Wie liest man 
Eisenbahnfahrpläne?
Vom "Meilenzeiger für
Deutschland" bis zum 
"Deutschen Kursbuch"!
Vollständige Wiedergabe einer Broschüre des Reichsbahn-Werbeamtes 
für den Personen- und Güterverkehr aus dem Jahre 1938.

Bilder: E. G. Hildebrandt, Berlin   Text: H. Miltner, Berlin


Wer vor hundert Jahren mit der ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fahren wollte, brauchte nicht zu fragen: "Wann fährt der nächste Zug?" Denn es ging nur ein einziger.
Und obwohl die alten Nürnberger damals den Kopf schüttelten und sagten: "Das ganze neumodische Zeug wird bald wieder vergessen sein, denn bei der Geschwindigkeit müssen die Menschen ja am Luftzug ersticken . . . " wurden rasch nacheinander weitere Eisenbahnstrecken gebaut.
Die erste deutsche Eisenbahn fuhr am 7. Dezember 1835 von Nürnberg nach Fürth. Und schon zehn Jahre später gab es das erste deutsche Kursbuch. Es nannte auf 166 Seiten bereits mehr als fünfhundert Orte mit den Abfahrts- und Ankunftszeiten der Posten und Eisenbahnen.
Im Jahre 1848 ließ dann das Genralpostamt zu Berlin einen "Meilenzeiger für Deutschland" erscheinen. Er enthielt neben rund 300 Poststrecken schon 56 Eisenbahnlinien. Aus den Bedürfnissen der Post entstand dann im Jahre 1850 das erste amtliche "Eisenbahn-, Post- und Dampfschiff-Coursbuch". Das war bereits ein richtiger Fahrplan mit allen Zeit- und Entfernungsangaben und einem "Extrateil für Equipagen". Denn in jener Zeit pflegten wohlhabende Leute ihre Equipagen samt Pferden mit auf die Reise zu nehmen. Im Jahre 1853 wurden z. B. auf den deutschen Bahnen 8778 Equipagen befördert.
Inzwischen war die Zahl der Eisenbahnlinien schon auf 200 angewachsen. Im Jahre 1878 tauchte zum erstenmal die Bezeichnung "Amtliches Reichskursbuch" auf; es umfaßte schon 1650 Seiten.
Wenn man bedenkt, daß heute auf jeder Kursbuchseite ungefähr 5000 Zahlen stehen, dann läßt sich die Riesenarbeit ermessen, die in den Fahrplänen steckt. Es ist die Arbeit von Jahrzehnten, Jahr für Jahr ergänzt, entsprechend der Entwicklung des Verkehrs. Im August jeden Jahres versammeln sich die Fahrplanbearbeiter der deutschen Reichsbahndirektionen, um die im Fahrplan notwendigen Veränderungen und Ergänzungen vorzunehmen; im Oktober treten dann alle am Eisenbahnverkehr interessierten Länder zu der "Europäischen Fahrplankonferenz" zusammen, die die Zugverbindungen auf den wichtigsten europäischen Durchgangslinien festlegt.

Soll man nun m i t oder o h n e Kursbuch reisen?

Auf jedem Bahnhof gibt es Eisenbahnbeamte oder besondere Auskunftstellen, die Aufschluß über alle Reisewege geben. In den Bahnhofshallen hängen die übersichtlichen Aushangfahrpläne, außerdem große Tafeln, die die Abfahrt- und Ankunftzeiten angeben. Vielen Reisenden genügt das. Wer aber mehr von der Reise haben, wer sie schon vorher im Geiste erleben will, der "tüftelt" sich den Reiseweg und die Anschlußverbindungen selber aus. Mit dem Fahrplan in der Hand weiß er auch jederzeit Bescheid, wo er sich gerade befindet, welche Ortschaften berührt werden und wann er sie erreicht. Und wer sich obendrein bei den Fahrkartenausgaben noch die von der Reichsbahn für alle Hauptreisewege herausgegebenen ausgezeichneten Streckenführer "Reisen und Schauen" beschafft (Stückpreis 20 RPf), der wird auch in erschöpflicher Weise über die Landschaft und die Sehenswürdigkeiten längs des Schienenstranges unterrichtet, für den wird die Reise zum unvergeßlichen Erlebnis.

