Deutsche Reichsbahn
Fahrpreise und Zuschläge
Stand 1926

Ungekürztes Zitat aus der Broschüre:
Vom Reisen mit der Eisenbahn. Ein Leitfaden für den Unterricht in den oberen Klassen der Schulen und Fortbildungsschulen.
Bearbeitet im Auftrage der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft im Reichsbahn-Zentralamt. Berlin 1926. Verlag der Verkehrswissenschaftlichen Lehrmittelgesellschaft m.b.H. bei der Deutschen Reichsbahn.


Gewöhnliche Fahrpreise
Die Fahrpreise sind nach Kilometern berechnet. Im Gebiet der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft kostet 1 km in Eil- und Personenzügen
in 1. Klasse 11,6 Pf.,
in 2. Klasse   5,8 Pf.,
in 3. Klasse   4,0 Pf.
und in 4. Klasse    3,3 Pf.
Soldaten zahlen für 1 km 1,5 Pf. Die Fahrpreise werden nach oben aufgerundet, und zwar bis 10 M auf 10 Pf., von 10 bis 40 M auf 20 Pf. und über 40 M auf volle Mmark. Im Fahrpreis ist die Beförderungssteuer von 10 bis 16 Prozent enthalten.

Fahrkarten zwischen zwei Bahnhöfen gelten vielfach über verschiedene Strecken, die nicht gleichlang sind. In diesen Fällen wird für alle ungefähr gleichlangen Wege (sog. Wahlwege) dieselbe Entfernung zurgunde gelegt, und zwar in der Regel die des kürzesten Weges, über den günstige Verbindungen bestehen.
Um den Fahrpreis genau zu berechnen, muß man am Bahnhof die "Entfernungstafel" und die "Preistafel" einsehen; jene gibt für alle aufliegenden Fahrkarten die richtige (Tarif-) Entfernung, diese den Fahrpreis der Eil- und Personenzüge (zuschlagfreie Züge) für jede Entfernung an.
Bei Benutzung der D-Züge und einiger anderer Schnellzüge, die nicht aus D-Zugwagen bestehen, muß zu den oben genannten Preisen der "Schnellzugzuschlag" bezahlt werden. Er beträgt:

 
in Zone I Zone II Zone III
(bis 75 km) (76 - 150 km) (über 150 km)
in erster Klasse 2,- M 4,- M 6,- M
in zweiter Klasse 1,- M 2,- M 3,- M
in dritter Klasse 0,50 M 1,- M 1,50 M

Für die Benutzung der Fernschnellzüge wird außerdem noch ein Schnellzugzuschlag der Zone III erhoben. Entweder werden Fahrkarten (mit rotem Längsstrich, Aufdruck "Für alle Züge") ausgegeben, in deren Preis der Schnellzuschlag bereits enthalten ist, oder es muß zu den Fahrkarten für Eil- und Personenzüge eine besondere Schnellzugzuschlagkarte gelöst werden. Alle anderen Züge, besonders die Eilzüge, sind zuschlagfrei.


Fahrpreisermäßigungen

Es gibt eine große Reihe von Fällen, in denen ein niedrigerer Fahrpreis erhoben wird. Fahrpreisermäßigungen sind eingeführt, um die körperliche und geistige Ertüchtigung der Jugend zu fördern, um den Berufsverkehr zwischen Wohn- und Arbeitsort zu verbilligen, um der Bevölkerung Gelegenheit zur Erholung zu geben, um minderbemittelten Kranken die Fahrt zum Arzt und zum Krankenhaus zu ermöglichen u. dgl. Von den Fahrpreisermäßigungen sind die wichtigsten:

1. Ermäßigungen für Kinder
Kinder bis zum vollendeten vierten Lebensjahr werden frei befördert. Für Kinder vom vollendeten vierten bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr und für jüngere Kinder, für die ein Platz beansprucht wird (wichtig bei Zugüberfüllung), ist eine Fahrkarte zum halben Preis zu lösen. Wer Kinder über vier Jahre ohne Fahrkarte oder Kinder über zehn Jahre zum halben Fahrpreis mitnimmt, muß den doppelten Fahrpreis, mindestens aber 3 M, nachzahlen und kann außerdem wegen Betrugs bestraft werden.

2. Für Schüler und Studenten
Benutzen Schüler oder Studenten täglich die Bahn, so fahren sie auf Schülermonatskarte, fahren sie weniger oft zum Unterricht oder über Sonntag nach Hause, so lösen sieeine Schülerrückfahrkarte. Wer während der Ferien nach Hause fahren will, benutzt die Schülerferienkarte. Die Schülermonatskarte kostet etwa soviel wie 8 bis 10 einfache Fahrkarten, bei der Schülerrückfahrkarte und der Schülerferienkarte beträgt die Ermäßigung 50%. Das Nähere geht aus den Vordrucken hervor, die für den Antrag auf Ermäßigung nötig sind und an den Fahrkartenschaltern verkauft werden.

3. Schulfahrten und Fahrten zu wissenschaftlichen und belehrenden Zwecken
Bei gemeinsamen Ausflügen unter Leitung der Lehrer genießen die Studenten und Schüler eine Preisermäßigung von 50 %. An dem Ausflug müssen sich mindestens 10 Personen beteiligen.

