des Anhalter Bahnhofs ihre Sitz. Diese produzierte auch eine Vielzahl von Werbeplakaten und Informationsbroschüren.
Während die Werbung um die Frachtkunden von der Reichsbahn praktisch im Alleingang realisiert wurde, suchte sie sich für die gemeinsame Werbung um in- und ausländische Reisekunden kompetente Partner: Bei allen diesen Gesellschaften war die Reichsbahn wichtiger Mitgesellschafter (MITROPA und MER) bzw. ab 1928 sogar alleiniger Gesellschafter (RDV). Wie die Reichsbahn selbst, besaßen aber diese Partner anfangs ebenfalls noch keine wirklich umfassenden eigenen Erfahrungen im Bereich der erfolgreichen Kundenwerbung.
Reichsbahnzentrale für den Deutschen ReiseverkehrMITROPAMitteleuropäisches Reisebüro
Mit der Reichspost besaß die Reichsbahn einen wichtigen Kunden (Bahnpost) und gleichzeitig einen Partner in der Werbung um Kunden, mit dem zwar kaum gemeinsam aber zumindest abgestimmt um Reisekunden geworben wurde. Die Reichspost war ebenfalls ein öffentliches Unternehmen, mit dem es eigentlich keine Konkurrenz geben sollte. 
Jahrhundertelang hatte die Post in ihren Postkutschen nicht nur Briefe und Pakete, sondern auch Reisende transportiert. Die geringe Transportgeschwindigkeit und das vergleichsweise geringe zur Verfügung stehende Transportvolumen bereiteten den Eisenbahnen aber in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz keine wirkliche Konkurrenz. Durch die starke Motorisierung nach dem I. Weltkrieg war es der Post aber zunehmend möglich, Fahrgäste schnell und bequem in ihren Postbussen zu befördern und obendrein praktisch jeden Ort im Lande zu erreichen. Das war der Eisenbahn mit ihrem bestehenden Schienennetz so nicht möglich.
Das Verhältnis von Reichsbahn und Reichspost war dadurch gekennzeichnet, daß sich beide Transportunternehmen sinnvoll ergänzten und gegenseitig als Zubringer für Fahrgäste und Expreßgut fungierten. Besonders in Kur- und Erholungsorten ohne eigenen Bahnanschluß bot die Post dem an- und abreisenden Kurgast samt Gepäck gute Möglichkeiten, die Strecke zwischen dem Urlaubsort und dem nächstgelegenen Bahnhof komfortabel zu überbrücken.
Folglich wurden die Fahrpläne der Postbusse nicht selten mit den Fahrplänen der Reichsbahnzüge abgestimmt. Die Reichspost gab eigene Fahrpläne und eine Vielzahl von Werbebroschüren für Ihre Kraftpostlinien heraus, in denen meist auch die passenden Bahn-Anschlüsse aufgezeigt wurden. Die Post trat ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre auch vermehrt selbst als Reiseunternehmer in Erscheinung. Sie bot neben Halbtages- und Tagesfahrten auch Mehrtagesfahrten und in einigen Städten auch Stadtrundfahrten an. Eine wirkliche Konkurrenz zur Eisenbahn entwickelte sich aber nicht, da die Beförderungskapazitäten der Postbusse im Vergleich zur Eisenbahn gering blieben.

In Ermangelung eines wirklich geeigneten und leistungsfähigen Partners für die Verkehrswerbung schuf sich die Reichsbahn mit Wirkung vom 1.Juli 1934 ein eigenes Instrument zur Planung und Koordinierung ihrer Eigenwerbung, das Reichsbahn-Werbeamt für den Personen- und Güterverkehr (WER). Ihm oblagen die Vorbereitung und Durchführung sämtlicher Werbemaßnahmen von zentraler oder überregionaler Bedeutung sowie in Abstimmung mit den Reichsbahndirektionen deren Unterstützung bei regionalen Werbeaktivitäten. Das Werbeamt hatte weiterhin zur Aufgabe, die Öffentlichkeit über alle Neuerungen bei der Reichsbahn zu informieren, also beispielsweise über Tarifänderungen oder Sondertarife. Ebenso wurde von dieser Einrichtung ganz gezielt die Verkehrserziehung an den Schulen gefördert. 
Unter seiner Regie entstanden eine Vielzahl von Faltblättern, Broschüren und Plakaten, mit deren Hilfe über die unterschiedlichsten Leistungen der Reichsbahn informiert wurde.
Die selbst auferlegten Richtlinien für die Verkehrswerbung (Eigenwerbung) der Deutschen Reichsbahn sind in der gleichnamigen Dienstvorschrift DV165 festgehalten, welche im Volltext im Kapitel "Daten, Fakten, Dokumente" zu finden ist.

Die Deutsche Reichsbahn besaß mit den Außen- und Innenflächen ihrer Fahrzeuge und Gebäude ungezählte Möglichkeiten zur Platzierung von Sichtwerbung, die sie nur zu einem geringen Teil für ihre Eigenwerbung nutzen konnte. Um die Werbung Dritter auf diesen Flächen gewinnbringend zu ermöglichen, ohne sich selber mit diesem für ein Transportunternehmen artfremden Gewerbe beschäftigen zu müssen, hat die Reichsbahn ihre freien Flächen Werbegesellschaften exklusiv zur Verfügung gestellt. Sie hat dafür keinen Pachtzins erhoben, sondern wurde aus den Einnahmen dieser Unternehmen anteilig vergütet. Diese Unternehmen besaßen für bestimmte Regionen das Monopol für die Vermittlung dieser der Reichsbahn gehörenden Werbeflächen. Das war ein durchaus lohnendes Geschäft, immerhin betrugen in den Jahren 1925 bis 1929 die der Reichsbahn daraus erwachsenen Einnahmen durchschnittlich 2,5 Millionen Reichsmark jährlich.
Für den norddeutschen Raum, den Bereich der preußischen Reichsbahn-Direktionen sowie Mecklenburg und Oldenburg, besaß die Deutsche Eisenbahn-Reklame G.m.b.H. Berlin (DER) das Werbemonopol. Der Volltext des Reklamevertrages zwischen der Reichsbahn und der Deutschen Eisenbahn-Reklame GmbH ist im Kapitel "Daten, Fakten, Dokumente" zu finden.