Aber wie lese ich ein Kursbuch?

Das mag manchem im ersten Augenblick Kopfzerbrechen bereiten. Er sieht sich beim Umblättern der Seiten in einen Zahlendschungel versetzt. Aber es ist eine überflüssige Angst. Denn die Reichbahnkursbücher sind Musterbeispiele an Klarheit und Übersichtlichkeit. Man muß nur alles lesen, man darf keine Zeichen übersehen. Und deswegen ist es vor allem wichtig, zunächst einmal den "Kursbuchschlüssel" zu lesen. Er enträtselt die "Geheimnisse" des Kursbuches. Der Kursbuchschlüssel ist die Gebrauchsanweisung für den Fahrplan.
Er gibt Erläuterungen zu den in den Fahrplänen enthaltenen zeichen, er klärt über die zwischen, über und unter den Fahrplanspalten angegebenen Zeichen auf, er unterrichtet über die Verschiedenheit der europäischen Zeiteinteilung, ob Mitteleuropäische Zeit (MEZ), Westeuropäische Zeit (WEZ), Westeuropäische Sommerzeit (WESZ) oder Osteuropäische Zeit (OEZ). Der Kursbuchschlüssel enthält weiterhin Angaben darüber, wie man feststellen kann, ob der Zug Post mitführt, ob Speise- oder Schlafwagen mitfahren, ob ein Zollkontrolle notwendig wird usw.
Im Fahrplan selbst sind diese Dinge nur durch Zeichen oder Buchstaben, durch Fettdruck, Linien und Punkte angedeutet.
Wer ein Kursbuch richtig lesen und dadurch vor Überraschungen sicher sein will, darf auch das kleinste Zeichen auf der Fahrplanleiste nicht übersehen. Denn schon der Doppelpunkt hat eine Bedeutung. Nichts ist unklar auf den Fahrplanleisten, sofern man erst angewöhnt hat, zunächst erst einmal die Zeichen zu beachten. Man weiß dann ganz genau, ob es sich um einen FD-Zug oder einen Eilzug handelt, man erfährt, welche Wagenklassen der Zug mitführt, wie hoch der Zuschlag ist, auf welcher Seite man den Anschlußzug zu suchen hat, ob ein bestimmter Zug nur werktags und nicht auch an Sonn- und Feiertagen verkehrt oder ob er überhaupt nur in einem bestimmten Zeitraum (in den Somemrmonaten zum Beispiel) läuft. Die Voraussetzung für das Kursbuchlesen ist also die genaueste Beachtung der Zeichen.

Welches Kursbuch wähle ich?

Im "Deutschen Kursbuch", das im Sommer 1938 einen eigenen Auslandsteil erhielt, findet der Reisende erschöpfende Auskunft über alle Fahrgelegenheiten auf den Schienen- und Reichsbahnschiffsstrecken, sowie auf den Reichsbahn-Kraftomnibuslinien im großdeutschen Raum. Es ist so gebunden, daß die einzelnen Teile herausgetrennt und einzeln verwendet werden können und kostet 2,50 RM (mit Auslandsteil 3 RM).
Wer isch nur für ein Teilgebiet interessiert, kann sich vielleicht auch mit einem der nachstehend aufgeführten Gruppenkursbücher begnügen. Es gibt neben dem "Deutschen Kursbuch":
a) Das Reichs-Kursbuch Nordost- und Mitteldeutschland
es reicht südlich bis zum Main, westlich bis zur Linie Fankfurt(Main) - Kassel- Hamm(Westf) - Münster(Westf) - Norddeich.
b) Das Reichs-Kursbuch West-Deutschland;
es reicht südlich bis zur Linie Saarbrücken - Mannheim - Würzburg und östlich bis zur Linie Würzburg - Hannover - Hamburg
c) Das Reichs-Kursbuch Südwest-Deutschland;
es reicht nördlich bis zur Mosel, östlich bis zur Linie Nürnberg - München und südlich bis einschließlich Schweiz
d) Das Reichs-Kursbuch Südost-Deutschland;
es reicht nördlich bis zur Linie Erfurt - Frankfurt(Main), westlich bis zur Linie Frankfurt(Main) - Stuttgart - Zürich und enthält auch die Fahrpläne der österreichischen Strecken.