4. Fahrten zugunsten der Jugendpflege
Unter 20 Jahre alte Mitglieder der Vereine, die sich der Jugendpflege widmen, z.B. Jugend-Fußballabteilungen der Turnvereine, Wandervereine, Fußballklubs erhalten bei gemeinschaftlichen Fahrten unter Leitung eines Erwachsenen eine Ermäßigung von 331/3 % gegen den Fahrpreis. Mindestens müssen sich 10 Personen an der Fahrt beteiligen. Auf je 9 Jugendliche erhält höchstens ein Erwachsener die Ermäßigung. Die Mindestentfernung beträgt 10 km. Schnellzüge dürfen nicht benutzt werden. Nötig ist eine behördliche Bescheinigung, daß der Verein Jugendpflege betreibt. Wer über 20jährig die Ermäßigung widerrechtlich benutzt, wird als Reisender ohne gültige Fahrkarte behandelt und setzt sich und den Leiter des Ausfluge strafrechtlicher Verfolgung aus.

5. Zur regelmäßigen Benutzung der Bahn gibt es Monatskarten - gültig für einen Kalendermonat -, die Teilmonatskarten - für eine Woche - und die Arbeiterwochenkarten, diese nur für die mit mechanischen oder Handarbeiten beschäftigten Personen.

6. Beamte, Angestellte und Arbeiter, die über Sonntag zu ihren Angehörigen fahren, erhalten Arbeiterrückfahrkarten 3. Klasse mit 50% Ermäßigung gegen gewöhnliche Fahrkarten.

7. Sonntagsrückfahrkarten werden ausgegeben, um den Bewohnern des flachen Landes den Besuch nahegelegener Großstädte und den Großstädtern den Besuch landschaftlich schön gelegener Ausflugsorten zu erleichtern. Sie gelten im allgemeinen zur Hinfahrt von Sonnabend (Samstag) mittag ab, zur Rückfahrt aber nur Sonntags. Die Ermäßigung gegen gewöhnliche Fahrkarten beträgt 331/3 %.

8. Feriensonderzüge, auch Sommersonderzüge genannt, fahren zur Erleichterung der Ferienreisen während der Sommermonate von den Großstädten nach der See, den deutschen Mittelgebirgen, nach Oberbayern und anderen viel besuchten Gegenden. Neuerdings werden auch Wintersportzüge eingelegt zum Besuch der Wintersportplätze. Zur Benutzung der Züge berechtigen nur die besonders ausgegebenen Sonderzugrückfahrkarten mit 1/3 Ermäßigung (meist nur 3. Klasse). Die Hinfahrt ist nur im Sonderzug, die Rückfahrt während 2 Monaten in beliebigen Zügen gestattet, in D-Zügen gegen Zahlung des Schnellzugzuschlages.
Ferner werden besonders an Sonntagen Verwaltungssonderzüge mit gleicher Ermäßigung - Sonnatgsausflugszüge - abgelassen, um dem Publikum Gelegenheit zum Besuche schöner Landschaften und Orte zu geben, die sonst schwer zu erreichen sind. Vielfach wird bei diesen Zügen eisenbahnseitig auch für gute Führung am Zielorte nach erprobten Plänen gesorgt. Die Hin- und Rückfahrt muß im Sonderzug - meist nur 4. Klasse - stattfinden.
Die gleiche Ermäßigung haben auch die Gesellschaftssonderzüge 1. bis 4. Klasse, die von Vereinen oder Gesellschaften bestellt werden. Für jeden Zug muß eine Mindestzahl von Fahrkarten gelöst werden (500 in 4. Klasse oder 340 in 3. Klasse).
Gesellschaften von 30 und mehr Personen genießen in fahrplanmäßigen Zügen in 1. bis 4. Klasse eine Fahrpreisermäßigung von 25 %. Die Reise muß vorher auf dem Bahnhof angemeldet werden und sich mindestens über 50 km erstrecken.

Die Fahrpreisermäßigungen - es gibt außer den genannten noch eine Reihe anderer - sind im Deutschen Eisenbahn-Personen- und Gepäcktarif, Teil I und II, enthalten, der bei allen Fahrkartenausgaben eingesehen werden kann.
 

Erhöhte Fahrpreise
Erhöhte Fahrpreise sind für Luxuszüge (z.B. Orient-Expreß, Ostende - Wien, Paris - Karlsbad) zu zahlen. Für Benutzung von Schlafwagen sind Bettkarten zu lösen. Die meisten Schlafwagen führen nur Schlafabteile 1. und 2. Klasse, in einzelnen Zügen auch 3. Klasse.
Benutzung von Güterzügen ist in Notfällen mit Fahrkarten 3. Klasse für Ärzte, Pfarrer, Hebammen zugelassen, für andere Reisende nur ausnahmsweise mit Genehmigung des Bahnhofsvorstandes gegen zwei Fahrkarten 3. Klasse und einen festen Zuschlag von 1,50 M.

Homepage Thomas Noßke 2006 www.epoche2.de Epoche II Zeitgenössische Darstellungen der Eisenbahn Tarife Ende