Der Wegfall der 4. Wagenklasse
zum Fahrplanwechsel am 7. Oktober 1928

Die 4. Wagenklasse war schon vor 1900 in Preußen, Sachsen, Mecklenburg und Oldenburg eingeführt worden, um besonders einfache und preisgünstige Reisemöglichkeiten für die Landbevölkerung zu schaffen. Diese wurden beispielsweise genutzt, um zum Markt in die nächste Stadt zu fahren und dabei auch umfangreiches Gepäck und Tiere mit in die Wagen nehmen zu können. Derartige Fahrten führten naturgemäß über keine besonders großen Entfernungen, so dass solche relativ kurze Reisen durchaus auch im Stehen absolviert werden konnten. Die Wagen der 4. Klasse besaßen anfangs oftmals nur kleine Fenster, äußerst simple Beheizung und sehr einfache hochklappbare Längsbänke an den Außenwänden, wodurch sich viel Platz im Wageninneren ergab. Mitunter waren derartige Wagen bei Bedarf ohne großen Aufwand in Güterwagen umrüstbar (sogenannte Fakultativwagen).
In Süddeutschland wurde die 4. Klasse erst später eingeführt, in Württemberg 1906 und in der Pfalz (linksrheinisches Netz der Bayerischen Staatsbahnen) 1907. In Baden und Bayern wurde die 4. Klasse erst 1918 eingeführt, als die damalige große allgemeine Not auch dort besonders billige Reisemöglichkeiten erforderte. Dort wurden auch keine speziellen Wagen für die 4. Klasse mehr beschafft, sondern vorhandene Wagen der 3. Klasse einfach umdeklariert.
Nach der Gründung der Deutschen Reichsbahn waren einige Reichsbahndirektionen für spezielle Aufgaben verantwortlich bzw. federführend. So war die RBD Erfurt zur Geschäftsführenden Direktion für die Fortbildung des Teil II des Deutschen Eisenbahn-Personen-, Gepäck- und Expreßguttarifs bestimmt. Das erklärt den Umstand, das viele in Zusammenhang mit den Personentarifen stehende Druckschriften einen Hinweis auf die RBD Erfurt tragen, auch wenn sie in allen anderen Direktionen zum Einsatz kamen, z. B. die so bezeichnete Erfurter Preistafel, welche die Fahrpreise für Personenzüge in Abhängigkeit von der Tarifentfernung auflistet. In der RBD Erfurt wurden auch die Vor- und Nachteile des Vierklassensystems bewertet und mit den Nutzungszahlen zu einer betriebswirtschaftlichen Analyse verarbeitet, in deren Ergebnis der Wegfall der 4. Klasse vorgeschlagen wurde. Aus Sicht der Bahnverwaltung ist eine geringere Zahl von Wagenklassen günstiger, da dadurch weniger verschiedene Fahrzeugtypen vorgehalten werden müssen und die Vielfalt der Tarife reduziert werden kann. Auch im internationalen Vergleich zeigte sich in den 1920er Jahren eindeutig ein Trend zur Reduzierung der Zahl der Wagenklassen, meist mit dem Ziel eines Zweiklassensystems.