Diese Gruppenkursbücher kosten nur 1 RM. Neben den Kursbüchern geben die Reichsbahndirektionen noch Taschenfahrpläne für ihre Bezirke heraus.
Wer also nur Reisen im engeren Heimatbezirk unternimmt, findet erschöpfenden rat und Aufschluß in en Gruppenkursbüchern und Taschenfahrplänen.

Wie erleichter man sich das Kursbuchlesen?

Man wird sich zunächst einmal klar über den Inhalt. Die amtlichen Kursbücher und Taschenfahrpläne enthalten einheitlich in nachstehender Reihenfolge:
Kursbuchschlüssel
Allgemeine Bestimmungen für Reisende
Fahrpreise, Fahrpreisermäßigungen, Zoll- und Paßvorschriften, Tarife für Gepäck, Expreßgut usw.
Ortsverzeichnis
Übersicht der Fernverbindungen
Fahrpläne
Den amtlichen Kursbüchern liegt ferner eine Übersichtskarte und ein Zug- und Wagenverzeichnis der Schnellzüge und wichtigsten Eil- und Personenzüge bei.
Die Übersichtskarte zeigt auf der Vorderseite das ion dem Kursbuch behandelte Gebiet und auf der Rückseite eine Karte für den Fernverkehr.
Aus dem Zug- und Wagenverzeichnis kann man für jeden wichtigen Zug ersehen, welche Personen-, Schlaf- und Speisewagen und welche Klassen er führt, wie der Lauf des Zuges und seiner "Kurswagen" ist, aus welchen Zügen die Kurswagen kommen und auf welche sie übergehen. Unter "Kurswagen" versteht man solche Wagen, die vom Ausgangsbahnhof nach Orten laufen, die nicht Endziel des vom Ausgangsbahnhof abgehenden Zuges sind. Diese Wagen werden also auf Unterwegsbahnhöfen von einem Zug in den anderen umgestellt, wodurch für die Reisenden das Umsteigen wegfällt. Ein Zug von München nach Berlin über Regensburg-Hof kann also "Kurswagen" enthalten, die in Hof abgekuppelt werden und nach Breslau fahren.
Im übrigen ist es vorteilhaft, beim Lesen des Kursbuches stets auf die Strecken- und Zugnummern zu achten. Jede Strecke erscheint in den Aushangfahrplänen, in den Kursbüchern und in den Taschenfahrplänen stets unter der gleichen Nummer. Wer häufig reist, prägt sich zweckmäßig die Nummer der Strecke ein, wodurch er sich das Suchen erleichtert.

Das aufschlußreiche Ortsverzeichnis

Es ist ein kleines geographisches Nachschlagewerk, das viel Wissen vermittelt. Im Orstverzeichnis erschienen alle Orte, die im Kursbuch genannt sind, in der Buchstabenfolge. Bei Ortsnamen, die mit Umlauten beginnen, sind die Buchstaben Ä, Ö und Ü unter Ae, Oe und Ue zu suchen. Ortsnamen mit dem Zusatz "Bad" sind unter "Bad" einegereiht, zum Beispiel Bad Kösen, Bad Münster a Stein usw. Die Namen ausländischer Bahnhöfe sind - sofern es sich um Orte handelt, für die neben der fremden auch eine deutsche Ortsbezeichnung üblich ist - doppelsprachig bezeichnet. Doch werden solche Doppelbezeichnungen nur in einem beschränkten Umfang angewandt, zum Beispiel Mitau = Jelgava, Wirballen = Virbalis, Agram = Zagreb, Thorn = Torun, Brünn = Brno usw.
Neben den Ortsnamen sind die Streckennummern angegeben, unter denen die den Bahnhof berührenden Fahrpläne ihrer Nummernfolge nach im Kursbuch zu finden sind. Dabei ist zubeachten, daß die Nummern der Fernverbindungen fett gedruckt sind. Im gleichen Fettdruck erscheinen auch wichtige Eisenbahnknotenpunkte; unter diesen folgen in der Buchstabenfolge die Orte, nach denen vom Knotenpunkt aus erfahrungsgemäß rege Verkehrsbeziehungen bestehen. Der Reisende erfährt dabei gleichzeitig die Entfernungen zu den einzelnen Orten, woraus er wieder den Fhrpreis errechnen kann. Nehmen wir aus dem Kursbuch als Beispiel
 