Für den süddeutschen Raum, den Bereich der bayerischen Reichsbahn-Direktionen, sowie Sachsen, Baden und Württemberg, besaß die Süddeutsch-Sächsische Eisenbahn-Reklame G.m.b.H. (Süderg) mit Sitz in München vergleichbare Rechte.

Bereits vor Gründung der Deutschen Reichsbahn hatten diese Gesellschaften bzw. ihre Rechtsvorgänger entsprechende Verträge mit den Bahngesellschaften geschlossen, in die die DRG bei Ihrer Gründung eintrat und die später aktualisiert wurden.

Die Deutsche Eisenbahn-Reklame G.m.b.H. in Berlin-Friedenau entwickelte eine Vielzahl von Aktivitäten für Ihre Auftraggeber. Plakate und Schaukästen an und in Bahnhofsgebäuden wurden von ihr ebenso unterhalten wie Bilderrahmen in den Reisezugwagen. Sie vergaß dabei aber auch nicht, daß die Reklame in ihrer Wirkung um so erfolgreicher zu sein versprach, je mehr Personen sie zur Kenntnis nahmen, und das waren die Reisenden der Reichsbahn. Folglich wurde indirekt auch für Eisenbahnfahrten Werbung gemacht. 

Das von ihr herausgegebene "Verkehrsbuch für Deutschland", welches wohl vor allem in Bahnhofsrestaurants, Wartesälen und Speisewagen ausgelegen haben dürfte, ist nicht nur Werbeträger für Verkehrsvereine, Reiseveranstalter und Hotels aus ganz Deutschland. Es vermittelt auch

"Wissenswertes und Unterhaltendes von der Reichsbahn
und macht damit das Reisen mit der Eisenbahn interessanter und kurzweiliger. Es ist in Leinen gebunden und besitzt einen dem Einsatzzweck entsprechenden sehr festen und strapazierfähigen Einband im Format 15,5 x 23,5 cm. Es trägt den vermutlich wenig wirkungsvollen Vermerk

"MITNEHMEN im Interesse des reisenden Publikums VERBOTEN".


Mit dem Selbstverständnis eines großen Unternehmens im öffentlichen Auftrag unternahm die Deutsche Reichsbahn auch vielfältige Anstrengungen, Kinder und Jugendliche über alles Wissenswerte im Zusammenhang mit der Eisenbahn zu informieren. Zahlreiche spezielle Publikationen zeugen vom Bemühen der Reichsbahn, das Reisen mit der Eisenbahn schon vom Kindesalter an als wichtige Selbstverständlichkeit des Lebens darzustellen und über alle damit im Zusammenahng stehenden Fragen umfassend aufzuklären. Dabei wurde nicht nur über den Reiseverkehr sondern auch über die Problematik der Tarife und des Güterverkehrs sowie über die Technik der Eisenbahn und ihrer Fahrzeuge informiert. 
Natürlich war das auch schon ein wichtiger Schritt in Richtung Nachwuchs-Werbung für den eigenen Bedarf an hoch motivierten Arbeitskräften.. Die Reichsbahn bot vergleichsweise sichere Arbeitsplätze, wobei nicht verheimlicht wurde, daß den Eisenbahnern und ihren Familien besondere Härten durch häufigen aber nicht immer regelmäßigen Schichtdienst sowie hohes Verantwortungsbewußtsein und fast schon militärische Pflichterfüllung abverlangt wurden. 
Nebenstehend abgebildetes A5-Heft vom Verlag der Verkehrswissenschaftlichen Lehrmittelanstalt m.b.H. bei der Deutschen Reichsbahn von 1934 stellt auf immerhin 180 Seiten alle wissenswerten Aspekte des Eisenbahnverkehrs für Kinder verständlich dar.
Für Schulkinder wurde ab 1926 der Unterrichtsleitfaden "Vom Reisen mit der Eisenbahn" herausgegeben.

Obwohl dafür nicht ursprünglich vorgesehen, entwickelten sich ab 1927 auch die Reichsbahn-Kalender schnell zu höchst attrakttiven und beliebten Botschaftern für die große Leistungsfähigkeit der Reichsbahn. Sie fanden nicht nur bei den Eisenbahnern selbst sondern auch bei vielen Reisenden und Eisenbahnfreunden begeisterte Käufer.
Auf rund 150 Kalenderblättern pro Jahr mit mindestens ebenso vielen interessanten Fotografien und meist knappen aber informativen Texten wurden darin in kurzweiliger Form die unterschiedlichsten Bereiche des Eisenbahnbetriebs und seine Hintergründe beleuchtet. Somit wurden diese Kalender zu Werbeträgern für Fahrten mit der Eisenbahn.

Weitere bildliche Darstellungen von Reichsbahn-Reklame und Reise-Werbung mit Eisenbahn-Bezug

Homepage Thomas Noßke 2004 - 2006 www.epoche2.de Epoche II Eisenbahn zeitgenössisch Ende