Hauptgrund für die Abschaffung der 4. Wagenklasse war keineswegs, wie heute möglicherweise vermutet werden könnte, eine magelnde Nachfrage nach Fahrkarten der 4. Klasse. Vielmehr war das Gegenteil der Fall!
Für die Reisenden sind in den Jahren seit der Gründung der Reichsbahn die Untersschiede zwischen der 3. und 4. Klasse nahezu verschwunden. Die Einführung beschleunigter Personenzüge, welche im Gegensatz zu den Eil- und Schnellzügen auch die 4. Klasse führten, ermöglichten auch in der 4. Klasse längere Reisen ohne Umsteigen. 
Im ursprünglich beabsichtigten Verhältnis der Wagenklassen besaß die 4. Klasse Stehplätze, die 3. Klasse hatte feste Holzbänke, die 2. Klasse Polstersitze und die 1. Klasse Polstersitze mit besonderem Komfort. Moderne seit 1921 gebaute Einheitspersonenwagen besaßen im Hinblick auf die Qualität der Sitzbänke kaum noch Unterschiede zwischen der 3. und 4. Klasse. Die 4. Klasse war schon lange keine reine Stehklasse mehr. Aufgrund dieser verschwindenden Unterschiede wählten in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten immer mehr Reisende anstelle der 3. Klasse die preisgünstigere 4. Klasse.
Während im Jahr 1913 noch 59 von 100 Reisenden die 4. Wagenklasse benutzten, waren es 1925 schon reichlich 80 und im ersten Dreivierteljahr 1928 bereits fast 84. Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich natürlich ein zunehmender finanzieller Nachteil für die Eisenbahn. Diese "innere Abwanderung" der Reisenden von der 3. zur 4. Wagenklasse verursachte der Reichsbahn in der Zeit von 1925 bis 1928 jährliche Verluste von etwa 25-30 Millionen Reichsmark. Die Abschaffung der 4. Klasse war also hauptsächlich der schwierigen wirtschaftlichen Situation der Reichsbahn geschuldet und wurde mit dem Fahrplanwechsel am 7. Oktober 1928 vollzogen. Als Entgegenkommen der Reichsbahn wurden gleichzeitig die Tarife für die 3. Wagenklasse erheblich gesenkt und die Preisrelation zwischen 3. und 2. Wagenklasse zugunsten der 2. Klasse verbessert. Die 2. Klasse war nach der Reform nur 12% teuerer als die 3. Klasse vor der Reform. Gleichzeitig wurde aber auch der Eilzuzuschlag eingeführt, den es vorher nicht gab.

Der vorhandene Fahrzeugbestand wurde zunächst einfach umbezeichnet und in den Folgejahren umgebaut. In Baden und Bayern wurden die ehemals drittklassigen Wagen einfach wieder in ihren Ursprungszustand versetzt. Die reinen 4. Klasse-Länderbahnwagen in Norddeutschland wurden in den Folgejahren schrittweise ausgemustert und weitgehend durch neugebaute Einheitswagen ersetzt. Die vorhandenen moderneren Wagen erforderten Umbauten der ehemaligen 4. Klasse-Abteile, was sich später in der Gattungsbezeichnung niederschlug; so wurde aus einem CDi-23 nach der Umrüstung ein CCid-23.
Bei der Zusammenlegung von 3. und 4. Klasse waren auch Überlegungen zum Traglastenverkehr erforderlich, welcher besonders in Norddeutschland und Sachsen stark ausgebildet war. Es entstanden teilweise aus gemischten 3./4. Klasse-Wagen durch Umbau 3. Klasse-Wagen mit Traglastenabteil, trotzdem konnte diese Problematik nicht überall zugunsten der Reisenden gelöst werden. Verschiedentlich wurden ehemalige 4. Klasse-Wagen einfach nur umbezeichnet, andernorts mußten die Reisenden für ihre Traglasten fortan die Gepäckwagen benutzen.


Nachfolgend werden drei Originaldokumente der RBD Erfurt wiedergegeben, die im Oktober 1928 die Reisenden und die Bahnbediensteten über die wichtigsten mit dem Wegfall der 4. Wagenklasse verbundenen Änderungen informierten.

Tarifänderung am 7.Oktober 
bei der Reichsbahn.
 

Aushang-Plakat
zur Information der Reisenden

Format A2
 

Volltext


Für welche Züge u. Klassen gelten 
die Fahrkarten bei der Reichsbahn 
vom 7. Oktober 1928 an?
 

Mehrfarbiges Aushangblatt 
für die Fahrkartenausgaben

Format 35,4 x 27,4 cm
 

vollständige schematische Wiedergabe


Die wichtigsten Neuerungen der Personentarife bei der Reichsbahn 
vom 7. Oktober 1928 an.

Mitteilungsblatt für die Reichsbahnbediensteten

Format A5, 8 Seiten
 

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