Augsburg Hbf
km nach
127 Ansbach  415
280 Bad Kisisingen  1.  415
613 Berlin  1
695 Bremen  4
125 Füssen  35.  404g  usw.
Der Reisenden weiß also, daß es von Augsburg bis Ansbach 127 Kilometer sind, von Augsburg nach Berlin 613 und von Augsburg nach Bremen 695 Kilometer. Mit diesen Kilometerangaben kann er sich gleich an Hand der Fahrpreissätze im Abschnitt "Allgemeine Bestimmungen für Reisende" den Fahrpreis ungefähr ausrechnen. Die in den Kursbüchern aufgeführten Kilometerzahlen geben nämlich nicht die Luftlinie oder die Entfernung auf den Straßen oder Autobahnen an, sondern die Länge des Schienenweges.
Wichtige, oft über das Verkehrsgebiet des Kursbuch hinausgehende Verbindungen findet der Reisende in der "Übersicht der Fernverbindungen". Die Fahrpläne dieser Fernverbindungen sind auf gelbem Papier gedruckt, um das Suchen im Kursbuchh zu erleichtern.
Das Kursbuch unterscheidet:
den Fahrplan des einzelnen Zuges und
den Fahrplan der einzelnen Strecke.
Während unter dem Fahrplan eines Zuges die Angabe der Verkehrszeiten für die vom Zuge berührten Bahnhöfe zu verstehen ist, ergibt die Zusammenfassung aller Einzelfahrpläne der auf einer Strecke verkehrenden Züge den übersichtlichen Fahrplan einer Strecke. Die Zahlen, die der Kursbuchleser dabei hinter einzelnen Bahnhöfen findet, weisen auf die Anschlußzeiten hin.

Die Verschiedenheit in der Zeitrechnung

Wenn ein Zug um Mitternacht ankommt, wird die Ankunftszeit mit 24 Uhr angegeben, fährt er um mitternacht ab, dann heißt es 0 Uhr. Bei Auslandreisen muß man aber auf die bereits erwähnten Unterschiede in der Zeitrechnung achten.

Die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) gilt in Dänemark, Groß-Deutschland, Italien, Jugoslawien, Litauen, Polen, Schweiz, Tschechoslowakei, Tunis und Ungarn.
Die Westeuropäische Zeit (WEZ) geht eine Stunde gegen die Mitteleuropäische Zeit nach. Sie gilt in Allgier, Belgien, England, Frankreich, Marokko, Portugal und Spanien.
Die Westeuropäische Sommerzeit - WESZ - (die der MEZ entspricht) gilt in Belgien, England, Frankreich und Portugal.
Die Osteuropäische Zeit (OEZ) geht im Vergleich zur Mitteleuropäischen Zeit ein Stunde vor. Sie gilt in Ägypten, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, in der Türkei, in Finnland, Estland und Lettland.
In Holland richtet sich die Landeszeit nach dem Längengrad seiner Hauptstadt. Die Amsterdamer Zeit (AZ) geht 40 Minuten nach, die Amsterdamer Sommerzeit (ASZ) 20 Minuten gegenüber der Mitteleuropäischen Zeit vor. Ist es also in Berlin, Mailand, Warschau, Bern 8 Uhr, so zeigen die Ühren in Brüssel, Paris, London im Winter 7 Uhr, in Athen, Sofia, Bukarest schon 9 Uhr, in Amsterdam im Winter 7.20 Uhr.
 

Zeitvergleichung:
Mitteleuropäische Zeit:
Dänemark, Deutschland, Italien, Jugoslawien, Litauen, 
Polen, Schweiz, Tschechoslowakei, Tunis, Ungarn
Westeuropäische Zeit:
Im Sommer: Algier, Marokko, Spanien
im Winter: Algier, Belgien, England, Frankreich, Marokko, Protugal, Spanien
Westeuropäische Sommerzeit:
Belgien, England, Frankreich, Portugal
Osteuropäische Zeit:
Ägypten, Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Rumänien, Türkei
Amsterdamer Zeit:
Holland
Amsterdamer Sommerzeit:
Holland
Wie in Europa, so richten sich auch in den anderen Erdteilen die Uhrzeiten nahc denMeridianen. In Amerika zum Beipsiel gibt es fünf verschieden Zeiten, die um fünf, sechs, sieben, acht und neun Stunden gegen die MEZ nachgehen.

Wie beginnt man die Suche in einem Kursbuch?

Es sei wiederholt: Zunächst muß man den Kursbuchschlüssel kennen und sich vorgenommen haben, keines der neben den Zahlen oder in den Spalten stehenden Zeichen zu übersehen. Wenn beispielsweise ein W vermerkt ist, dann heißt das, der zug verkehrt nur werktags, steht dagegen ein S da, dann verkehrt der Zug nur an Sonn- und Feiertagen. Diesen Kennzeichen entsprechen in ausländischen Fahrplänen ein Kreuz für S und zwei gekreuzte Hämmer für W.
Am schnellsten findet sich der Reisende im Kursbuch zurecht, wenn er zunächst im Ortsverzeichnis den Zielort seiner Reise sucht. Neben den Ortsnamen steht die Streckennummer. Sie verweist auf den Streckenfahrplan. Die Streckenfahrpläne sind leicht zu finden, da sie im Kursbuch nach ihrer Nummernfolge geordnet sind. Stehen neben den Ortsnamen mehrere Streckennummern, so bedeutet dies, daß an diesem Ort mehrere Strecken zusammenstoßen, die alle ihre eigene Streckennummer führen. Will der Reisende eine Anschlußstrecke befahren, so kann er deren Streckenfahrplannummer am leichtesten aus der jedem Kursbuch beigegebenen Übersichtskarte entnehmen.
Die beiden Richtungen einer Strecke laufen unter der gleichen Streckennummer. Wo es die Zahl der verkehrenden Züge zuläßt, sind die Bahnhofsnamen in der Mitte des Fahrplanes aufgeführt. Man hat daher bei nur einmaliger Bahnhofsnennung die Verkehrszeiten einmal in der Zugrichtung abwärts, das andere Mal in der Zugrichtung aufwärts zu lesen. Bei den belebteren Strecken sind für jede Fahrtrichtung eine oder mehrere Fahrplanseiten vorgesehen.
Zwischen den dünnen waagerechten Strichen unter der Ankunftszeit und über der Abfahrtszeit eines Übergangsbahnhofes (Knotenpunktes) sind in der Regel die günstigsten und zeitlich nächsten Verbindungen ohne Rücksicht auf die Gattung und die Klassen der Anschlußzüge in Schrägschrift als "Anschlüsse" aufgenommen.
Den Namen der Anschlußbahnhöfe sind die Nummern der Anschlußstrecken beigefügt.

Ein praktisches Beispiel

Eine kleine Gesellschaft plant einen Ausflug von Berlin nach Königslutter. Fritz wälzt den Fahrplan. Über das Ortsverzeichnis und die danebenstehende Streckennummer 183 hat er herausgefunden, daß für die Reise die Strecke Berlin - Magdeburg - Braunschweig - Hannover in Frage kommt. Abfahrt 5.30 Uhr vom Potsdamer Bahnhof mit den Zug Nr. 364.
"Bischen zeitig" - meinten die anderen.
Fritz aber trumft auf: "Leider nicht anders zu machen . . ."
Da greift Georg nach dem Kursbuch.
"Fritz" - sagt er - "Du mußt aber noch tüchtig lesen lernen . . ."
"Wieso, erlaube mal . . ."
"Na, hast Du hier in der Spalte des Zuges nicht gesehen, daß dieser Zug in Magdeburg endet und wir dort umsteigen müssen? Der Anschlußzug geht erst in einer Stunde weiter. Wir erreichen ihn auch noch, wenn wir um 7.12 Uhr in Berlin wegfahren. Wozu also schon um 5.30 uhr abfahren, wenn man in Magdeburg sowieso warten muß?"
"ja" - meint Fritz kleinlaut - "das habe ich in der Eile übersehen."
"Ja, lieber Freund" - klärt georg ihn auf - "wenn Du so oberflächlich Kursbücher liest, wirst Du Dich öfters verhauen. Die Zeichen sind dochnicht zum Vergnügen da hingekrakelt. Wenn Du das alles erst mal richtig "spitz" hast, wird das Kursbuch zu einer interessanten Lektüre. Du kannst Dir auf die Minute genau die verzwicktesten Reisen zusammenstellen. Wenn Du nichts übersiehst dabei, klappt es dann auch auf die Minute."
"Na ja, wieder wollen doch aber blos nach Königslutter . . . "
"Auch dabei speilt es schon eine große Rolle, das Kursbuch genau zu lesen. Siehst Du hier die kleine dünne Linie in der Mitte der Zugspalte? Was besagt sie? Daß der 7.12-Uhr-Zug im gegensatz zu dem von Dir vorgeschlagenen Zug nicht auf allen Bahnhöfen hält."
"Oh" - meint ein Dritter, der einen schmalen Geldbeutel hat - "da müssen wir bei diesem schnellfahrenden Zug wohl Zuschlag zahlen?"
"Aber nein" - klärt Georg etwas erbost über die schlechten Kursbuchleser auf - "zuschlagpflichtige Eil- und D-Züge sind im Fahrplan fett gedruckt. Übrigens versteht die Reichsbahn unter dem Begriff "schnellfahrende Züge" solche Züge, die neunzig und mehr Kilometer in der Stunde fahren."
Der zurechtgewiesene Fritz nimmt sich jetzt die Fahrplanseite wieder genauer vor, als eine neue Frage auftaucht: "Hat der Zug auch dritte Klasse?"
Fritz guckt in den Fahrplan, aber er findet keine Antwort auf die Frage. "Weiß ich nicht!"
Georg schaut ihm über die Schulter: "Aber da steht's doch, ganz oben in der Spalte unter der Zugnummer: 2. und 3. Kl. - Ja, Fritz, man muß halt lesen können . . . "
Am Sonntagmorgen eght ide Reise los. Im Abteil treffen sie einen Reisenden reichlich sauertöpfischer Miene.
Georg war guter Laune. Er wollte sie auch dem Mitreisenden beibringen und scherzte: "Scheußliches Wetter heute . . . "
Dabei strahlte die Sonne vom klarblauen Himmel.
Es schien fast so, als hätte der Mitreisende auf einen Menschen gewartet, den er anfauchen kann:
"Ja, zum Auswachsen ist das . . . nur Schikane . . . aber nicht das Wetter, Herr, sondern die dort an der Sperre haben mir den Sonntagmorgen verdorben. "Den Handwagen dürfen Sie aber nicht mit ins Abteil nehmen" - sagte mit einer - und dann mußte ich die Karre tatsächlich als Gepäck aufgeben. . . soll man da nicht wütend werden?"
"Warum?" - fragte harmlos Georg zurück - "man muß sich doch nach den einmal festgelegten Bestimmungen richten . . . "
"Was für Bestimmungen . . . ? Nirgends steht, daß ich meinen Handwagen nicht mit im Abteil mit nach Großwusterwitz nehmen darf . . . "
"Doch" - belehrt Georg ruhig den Mann - "es ist zwar nicht von Ihrem Handwagen die Rede, aber im Kursbuch steht unter den "Allgemeinen Bestimmungen", daß nur Handgepäckstücke in das Abteil mitgenommen werden dürfen, die über oder unter dem Sitzplatz untergebracht werden können. Das wäre bei Ihrem Handwagen doch wohl unmöglich gewesen. Mit Schikane hat das gar nichts zu tun, im Gegenteil, es entpricht de rselbstverständlcihen Rücksichtnahme auf die Mitreisenden, die ja auch ihr Handgepäck unterbringen wollen. Übrigens: Wohin wollen Sie? Nach Großwusterwitz? Der Zug hält doch gar nicht in Großwusterwitz!"
"Weiß ich selber" - knurrt verdrossen der Mann - bin letzten Mittwoch schon mit dem gleichen Zug gefahren . . . in Brandenburg steige ich aus und habe dann um 8.15 Ur Anschluß nach Großwusterwitz!"
Jetzt mußte Georg dem verärgerten Manne neuen Verdruß bereiten. "Ja, am letzten Mittwoch war das in Ordnung; heute aber ist Sonntag, und im Kursbuch trägt dieser Zug den Vermerk "W" mit einer Sägelinie neben den Verkehrszeiten, das heißt, daß er nur werktags verkehrt, an Sonn- und Feiertagen aber ausfällt."
Die Nichtbeachtung des Kursbuchschlüssels und der Zeichen hat dem Reisenden nach Großwusterwitz also nicht nur Ärger, sondern auch einen 1½stündigen Aufenthalt in Brandenburg eingebracht.
*
Der Zug mit der kleinen Reisegesellschaft läuft in Magdeburg ein. Der Schaffner ruft: "Richtung Hannover umsteigen!" Georg fordert zum Umsteigen auf.
"Ja, können wir denn nicht bis Königslutter sitzen bleiben?"
Georg antwortet: "Nein, dieser Zug fährt gar nicht nach Königslutter. Lest doch den Richtungsanzeiger auf dem Bahnsteig draußen - und außerdem steht es im Kursbuch: der Zug läuft über Halberstadt nach Aachen.
*
Zwei Anschlußzüge stehen zur Verfügung: E 142 und P 308.
"Welchen nehmen wir nun?"
Georg vergleicht die Zeiten. Der Eilzug kommt um 10.25 Uhr, der Personenzug um 11.09 Uhr in Königlutter an. Bei dem Eilzug steht ein E neben der Zugnummer, außerdem sind die Zahlen fettgedruckt. Das heißt also: er ist zuschlagpflichtig.
"Wieviel macht das aus?" - fragt einer.
"Augenblick mal, werden wir gleich haben" - sagt Georg - "im Kursbuch steht nämlich alles, man muß es nur zu lesen verstehen. Hier ist es schon:
 
Königslutter von Berlin entfernt = 205,3 Kilometer
Magdeburg von Berlin entfernt = 141,9 Kilometer

also Entfernung Magdeburg - Königslutter = 63,4 Kilometer

Und jetzt einen Blick auf die Seite "Allgemeine Bestimmungen für Reisende."
Hier steht:

Zuschläge für Eilzüge
1. Zone 1-75 Kilometer 3. Klasse 0,25 RM
"Teurer nicht?" . Die Wahl ist schnell getroffen. Die Reisegesellschaft fährt mit dem bequemen und schnellen Eilzug weiter.
"Haben wir aber noch Zeit, die Zuschölagkarten zu lösen?"
"Ist gar nicht nötig . . . die bekommen wir beim Schaffner im Zug."
"Ausgezeichnet!" - fällte ein Durstiger ein - "jetzt fehlt nur noch ein kühles Bierchen."
"Werden wir auch gleich haben" stellt Georg sachlich fest - "denn Ihr müßt wissen, wenn in der Fahrplanspalte ein Weinglas steht, führt der Zug einen Wirtschaftsbetrieb mit, dann gibt's im Zug zu essen und zu trinken, soviel Eure Geldbeutel vertragen . . .
Habt Ihr nun begriffen, wie wichtig es ist, das Kursbuch richtig zu lesen? Schon bei dieser kleinen Reise hat sich's gezeigt."
*
10.25 Uhr! E 142 braust in Königslutter ein.

Homepage Thomas Noßke 2006 www.epoche2.de Epoche II Eisenbahn zeitgenössisch Ende